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Reizwort mit H, geschlossen und offen

Neuer Lokalismus und alte Traditionen: Wie hält es die Linke mit dem Begriff »Heimat«?

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 6 Min.

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Schon vor 20 Jahren gab es eine Kampagne namens »Nie wieder Heimat«. Sie richtete sich gegen den »Tag der Heimat« des Bundes der Vertriebenen. In dessen Parole vom »Recht auf die Heimat« - mit bestimmtem Artikel - sah man revanchistischen Ungeist: Inwiefern sollten Ostpreußen oder Schlesien »die Heimat« sein für die ja schon damals oft in München oder Hamburg geborenen BdV-Mitglieder, wenn damit nicht territoriale Ansprüche gemeint waren?

Nun gibt es wieder einen Aufruf gegen »Heimat«, und das mit weitaus mehr Resonanz: Unter der Überschrift »Solidarität statt Heimat« kritisieren linke Organisationen den Rollback nach dem »kurzen Sommer der Migration«. Das Wort mit H kommt indes nur einmal vor: Ein »wohliges Privatglück in der ›Heimat‹« fungiert als Gegenbild aufgeklärten Denkens. Gemeint ist kein Ort, sondern ein Geisteszustand: eine nur scheinbar unpolitische Borniertheit und Tümelei, die sich AfD-mäßig gegen Neues und Fremdes stellt. Sinngemäß steht das Reizwort also auch hier mit bestimmtem Artikel, indem es etwas feststehend Gegebenes bezeichnet.

Was aber ist schlimm an »wohligem Privatglück«? Beschreibt nicht ein »Recht auf Heimat«, wie vor einigen Jahren vom Schriftsteller Bernhard Schlink gefordert, exakt den Inhalt der »Willkommenskultur«? Also ein »Recht darauf, an einem Ort rechtlich anerkannt und geschützt zu leben und nicht nur zu leben, sondern zu wohnen und zu arbeiten, Familie und Freunde, Erinnerungen und Sehnsüchte zu haben«? Eine solche Anrufung des Wortes - mit unbestimmtem Artikel! - ist nichts anderes als Solidarität.

Wovon also spricht das H-Wort? Von Besitzstand oder Angebot, von Ausschluss oder Einschluss, von vergangener Idylle oder künftiger Utopie? Es empfiehlt sich, die Geschichte dieser Überschrift zu rekonstruieren, bevor man sich in eine Debatte wirft, die sich ja anbietet: 2017 hatten laut Umfragen 92 Prozent der Deutschen - 98 Prozent der Unions-, aber auch 82 Prozent der Linkswähler - ein positives Verhältnis zu »Heimat«.

Daran erinnerte jüngst der Kulturwissenschaftler Frank Thomas Koch, als der »Gesprächskreis Kultur« der Rosa-Luxemburg-Stiftung einen Einwurf von links zum Thema versuchte - und Dietrich Mühlberg skizzierte das historische Panorama. Bis zum Ende 18. Jahrhunderts ist Heimat demnach als Rechtsbegriff der »Kern der sozialen Frage«. Mit dem hierarchisch gestuften »Heimatrecht« sind nicht nur Gewerbefreiheit, das Recht auf Grunderwerb und Heirat, sondern auch gemeindliche Fürsorgeansprüche verbunden. Mit den preußischen Reformen zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden diese Rechte staatsbürgerlich geregelt - womit eine Tradition einsetzt, »Heimat« vom Lokalen auf den Staat, später die Nation zu übertragen.

Dieses Ende der »Heimat« als materielle Ressource schafft Raum für eine widersprüchliche ideelle Aufladung: Da ist zunächst die Romantik, die ihre Skepsis gegenüber Modernisierung und Urbanisierung als »Sehnsucht nach echter Bindung« formuliert und in gebildeten Idyllen von »Heimat« und »einfachem Volk« befriedigt. Nach 1871 verbinden sich diese Fantasien durchaus harmonisch mit dem preußisch-kleindeutschen Nationalismus, der sich als verbindende Klammer dieses »authentischen« Partikularen entwirft.

Gegen dieses Amalgam aus »Heimat«, Staat und Nation wendet sich der rote Internationalismus: Schon bei Marx und Engels haben die Arbeiter »kein Vaterland«, bei Wilhelm Jacoby ist ihre »Heimat (…) die Welt«, nämlich dort, »wo es uns wohl geht« - und vorläufig oft die Bewegung selbst. Hieraus aber spricht neben der Vision auch ein Verlust, nämlich der von Heimatrechten: Wenn den Arbeitern im »Manifest« nicht genommen werden kann, »was sie nicht haben«, meint dieses »nicht« ein »nicht mehr« wie ein »noch nicht« mit: Sie streben immer nach lokaler Beheimatung, etwa in der umfassenden Vereinskultur, in der die historische Arbeiterklasse entsteht.

