Werbung
  • Sport
  • WM-Prophezeiungen

Was von den Ängsten übrig bleibt

Groß waren die Befürchtungen vor dem Beginn der Fußball-WM in Russland, drei Spiele vor Schluss hat sich kaum eine davon bestätigt

  • Von Jirka Grahl, St. Petersburg
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wer auch immer ein sportliches Großereignis ausrichtet: Er profitiert, wenn alles glatt läuft. Das galt für die Chinesen, die sich bei den Spielen der Olympiade 2008 als ultramodernen Global Player profilieren konnten, wie auch für die Deutschen, die bei der Fußball-WM 2006 ihr Image als überkorrekte und humorlose Gesellen ablegen konnten. Hey, die Deutschen können feiern, staunte man im Ausland. Und warm ist der Sommer in good old Germany auch noch!

Auch die WM 2018 wird sich beim Gastgeber Russland wohl als eine Art Sommermärchen in der kollektiven Erinnerung festsetzen: Dauerhaftes Sommerwetter, Millionen feiernde Fans aus aller Welt in den Fußgängerzonen und dazu die Heldengeschichte von einer entfesselt aufspielenden russischen Fußballauswahl, die es beinahe bis ins Halbfinale geschafft hätte. Wer hätte angesichts der Befürchtungen vor dem Turnier mit einem derart perfekten Verlauf dieser vier Wochen gerechnet? Werfen wir einen Blick auf die Sorgenthemen vor dieser WM und darauf, welche sich davon bewahrheitet haben.

Sicherheit in den Stadien und im öffentlichem Raum

Russland hat leidvolle Erfahrungen mit Terroranschlägen. Noch im April 2017 starben in St. Petersburg 15 Menschen, nachdem ein Selbstmordattentäter einen Sprengsatz in der Metro gezündet hatte. Vor der WM 2018 hatte es Befürchtungen gegeben, Terroristen könnten die weltweite Aufmerksamkeit für weitere Anschläge nutzen. Zum Glück bestätigten sich derlei düstere Vorahnungen bisher nicht. Hunderttausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz: Massenhaft Polizisten, Einheiten der Nationalgarde, Mitglieder der Spezialeinheit Omon und des Katastrophenschutzes, Sicherheitsleute der Nahverkehrsunternehmen - die Sicherheitskräfte waren mindestens so präsent wie die schwerarmierte Militärpolizei bei der WM 2014 in Brasilien. Anders als bei der WM vor vier Jahren begegnete den WM-Besuchern allerdings auch abseits der Stadien kaum Kriminalität. In Brasilien hatte es Hunderte Fälle von Raub und Taschendiebstahl gegeben.

Gewalt durch Hooligans

Wie vom Gastgeber vorhergesagt waren russische Hooligans während dieses Turniers nicht zu sehen. Keine Fälle von Gewalt unter Fans wurden bekannt, auch nicht unter ausländischen. Gibt es sie überhaupt noch, diese marodierenden Schlägertruppen, die 2016 bei der EM in Frankreich die englischen Hooligans sogar im Stadion angriffen? »Ganz sicher sind sie noch da«, sagt Ilja Artemijew. Der 27-Jährige ist beim Informations- und Analysezentrum »SOWA«, einer russischen Nichtregierungsorganisation (NGO), für das Thema Fremdenfeindlichkeit im Fußball zuständig: »Die Hooligans spielen im Ligafußball eine entscheidende Rolle. Kein Klubchef kann gegen sie agieren.« Vor der WM habe es aber eine Reihe von formellen und informellen Gesprächen zwischen dem Geheimdienst FSB und den Hooligan-Anführern gegeben, in denen den Fans klar signalisiert worden sei, dass sie mit absoluter Härte zu rechnen hätten. Außerdem seien die Daten der gewaltbereiten Fans in Russland erfasst, so Artemijew: »Da hat keiner die sogenannte Fan-ID bekommen, selbst Leute nicht, die vor 15, 20 Jahren zur Ultraszene gehörten und heute brave Bürger sind.«

Fremdenfeindlichkeit gegenüber ausländischen Fußballfans

Auch hier offenbar keinerlei Zwischenfälle. »Uns ist nichts zu Ohren gekommen«, sagt Artemijew. Allerdings sei das WM-Monitoring der unabhängigen Organisation FARE (Football against racism in Europe) übertragen worden, und die will erst an diesem Mittwoch ihre Beobachtungen hinsichtlich eventueller Diskriminierung von Minderheiten präsentieren. Als bisher härtester Zwischenfall gilt ein Transparent im russischen Fanblock: Es zeigte die Zahl 88, für Nazis ein Synonym für »Heil Hitler«. Der Weltverband FIFA sanktionierte den russischen Fußballverband wegen dieses Transparentes mit einer Geldstrafe von 10 000 Schweizer Franken (8500 Euro).

