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Bande für Schneeballsystem verurteilt

Bis zu acht Jahre Haft für Ex-Manager von Finanzfirma in Dresden / Dubiose Rolle von Kurt Biedenkopf

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

In ihrem »letzten Wort« beteuerten die Angeklagten ihre Unschuld. »Nie, nie habe ich in betrügerischer Absicht gehandelt«, sagte der Ex-Infinus-Boss vor dem Landgericht Dresden. Auch Mitangeklagte beteuerten, von einem rechtmäßigen Geschäftsmodell ausgegangen zu sein. »Ich bin kein Verbrecher«, klagte der frühere Chefverkäufer. »Mein Gewissen ist rein, ich bedauere, ich bereue, aber im Sinne der Anklage bin ich nicht schuldig.«

Das Gericht überzeugten diese Beteuerungen nicht. Während der mehr als 150 Prozesstage hatten sich die sechs Angeklagten bis auf eine Ausnahme zu den Vorwürfen nicht konkret geäußert - auch nicht während einer zweijährigen Untersuchungshaft, berichten Beobachter. Am Ende verurteilte der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats Firmengründer Jörg Biehl und vier weitere Ex-Manager wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in einem besonders schweren Fall zu Haftstrafen zwischen acht Jahren sowie fünf Jahre und vier Monate. Beobachter erwarten, dass die Angeklagten Revision eingelegen. Ein weiterer früherer Mitarbeiter wurde wegen Beihilfe zu viereinhalb Jahren verurteilt.

Die Verteidigung hatte in dem verfahren vor der zuständigen Großen Wirtschaftsstrafkammer in Dresden auf Freispruch plädiert. Anwalt Ulf Israel hatte an der Fairness des Verfahrens gezweifelt. »Gericht und Staatsanwaltschaft haben von Anfang an einen Zug ins Gleis gesetzt, der zu seinem Bahnhof fahren muss«, sagte er dem »Handelsblatt«.

Damit endet eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik spektakulär. Die früher leitenden Angestellten der im Jahr 2000 gegründeten Finanzgruppe Future Business KG (Fubus) sollen über Jahre hinweg Anleger betrogen haben. Die Anklage geht von mehr als 22 000 geschröpften Kunden und einem Schaden von 312 Millionen Euro aus. 2013 musste Fubus Insolvenz anmelden, wodurch weitere Anleger Schaden nahmen. Die Gesamtsumme der Verluste beläuft sich auf schätzungsweise 800 Millionen Euro.

Ein Hinweis der Bundesbank und der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Ende 2013 klickten dann die Handschellen. Bei einer Razzia waren Villen, Luxuskarossen und Vermögen der Beschuldigten - die Rede ist von 50 Millionen Euro - beschlagnahmt worden.

Laut Anklageschrift sollen die Manager unter dem Dach von Fubus ein Schneeballsystem etabliert haben, das von Beginn an ungeeignet gewesen sei, die versprochenen (hohen) Renditen abzuwerfen. Über die Infinus AG, einen Ableger von Fubus, wurden die kompliziert strukturierten Wertpapiere bundesweit überwiegend Kleinanlegern angeboten.

Das Infinus-Modell beruhte laut Anklage auf der Vortäuschung von Scheingewinnen durch gruppeninterne Geschäfte: Die den Anlegern versprochenen Gewinne hätten nur aus zusätzlich eingeworbenen Geldern ausgezahlt werden können. Damit das Schnellballsystem nicht dahinschmolz, mussten immer gutgläubige Neukunden hinzugewonnen werden.

Zur Werbung nutzte die Firmengruppe auch Prominente. So sandte der frühere sächsische Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) zum zehnjährigen Firmenjubiläum ein freundliches Grußwort. Zu Versicherern wie Ergo und Gothaer unterhielt man Geschäftsbeziehungen.

Der Fall erinnert an andere Skandale auf dem kaum regulierten Grauen Kapitalmarkt wie den der Frankfurter Immobiliengesellschaft S&K, der im vergangenen Jahr ebenfalls mit hohen Haftstrafen für die Firmengründer endete. Nicht immer setzen Betrüger Schneeballsysteme ein. Aber immer »locken Anbieter mit hohen Zinsen oder Renditen über dem allgemeinen Marktniveau«, warnt die Bafin.

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