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Kleinstadt Amerika

Die Serie »Sharp Objects« handelt nicht nur von zwei Morden, sondern auch von der Suche eines Landes nach seiner Mitte

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Serie »Sharp Objects«: Kleinstadt Amerika

Wenn Eltern bei Kindern für Ordnung sorgen, sind die Rollen verteilt. Mutter meckert, Mädchen schweigt - so ist es auch bei Camille Preaker, als Mama Adora ihr für Frevel der vorigen Nacht die Leviten liest. »Blamier’ mich nicht noch mal!«, fordert sie von der Tochter und legt wütend »das fällt bloß auf mich zurück« nach. Was Erziehungsberechtigte halt so sagen, wenn sich Heranwachsende voll daneben benehmen. Nur: Adora ist seit locker 15 Jahren nicht mehr erziehungsberechtigt, weshalb Camille allein entscheiden darf, wie sie sich nach welcher Alkoholmenge benimmt. Zumindest in der Großstadt St. Louis.

Im kleinen Wind Gap dagegen hat Adora das Sagen. Und die findet es gar nicht lustig, dass ihr Kind nach Jahren der Abwesenheit als Reporterin ins ländliche Missouri zurückkehrt, um bei der Recherche zweier Mädchenmorde besoffen im schrottreifen Volvo zu pennen. Die neue HBO-Serie »Sharp Objects« handelt also nur an der Oberfläche von einem Kriminalfall in der amerikanischen Provinz. Darunter geht es um viel, viel mehr. Mit jeder Flasche Schnaps aus der Hotelbar nämlich, mit jeder Rückblende in die Zeit ihrer Jugend, mit jeder Selbstausbeutung im Dienst der Wahrheit über sich und die alte Kleinstadtwelt wird klarer: Am Beispiel der unfreiwillig heimgereisten Camille leuchtet der Achtteiler die amerikanische Gesellschaft im Ganzen aus.

Wie schon in seiner grandiosen Speckgürtel-Studie »Big Little Lies«, gelingt es Jean-Marc Vallées Adaption von Gilbert Flynns Bestseller »Gone Girl« eindrucksvoll, Orte durch seine Menschen zu beschreiben. Und das stockkonservative, alkoholvernebelte, schweißtriefende, irgendwie diffuse Wind Gap ist dabei die uramerikanische Mischung aus unreflektiertem Traditionalismus und dem unverwüstlichen Glauben der Eingeborenen, ihrer Zeit weit voraus zu sein, nicht weit hinterher.

Dank Hauptdarstellern wie der kontrollsüchtigen Patricia Clarkson als Adora und Nebenfiguren wie dem ewig verschwitzten Polizeichef Vickery (Matt Craven), erzählt Vallée folglich weniger die Geschichte einer trostlosen Existenz auf der Suche nach den Abgründen ihrer Biografie; er zeigt uns ein gekränktes Amerika der selbstbewussten Loser, die einen Reaktionär ins Weiße Haus gewählt haben und nun ausdauernd verwechseln, was Vergangenheit, was Gegenwart ist.

Dass die psychisch labile Alkoholikerin Camille - wunderbar lebenswund gespielt von Amy Adams (»American Hustle«) - ständig als eigensinniger Teenie der Achtziger aufwacht, ist demnach nicht nur ein dramaturgischer Kniff zur Erklärung aktueller Zusammenhänge; die dauernden Flashbacks in ihre Jugend beschreiben vielmehr ein Land auf der Suche nach seiner verschwundenen Mitte. Die Serie hat deshalb auch keine Zeitsprünge, sondern Zeitströme, in denen Charaktere scheinbar hilflos herumschwimmen wie Treibholz. So wie es all jene tun, für die Amerika und Wind Gap langsam deckungsgleich werden.

Dafür muss Jean-Marc Vallée keine Landeier mit Pick-up-Truck und Make-America-Great-Again-Kappe zeigen; ihm reicht es, Ronald Reagans Neokonservatismus so in Donald Trumps Neodilettantismus einsickern zu lassen, als hätte die liberale Ära zwischendurch nie stattgefunden.

Klingt politisch, dröge, verkopft? Keine Sorge - die Jagd nach dem Mädchenmörder ist zugleich bestes Krimientertainment, Camilles Suche nach ihren inneren Dämonen feinstes Melodramen-Fernsehen und alles zusammen ein herausragendes Filmzeugnis der quälenden Hatz nach Halt im Gestern, wenn das Heute zerbröselt.

Verfügbar auf Sky im englischen Original, ab dem 30. August auch auf Deutsch.

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