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  • Netzwoche
  • Berichterstattung zum Drama in Thailand

Mitgefühl, das nichts kostet

Warum die Welt mit den in einer Höhle eingeschlossenen Jungen bangt, bei der Berichterstattung über Geflüchtete aber eher wegschaut

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 6 Min.

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»Finde man muss diese Kinder in Thailand einfach in der Höhle lassen und eine starke BOTSCHAFT schicken, damit andere Kinder nicht mehr in Höhlen reinlaufen. Wir können ja nicht alle aus der Erde rausholen«, provozierte der Satiriker Shahak Shapira am Sonntag mit einem Twitter-Beitrag. Das Satireportal »Der Gazetteur« nahm die Vorlage auf und ergänzte seine Forderung: »Vielmehr sollte das Rettungsteam zur Rechenschaft gezogen werden. Kein Shuttle in die Außenwelt!«

Die Häme, sie richtete nicht gegen die zwölf Jungen und einen Erwachsenen, die seit Wochen in einer Höhle in Thailand um ihr Leben fürchteten. Die Welt nimmt großen Anteil an der Rettungsaktion. Eine Sucheingabe bei Google News listet unter den Stichworten »Thailand, Höhle, Jungen« mehr als acht Millionen Ergebnisse auf.

Verwundern tut dies nicht, nicht zuletzt weil die meisten Medien das »Höhlen-Drama in Thailand« (Bild.de) für sich entdeckt haben. Seit Tagen räumt Bild.de der Geschichte wiederholt den prominentesten Platz auf seiner Startseite ein, präsentiert Schwerpunkte und sogar einen Liveticker. Andere Nachrichtenportale tun es dem Boulevardmagazin gleich, wie etwa die Newstickerschleuder Focus.de. Aber auch seriösere Medien wie Welt.de konzentrieren ihre Berichterstattung seit Tagen auf Fragen wie, ob Milliardär Elon Musk den Eingeschlossenen mit einem Mini-U-Boot wirklich helfen kann oder Hollywood an der Verfilmung des Stoffes bereits Interesse bekundet (Stern.de).

Man fragt sich: Ist das noch dies das richtige Verhältnis, mit dem über ein menschliches, aber letztlich politisch vollkommen folgenloses Drama berichtet wird? Es ist eine Binsenweisheit, wonach mediale Aufmerksamkeit den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung beeinflusst.

Zum Vergleich: Die neue Initiative Seebrücke, die am Wochenende tausende Menschen bundesweit auf die Straßen für einen Aufschrei der Empörung über das Sterben im Mittelmeer mobilisierte, bekam nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit. Dabei ist es nicht so, als wäre die Initiative den genannten Medien keine Berichterstattung wert gewesen. Nur: Es sind eben nicht Aufmacher, Schwerpunkte, Newsticker und Titelseiten.

Unter dem Stichwort Seebrücke findet sich auf Bild.de exakt ein einziger Beitrag: Er handelt von der Spendenaktion des TV-Moderators Klass Heufer-Umlauf, der Geld für die Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer sammelt. Die Seebrücke? Ist eine Randnotiz. »Spiegel Online« war der Protestmarsch am Wochenende immerhin ein Beitrag auf Grundlage von Agenturmaterial wert. Einen Schwerpunkt? Den gab es allerdings auch hier nicht. (Was nicht heißt, die Kollegen würde sich dem Thema Flucht und Migration im erweiterten Sinne nicht auch widmen.)

Über die Rolle der Medien und ihre Verantwortung macht sich auch Uta Schleiermacher auf taz.de Gedanken. Darüber, warum sich die Berichterstattung bei den Jungen in der Höhle überschlägt, bei der Begleitung des Dramas im Mittelmeer sie aber offenkundig teilweise versagt: »Was wäre, wenn wir – die Medien – unsere Kameras und Mikrophone auf eins dieser Boote richteten? Wenn wir – die Leser*innen, Hörer*innen und Fernsehzuschauer*innen – unsere Aufmerksamkeit und Anteilnahme den Menschen in den Booten zuwendeten?«

Der Mensch ist ein »storytelling animal«, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview mit tagesschau.de ausdrückt. » Wir leben in Geschichten, wir denken in Geschichten, wir träumen Geschichten. In gewissem Sinne gilt: Unsere Umwelt - unsere Welt - besteht nicht aus Atom, sondern aus Geschichten.« Und genau das lässt sich am Beispiel der Fußballmannschaft in Thailand zeigen. Ihre Gesichter sind der Welt bekannt. Wir wissen, wie sie aussehen, was sie in ihrer Freizeit tun, wer ihre Verwandten sind und wie diese emotional mitfiebern. Das schafft Nähe.

