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Wenn Gewissheiten wanken

Zum Abschluss seiner Intendanz an der Oper Stuttgart hat Jossi Wieler »Erbeben.Träume« von Hosokawa uraufgeführt

  • Von Roberto Becker
  • Lesedauer: 4 Min.

An der Oper in Stuttgart geht eine Ära zu Ende. Jossi Wieler und sein Langzeitdramaturg und häufiger Mitregisseur Sergio Morabito verlassen Stuttgart. Vor allem die beiden haben das Haus in den vergangenen Jahren künstlerisch geprägt und das Erbe von Klaus Zehelein, der Stuttgart zu einer Art Opernwerkstatt mit und fürs Publikum gemacht hatte, erhalten und auf ihre Art weitergeführt. Was an sich schon ein Leistung ist, die die Anerkennung verdient, die sie in den diversen Rankings auch erhalten haben. Jossi Wieler muss sich als freier Regisseur keine Sorgen um künftige Aufgaben machen, Sergio Morabito wird wiederum an die Staatsoper nach Wien wechseln, was nun auch alles andere als ein Abstieg ist und dem Haus guttun dürfte.

Zum Abschluss haben sie jetzt gemeinsam mit ihrer bewährten Bühnenbildpartnerin Anna Viebrock und dem Dirigenten Sylvain Cambreling »Erdbeben. Träume« des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa zu einem Libretto von Büchner- und Kleistpreisträger Marcel Beyer uraufgeführt. Der Plot knüpft an Heinrich von Kleists »Das Erdbeben von Chili« (1806) an, ist aber angereichert durch die vergangenen zwei Jahrhunderte, denkt also den Holocaust und den Tsunami von Fukushima mit.

Es sind also Katastrophen enthalten, mit denen die Natur ihre Vorherrschaft auf dem Planeten in Erinnerung bringt, und ungleich auch erschütternde Zivilisationsbrüche. Kunst wird daraus, wenn das Werk die drängenden Fragen, Ahnungen, Zuspitzungen, Utopien oder Dystopien ins Zeitlose hebt und über die Suggestivkraft der Musik gleichsam ins Denken einsickert. Genau das gelingt dem japanisch-deutschen Duo und ihren Interpreten beeindruckend.

Zuerst natürlich über die Musik, die bei Hosokawa anhebt wie ein Windhauch oder das Atmen des Planeten Erde und von da in musikalisch gestaltete Klangschichten hineingleitet. Eine Musik, die das Träumerische des Textes aufnimmt. Und die all dem Verschütteten unter den eingestürzten, von Menschen errichteten Gebäuden die Dimension von Klängen verleiht. Das wirkt einerseits gleichförmig suggestiv, anderseits aber türmen sich dann die katastrophischen Orchesterzwischenspiele umso gewaltiger auf. »Erdbeben.Träume« ist nach »Vision of Lear« (1998), »Hanjo« (2004) sowie »Matsukaze« (2011) und »Stilles Meer« (2016) die fünften Oper des Japaners. Diesmal erweist er sich auch als ein Meister packender Ausbrüche und nicht nur der kontemplativen Innerlichkeit. Aber es geht ja auch um den Eindruck eines Erdbebens und eines Tsunamis. Auf der anderen Seite wird dann eine Masse von Menschen durch eine Hetzrede zu einem mörderischen Mob, dem vier Menschen zum Opfer fallen. Einzelne gesprochene Passagen unterbrechen dabei die Musik, sie verstärken deren Eindruck aber nicht.

Das Grundgerüst der Handlung beziehungsweise das Personentableau hat Beyer von Kleist übernommen. In der Person des Philipp, dem überlebenden Sohn einer verbotenen Liebe, der bei Adoptiveltern aufgewachsen ist, werden Episoden der Handlung (in insgesamt 18 Szenen) als dessen Rückerinnerung neu sortiert. Aus der verbotenen Liebe von Josephe (Esther Asteron) und Jeronimo (Dominic Große) sind zwei Kinder hervorgegangen, von denen nur Philipp (in der stummen, aber dauerpräsenten Rolle: Sachiko Hara) ebenso wie seine Adoptiveltern Elvire (Sophie Marilley) und Fernando (baritonal solide: André Morsch) überleben. Seine leiblichen Eltern, sein neugeborener Bruder Juan und Elvires jüngere Schwester Constanze fallen einem Mob zum Opfer, den der vom Wachmann zum Demagogen mutierte Pedrillo aufstachelt. Am Ende hört Philipp die Stimmen seiner leiblichen Eltern als Geisterstimmen.

Angelehnt an das Albtraumhafte der Handlung, bleibt die Inszenierung doch immer in ihrer eigenen Welt. Anna Viebrocks Bühne ist dabei inspiriert von den tatsächlichen Zerstörungen in Fukushima. Eine Betonruine, eine Fußgängerbrücke, ein Mast mit Scheinwerfern, der aufgebrochene Boden und alles immer wieder in gespenstischen Auf- und Abbewegungen. Hier hat nichts mehr einen festen Grund. Dort bewähren sich die Protagonisten stimmlich und darstellerisch durchweg. Grandios vor allem das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Sylvain Cambreling, das sich voll auf das Atmosphärische der Musik von Hosakawa einlässt und dank seiner Vielseitigkeit erneut mit einem neuen Stück moderner Musik bewährt.

Nächste Vorstellungen: 11., 13. 18. Juli

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