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Sandburgen am Atlantik

Chris Froomes Dopingaffäre liegt wie Blei über der diesjährigen Tour de France. Schon vor dem Start gab es Pfiffe für den so kurios freigesprochenen Briten

  • Von Tom Mustroph, Noirmoutier-en-l’Île
  • Lesedauer: 3 Min.

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250 Kilometer Strand hat die Vendée, Gastgeber des Grand Departs. Titelverteidiger Chris Froome, seit Mitte der Woche im Nordwesten Frankreichs, hat sich offenbar von den sandigen Dünen am Atlantik inspirieren lassen. »Ich will jetzt eine Linie in den Sand ziehen und weiter machen«, sagte er. Und er meinte damit: Schluss mit den Diskussionen über die Salbutamolaffäre und bitte nur noch über den Sport reden.

Froomes Wunsch ist aus seiner Sicht verständlich. Dass er erfüllt wird, ist allerdings so realistisch wie der Wunsch der Kinder, ihre Sandburgen am Strand mögen die nächste Flut überdauern. Und die Flut kommt sicher. Und so wird jener Strich im Sand, den der weltbeste Rundfahrer der Gegenwart so gern zeichnen würde, schnell wieder verschwunden sein.

Daran dürften ihn die Pfiffe bei der Teampräsentation am Donnerstag erinnert haben. Froomes Dopingaffäre liegt wie Blei über dieser Tour. Denn Froome konnte sich nur über einen Freispruch zweiter Klasse freuen. Ziemlich viel Mathematik wurde aufgeboten, um seine hohen Grenzwertüberschreitung beim Asthmamittel Salbutamol zu reduzieren. Studien über Flüssigkeitsverluste bei Maximalbelastungen führten zu einem von 1920 auf 1429 ng/ml gesenkten Messwert. Einerseits klingt das logisch: Weniger Wasser im Urin bedeutet, dass die gleiche Anzahl an Feststoffen dort zu einer größeren Konzentration führt. Warum das aber erst jetzt eingeführt wird, wenn ein Star betroffen ist, bleibt unerklärt. Zudem ist das Design der Studien, die zu dieser Umrechnungskonstante führten, nicht bekannt.

Zusätzlich profitierte Froome davon, dass ein neues Protokoll der Welt-Antidoping-Agentur WADA, das erst ab 1. März 2018 Geltung erlangte, rückwirkend auf seinen Fall angewandt wurde. Darin werden Messungenauigkeiten mit einer Erhöhung des Grenzwerts um 20 Prozent abgefangen. Der Grenzwert liegt also statt bei den offiziell 1000 nun praktisch bei 1200 ng/ml. Das Verhältnis zu Froomes neuem Überschreitungswert klingt dann auch gar nicht mehr so schrecklich, 1429 zu 1200 statt ursprünglich 1920 zu 1000.

Die immer noch offene Differenz von 229 ng/ml erklärten die nominellen Dopingjäger der WADA dann mit dem Hinweis weg, sie könnten Froome einfach nicht nachweisen, dass er mehr Salbutamol als erlaubt zu sich genommen habe. Es gebe einfach noch zu viele andere Erklärungsfaktoren - eine Entzündung, Nahrungsergänzungsmittel -, meinte der Forschungsdirektor der WADA, Olivier Rabin. Die Dopingjäger konnten also nicht beweisen, dass Froome die Dosierung verbockt hatte, und die UCI stellte daraufhin das Verfahren ein. Freispruch aus Mangel an Beweisen heißt das bei gewöhnlichen Sterblichen.

Für den Antidopingkampf bedeutet das eine dramatische Umkehr: Bislang musste der Sportler beweisen, dass er nicht gegen Regeln verstoßen hatte. Jetzt müssen ihm die Fahnder das nachweisen.

Chris Froome hat also die Welt verändert. Gelingt ihm der erneute Toursieg, müssen weitere Legendenblätter vollgeschrieben werden: Er kommt dann in den Klub der fünffachen Toursieger, zu Bernard Hinault und Jacques Anquetil, zu Eddy Merckx und Miguel Indurain. Und er hätte dann vier Grand Tours in Folge gewonnen - wie einst der Merckx.

Dazu muss er aber erst die anstehenden 3351 Kilometer zu Ende fahren, womit wir beim Sport angelangt wären - etwas wirkt er also doch, Froomes Strich im Sand. Er hat im Vergleich zum Vorjahr einen Helfer weniger, die Teams wurden von neun auf acht Fahrer reduziert. »Das könnte von Nachteil für Sky sein, sie haben dann vielleicht nicht mehr ganz die Power, um alles zu kontrollieren«, hofft Movistars Teamchef Eusebio Unzue gegenüber »nd« leise. Er hat mit dem Kolumbianer Nairo Quintana und dem Spanier Mikel Landa sogar ein Duo, das Froomes Dominanz brechen will. Allerdings gewannen Sky und Froome im Mai den Giro d’Italia - mit nur acht Fahrern.

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