Die Frage sei, so taz-Autorin Schleiermacher, ob die Bevölkerung solche Erzählungen über Geflüchtete mit der gleichen Intensität und Anteilnahme verfolgen würde. »Die Geschichten der Flüchtlinge, die im Mittelmeer in Not geraten, erzählt uns zugleich viel über unser eigenes Versagen und über unseren Rassismus.«. Dass die Menschen auf dem Mittelmeer in Not geraten, hat auch mit uns in Europa direkt zu tun. Das Drama in Thailand? Bleibt dagegen folgenlos.

Matthias Drobinski attestiert auf sueddeutsche.de einen Verlust an Empathie »mit den Bootsmenschen im Mittelmeer«. Was auch er nicht in Zweifel stellt: Es ist richtig, wenn Medien über Thailand berichten, denn sie sei »inmitten aller Angst und des Leids der Eingeschlossenen und ihrer Angehörigen, auch eine Geschichte über die Kraft der Menschlichkeit und des Mitleids, der Fähigkeit von Menschen also, die Not und das Leid anderer zumindest zeit- und teilweise zur eigenen Not und zum eigenen Leid zu machen.«

Auch Drobinski erinnert an die Rolle der Berichterstattung. Mitleid mit den Jungen in der Höhle? Klar! Mitleid mit den Asylsuchenden, die über das Mittelmerr zu uns kommen? Ja, aber...

Bei Letzteren hätten sich die Grenzen des Diskutierbaren längst verschoben. »Jetzt steht das Mitleid infrage. Es wird, von Rechtspopulisten, aber auch bis in etablierte Medien hinein, als naiv und selbstzerstörerisch diffamiert.« Drobinski ziehen einen Vergleich mit zynischen Ausgang. Würde sich ein Drama wie in Thailand irgendwann wiederholen, müssten jene, die heute bereits über die das Mittelmeer reisenden Geflüchteten sagen, sie wüssten doch, auf welche Gefahr sie sich einließen, zum gleichen Schluss bei ein paar Touristen kommen, die tief hinab in eine Höhle steigen?

Die große Empathiewelle, sie habe auch damit zu tun, weil unsere Anteilnahme nichts kostet. »Jeder kann mitfiebern - das ist erleichternd in einer Zeit, in der die Gegensätze zwischen Menschen, Gruppen und Staaten so groß geworden sind, dass es nicht mehr so viel gibt, worauf man vereint hoffen und worum man gemeinsam bangen kann.«

»Es gibt keinen Grund, das Schicksal der jungen Fußballer gegen das von Flüchtlingskindern aufzurechnen«, warnt Marco Bertolaso auf deutschlandfunk.de. Er fordert, es müsse weiter intensiv über Geflüchtete berichtet werden, erklärt aber, dass die »enorme Aufmerksamkeit für die Kinder in Thailand« hinsichtlich der Nachrichtenfaktoren ein normaler Vorgang gewesen sei. »Ereignisse dieser Art faszinieren nicht nur durch das Außergewöhnliche, sondern im besten Fall anschließend auch durch das Gefühl, dass es ›gut ausgegangen‹ sei.« Die individuellen Schicksale, die Gesichter, sie weckten Empathie.

In der Migrationsdebatte gab es dies ebenfalls. »Es ist noch keine drei Jahre her, als das Bild eines toten Flüchtlingskindes an einem Strand in der Türkei die Top-Nachricht war.« Seitdem habe sich aber viel verändert, Migration erfahre inzwischen eine andere gesellschaftliche Bewertung. Das »hat viel mit Medien zu tun, aber noch viel mehr mit Politik.«

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