Homophobie

In Russland immer ein Thema: die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trangender und Intersexuellen (LGBTI), die seit 2013 durch den Erlass gegen »Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen unter Minderjährigen« in Gesetzesform gegossen ist. Bei der WM schaffte es Alexander Agapow, der Vorsitzende des LGBT-Sportverbandes, immerhin schon bei der Eröffnungsfeier eine kleine Regenbogenfahne im Stadion zu enthüllen. Auch englische Fans konnten ein Banner mit Regenbogenfahne ausbreiten. Als er allerdings ein Spiel der LGBT-Fußballer auf dem Roten Platz organisieren wollte, wo die Stadt Moskau eigens ein kleines Fußballfeld errichtet hat, scheiterte er: »Es hieß, der Platz sei durchgängig geblockt«, sagt Agapow. »Es ist schade, denn dort fand auch ein lobenswertes Spiel mit Flüchtlingsfußballern statt.« Auch für eine während der WM geplante Konferenz zu LGBT und Sport fand Agapow nur schwer einen Veranstaltungsort: Hotels hätten plötzlich mit fadenscheinigen Begründungen abgesagt. Nun weicht Agapow in die Räume des Goethe-Instituts in Moskau aus. Immerhin: In den Diversity-Häusern in St. Petersburg und Moskau konnten die LGBT-Aktivisten bisher unbehelligt arbeiten.

Politische Einflussnahme

Für Russlands Regierungsvertreter ist das perfekt organisierte Riesenereignis Fußball-WM ein voller Erfolg. Ministerpräsident Dmitri Medwedew zeigte sich bei den K.o.-Spielen gegen Spanien und Kroatien auf der Tribüne. Präsident Wladimir Putin hielt sich indes auffällig zurück. Außer bei der Eröffnungspartie war er bei keinem Spiel zugegen, obwohl doch die Sbornaja große Erfolge feierte. Er möge einfach keinen Fußball, schrieben einige Zeitungen, andere Kommentatoren mutmaßten, die Gefahr einer Niederlage sei zu hoch gewesen. Laut Kremlsprecher Dmitri Peskow hat sich Putin alle russischen Partien angesehen und nun die Spieler zu sich eingeladen. Wie in vielen Ländern wurde auch in Russland das durch die WM verminderte öffentliche Interesse an Politik genutzt - für eine Erhöhung des Rentenalters. Für Frauen in Russland soll es bis 2034 schrittweise von 55 auf 63 Jahre steigen, für Männer bis 2028 von 60 auf 65.

Mangelndes Interesse der Russen wegen des schwachen Teams

Noch beim Confederations Cup 2017 blieben reichlich Sitze in den modernen Arenen leer. Bei dieser WM ist das anders: Fast alle Spiele waren ausverkauft, die der russischen Mannschaft sowieso. Die Begeisterung wird in den Halbfinal- und Finalspiele auch nicht mehr abreißen.

Menschenrechtsverletzungen

Die finden in Russland weiterhin statt, auch wenn sich das öffentliche Interesse derzeit nur auf den Fußball richtet. Aktivisten beklagen das Desinteresse am Fall Oleg Sentsow. Der Regisseur von der Krim, der ein Aktivposten bei den Maidan-Protesten 2014 in der Ukraine war, wurde wegen vermeintlicher Planungen von Terroranschlägen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er befindet sich im Hungerstreik. Am Montagnachmittag wurden Swetlana Gannuschkina, Trägerin des Alternativen Friedensnobelpreises 2016, und Oleg Orlow, Vorstandsvorsitzender der NGO »Memorial«, festgenommen. Sie hatten in Moskau Schilder mit der Aufschrift »Freiheit für Ojub Titjew« hochgehalten. Jener tschetschenische Menschenrechtsaktivist ist wegen angeblichen Marihuanabesitzes zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Gannuschkina und Orlow werden nun wegen Verstoßes gegen einen Erlass angeklagt, der Proteste während der WM verboten hatte.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen