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Damit der Wind dreht

Bootsbauer Philipp Hahn fährt auf der »Sea-Watch« und ist überzeugt: Die zivile Seenotrettung kann weitermachen

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Rettungswesten, die von Tausenden Demonstrierenden am Samstag als Zeichen der Solidarität mit Geflüchteten durch das Regierungsviertel getragen werden, sind keine Attrappen. Schon bald sollen sie im Mittelmeer wieder zum Einsatz kommen. »Deshalb gebt sie bitte nachher wieder zurück. Jede einzelne rettet Leben«, ruft Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer in die Menge.

Wenige Meter von ihm entfernt steht Phillipp Hahn. Ihm muss niemand erzählen, welche Bedeutung jede einzelne Weste haben kann. Auch die Berichte von Geretteten und Crew-Mitgliedern des Schiffes »Aquarius«, die wenige Meter vom Bundestag entfernt vorgelesen werden und den Demonstrationszug zum Schweigen bringen, könnten gut seine eigenen sein. Seit 2015 ist Philipp bei Sea-Watch dabei und damit schon fast ein Urgestein der privaten Seenotrettung. Er hat die zahlreichen Fluchten nach Lesbos miterlebt, noch bevor der Türkeideal die Route im östlichen Mittelmeer blockierte, die Situation auf Lampedusa und die Aggressionen der libyschen Küstenwache. Berlin ist für ihn nur ein kurzer Stopp. In wenigen Wochen will er auf der »Sea-Watch III«, dem derzeitigen Einsatzschiff, sein.

Seenotrettung ist kein Verbrechen - Tausende protestieren für sichere Fluchtwege

Momentan allerdings wird das Schiff auf Malta am Auslaufen gehindert, obwohl die Crew einsatzbereit ist und die Anzahl der Ertrinkenden vor der libyschen Küste stetig steigt. Von europäischen Regierungen werden die zivilen Seenotretter zu Kriminellen erklärt. Umso beeindruckender wirkt Philipps Optimismus: »Man wird unser Schiff nicht ewig festsetzen können. Dafür wird der Druck der Zivilgesellschaft sorgen.« Den Eindruck, dass der Ruf nach Abschottung nicht allein aus der Politik, sondern von den Bürgern selbst kommt, teilt er nicht. »Die Rechten schreien einfach nur lauter. Die ganzen Leute, die 2015 die Geflüchteten willkommen geheißen haben, die sind ja nicht auf einmal verschwunden.« Sie müssten eben nur mehr Druck machen und eine Bewegung werden.

Die Berliner Demonstration mit rund 12.000 Teilnehmern ist noch keine Bewegung, doch sie zeigt, dass es viele gibt, die von der Sicht auf Flüchtlinge als Bedrohung und als reines Zahlenwerk angewidert sind. Ruben Neugebauer dankt den Demonstrierenden: »Wir haben uns in den letzten Wochen oft allein gelassen gefühlt. So beschissen die Situation dort gerade ist, jetzt sehen wir, dass wir nicht allein sind.«

Der massive Rechtsruck in der Migrationspolitik drängt auch Sea-Watch zu einer stärkeren Politisierung. »Wir vernetzen uns jetzt mehr mit den Leuten von anderen zivilen Rettungsorganisationen«, erzählt Philipp. Auch die Crews seien nun stärker von Aktivisten dominiert als früher. »Da hatten wir Leute aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Spektren. Wir haben immer gesagt: Wenn ihr über Politik reden wollt, dann geht irgendwo anders hin, wir machen hier Seenotrettung.« Solche Sätze passen zu ihm; jemand der lieber organisiert und anpackt als große Reden zu schwingen. Philipp selbst kam 2015 weniger als Vollblutaktivist denn als Bootsbauer zu Sea-Watch. Er half, das erste Schiff, einen fast hundert Jahre alten Kutter, in Hamburg fit zu machen. »Das ist so die Schiffsgröße, mit der ich mich auskenne.« Eigentlich lebte Philipp zu dieser Zeit in den Niederlanden. Dort hatte er sein eigenes Bootsbauprojekt aufgebaut, wollte damit, wie er sagt, seine Nische im Leben finden.

Aber dann wurden Leute gebraucht, um die »Sea-Watch I« ins Mittelmeer zu bringen und Kenner des Bootes für die ersten Fahrten. So kam eins und zum anderen und mittlerweile ist die Seenotrettung sein Leben geworden. Bei immer wechselnden Freiwilligencrews ist er es, der Konstanz und Erfahrung in die Missionen bringt und für ein Funktionieren des Teams sorgt. Ein Maß an Erfahrung mit Extremsituationen, das sogar vielen ausgebildeten Seenotrettern fehlt. Etwa wenn die »Sea Watch« mit der libyschen Küstenwache zusammentrifft. »Die haben uns bedroht und beschossen, einer ist sogar zu uns an Bord gekommen und hat das Boot erst nach einem hitzigen Wortgefecht wieder verlassen.« Auch darüber spricht er gelassen, fast als wären solche Situationen und der dauerhafte Ausnahmezustand ein ganz normaler Alltag.

Dabei bedeutet ein Leben für und mit Sea-Watch auch, dass man sich von einem wirklich normalen Alltag verabschieden muss. Um über die Runden zu kommen, musste Philipp seine Lebenshaltungskosten auf ein Minimum herunterfahren. Über kleinere Aufwandsentschädigungen von Sea-Watch lässt sich gerade einmal die Krankenkasse bezahlen, viel mehr aber auch nicht. Er will solche persönlichen Entbehrungen nicht zum Thema machen, sich nicht profilieren und auch keine große Dankbarkeit. Ein deutliches Zeichen aus der Bevölkerung, dass ihre Arbeit nicht als kriminell, sondern dringend notwendig gesehen wird, dürfte für die Seenotretter dennoch eine wichtige Unterstützung sein.

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