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Förderung ja - aber nicht so

Sollen behinderte Menschen in speziellen Schulen unterrichtet werden? Raul Krauthausen vertritt eine klare Meinung

  • Von Raul Krauthausen
  • Lesedauer: 3 Min.

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Behinderte Menschen sollten speziellen Schutz genießen. Es wäre besser, ihnen »Schonräume« in Form von Förderschulen zur Verfügung zu stellen, in denen sie vor der nicht-behinderten Mehrheitsgesellschaft Zuflucht finden könnten. Behinderten Lernenden sollte man nicht zumuten, sie mit den Erfolgen von Spitzenschüler*innen zu konfrontieren, denn das würde ihnen die eigenen Schwächen vor Augen führen.

Diese Sätze stammen unter anderem aus einem Buch, das seit einiger Zeit von Inklusionsgegnern gefeiert wird, weil der Gymnasiallehrer Michael Felten darin beweisen will, dass Inklusion das gesamte Bildungssystem ruiniere. Dabei ist das Argument Schonraum nur eines von vielen, das gegen Inklusion ins Feld geführt wird. Dennoch ist es wichtig, sich mit diesem Detail auseinanderzusetzen.

Behinderte Menschen wurden eigentlich schon immer entmündigt. So entschieden Pädagogen*innen bereits 1880 beim Mailänder Kongress, Gebärdensprache im Schulunterricht zu verbieten, und schrieben vor, dass gehörlose Schüler*innen die Lautsprache lernen müssen. Louis Braille, der mit 15 Jahren die Punktschrift entwickelte, wurde die Verwendung der Schrift durch den Direktor der Schule, an der er unterrichtete, verboten. Bis in die 1950er Jahre stuften Pädagogen*innen Menschen mit »geistigen Behinderungen« in den meisten Fällen als »bildungsunfähig« ein und verweigerten ihnen schulische Bildung.

Diese Entmündigung setzt sich heute fort: Nichtbehinderte Lehrer*innen, Pädagogen*innen, Politiker*innen oder Eltern bestimmen, dass behinderte Kinder vor nichtbehinderten Kindern geschützt werden müssen. Es sei ihrer Auffassung nach besser, wenn behinderte Schüler unter sich blieben. Wieder sind es andere, die für behinderte Menschen entscheiden.

Die Mehrheitsgesellschaft geht häufig davon aus, dass es sich bei behinderten Schüler*innen um eine homogene und zudem grundsätzlich defizitäre Gruppe handele. Das ist falsch. Tatsächlich gibt es behinderte Schnelllerner*innen und »Spitzenschüler*innen«. Zudem ist eine Behinderung lediglich eines von vielen Merkmalen, die ein Mensch haben kann. Diese Eigenschaft nun als so dominant hervorzuheben, dass sie maßgeblich für eine ganze Gruppe Menschen sein soll, ist nicht nur abwegig, sondern auch zutiefst diskriminierend.

Hartnäckig hält sich das Argument, im Schonraum der Förderschule würde ein förderndes Lernklima für Menschen mit Behinderungen geschaffen. So könne auf die Schwächen einzelner Schüler Rücksicht genommen und mit intensiver Förderung reagiert werden.

Wenn dem tatsächlich so wäre, müsste dies logischerweise zur Folge haben, dass Förderschüler*innen ihr volles Potenzial entwickeln und entsprechende Leistungen vorweisen könnten. Das Gegenteil aber ist der Fall. So kam der Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm durch mehrere Studien zu dem Schluss, »dass Förderschülerinnen und -schüler in integrativen Settings gegenüber denen in institutionell separierenden Unterrichtsformen einen deutlichen Leistungsvorsprung aufweisen«. Und die ehemalige Bildungspolitikerin Brigitte Schumann (Grüne) weist nach, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der Dauer des Förderschulbesuchs und zunehmender Verschlechterung sowohl der Rechtschreibleistungen als auch der Intelligenzwerte besteht. Tatsächlich beenden drei Viertel der Förderschüler*innen die Schule ohne Abschluss - eine erschreckend hohe Zahl. Der Besuch von Förderschulen hat also frappierende negative Auswirkungen auf das gesamte Berufsleben von Menschen mit Behinderung.

Schumann stellte weiterhin fest, dass sich durch die soziale Isolation an Förderschulen oft ein »gewaltbegünstigendes Schulklima« entwickelt. Inklusionsgegner beharren jedoch auf ihrer Meinung, Förderschulen würden vor Mobbing schützen, weil die mobbende, nicht-behinderte Schülerschaft ausgesperrt wird. Mobbing findet gegen behinderte Schüler*innen allerdings in gleichem Maß unter ebenfalls behinderten Kindern und Jugendlichen statt.

Die Idee von Schonräumen ist an sich gut - solange diese von allen Schüler*innen genutzt werden dürfen, behinderten wie nichtbehinderten. Und solange diese nicht als Argument für eine Selektion herhalten müssen. Denn die bevormundet und stigmatisiert vor allem behinderte Menschen - und bringt ihnen hauptsächlich Nachteile.

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