Bereits im 19. Jahrhundert, so Mühlberg, bildet sich also eine »Polarität von offenem und geschlossenem Heimatverständnis«, die bis in die Gegenwart wirkt - nur scheut heutzutage das erstere oft das Wort mit H. Das hat natürlich mit den 1920ern und vor allem der Nazizeit zu tun, die das »geschlossene« Verständnis zu einer Politik der Heimatentrechtung bis zur Ermordung radikalisiert.

Nach 1945 pflegt der West-Konservatismus zunächst eine verdruckst rückverharmloste Version dieses völkischen Heimatbegriffs - als kittender Ersatz für die desavouierte Nation und die zunächst rudimentäre Staatlichkeit, aber auch als Werkzeug der Integration von Millionen Flüchtlingen.

Gar nicht wenige antifaschistische Remigranten bedauern literarisch den Verlust von Heimat - die Linke in Ost wie West hingegen ist zunächst sehr schlecht auf alles zu sprechen, was danach riecht. In Teilen verändert sich dies aber in den 1970ern: In der DDR gewinnt »Heimat« auch als »Argument« für Selbstfindung in Abgrenzung an Bedeutung. Und im Westen ist viel von dem, was die »Neuen Sozialen Bewegungen« der 1980er unternehmen, sozusagen Heimatpolitik ohne Heimatbegriff - von Umweltinitiativen über Kiezdemokratie bis zu den lokalen »Geschichtswerkstätten«. So argumentiert auch der Ethnologe Dieter Kramer aus Frankfurt am Main: Für ihn geht es ganz nüchtern um demokratische statt ökonomistische Regionalplanung und Geld für die lokale Soziokultur. Für die emotionale Seite des Begriffs schlägt derweil der kurdischstämmige Berliner Linkspolitiker Hakan Taş »Geborgenheitsareal« vor, was keinesfalls auf Ausschluss basiere.

So weit, so einig? Was an diesem Tag in der Luxemburg-Stiftung erstaunt, ist die Schärfe, mit der sich etliche Diskutanten gegen den Aufruf »Solidarität statt Heimat« wenden. Hatte die Veranstaltung nicht selbst rekonstruiert, dass dessen zitierter Nebensatz lediglich gegen ein geschlossenes Heimatverständnis polemisiert? Der Grund für diese Stimmung ist die innerlinke Strömungsdynamik. Denn der Subtext dieses Aufrufs verbindet Sahra Wagenknechts Sammlungsplattform in Bausch und Bogen mit jenem geschlossenen Heimatbegriff, nach dem auch »Heimatminister« Horst Seehofer handelt. Und tatsächlich ist es eine Gratwanderung, wenn das »FairLand«-Papier von »Respekt vor Traditionen und Identität« spricht: Es ist wichtig, sich gegen eine klassistische Rhetorik über verstockte Dorfdeppen zu wenden, die nicht mitreden könnten, weil sie noch nie in New York waren. Sehr bedenklich aber wäre es, heimatliche »Identität« gegen ortlosen »Kosmopolitismus« zu verteidigen. In dieser Gegenüberstellung, die aus Faschismus wie Stalinismus bekannt ist, schlösse sich der Begriff fast unausweichlich. Er stünde dann mit einem sehr bestimmtem Artikel.

Braucht nun die Linke, wie Mühlberg sagt, ein »kulturpolitisches Heimatkonzept« - und sollte das auch so heißen? Oder müsste sich Vor-Ort-Praxis, wie jemand aus dem Publikum einwirft, als »Community-Arbeit« mit Ansätzen eines neuen Lokalismus verbinden, wie sie jüngst etwa in Spanien entstehen? Teils ist das ein Streit um die Wortwahl, aber auch die ist wichtig. Denn obwohl die »Besetzung« von Begriffen nicht ewig fix ist, können Sinntraditionen nicht ausgetauscht werden wie bei »Bäumchen wechsel dich«. Immerhin ist das H-Wort heute nicht eindeutig: Jenen 92 Prozent mit positiven Assoziationen zu »Heimat« stehen trotz aller Propaganda deutlich weniger als 60 Prozent Unterstützer der »Obergrenze« gegenüber.

Ob und was die Linke aus »Heimat« machen könnte und sollte, will die Stiftung im Herbst weiter diskutieren. Dann, wie Michael Brie ankündigt, auch aus Perspektiven, die diesmal im Raum standen, aber nicht anwesend waren - nämlich migrantischen. Wirklich klären können sich solche Fragen aber notorisch nicht im Reden, sondern nur im Handeln.

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