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Klettern zum Fischadlerhorst

Paul Sömmer beringt Greifvögel und betreut die Naturschutzstation Woblitz

Mit routinierten Bewegungen schlüpft Paul Sömmer in den Blaumann, schnallt sich ein Geschirr mit Seilen um und erklimmt zügig einen ausgedienten, rostigen Strommast. Auf der etwa 25 Meter hohen Konstruktion nahe Templin in der Uckermark thront ein Adlerhorst. Der Naturschützer und Greifvogelexperte hat es schon länger beobachtet und ist sicher: Das Fischadlerpaar hat Junge.

Zum Missfallen der in luftigen Höhen kreisenden Altvögel nimmt der 60-Jährige die drei kleinen Adler mit sicheren Bewegungen aus dem Horst und lässt sie vorsichtig in einem Leinensack zur Erde herab. Danach steigt er selbst behände wieder hinab. »Drei Junge sind guter Durchschnitt. Nach etwa 50 Tagen sind die flügge«, freut sich Sömmer. Am Boden beringt er die etwa 35 Tage alten Jungvögel. An den rechten Fuß kommt die Kennzeichnung der Vogelwarte Hiddensee mit einer gestanzten Nummer. Links wird ein Ring angebracht, der via Fernglas die Identifizierung des jeweiligen Tiers ermöglicht. »Wir wollen ja beobachten, wie es sich entwickelt«, sagt Sömmer. Zudem werden Flügellänge und Gewicht gemessen.

Alle Daten trägt er sorgfältig in eine Horstkarte ein. Die ganze Prozedur dauert nur wenige Minuten, um möglichst wenig zu stören. Im Auftrag des Landesumweltamtes (LfU) erfasst Sömmer seit Jahren den Bestand von Fischadlern. »Ich mache das nicht allein, sondern arbeite mit vielen ehrenamtlichen Horstbetreuern zusammen«, sagt er.

Den Horst auf dem alten Mast gebe es schon seit Jahrzehnten. Fischadler seien sehr standorttreu. Ruhe, ein fischreiches Gewässer in der Nähe und vor allem eine Nistmöglichkeit auf dem höchsten Punkt in der Landschaft - dann lassen sich die Tiere gern nieder. Allerdings gebe es in der freien Natur kaum noch natürliche Nistmöglichkeiten, kritisiert Sömmer. Es fehle an alten hohen Bäumen, die andere Bäume deutlich überragen. »Deswegen sind die Tiere auf solche künstlichen Plätze wie die ausgedienten Masten angewiesen«, erklärt der Naturschützer.

Es gebe einen Trend, dass Adler in Brandenburg weniger auf Bäumen denn auf künstlichen Nisthilfen brüten, bestätigt LfU-Sprecher Thomas Frey. »Das mangelnde Nistplatzangebot ist ein weitaus größeres Problem als möglicherweise fehlende Nahrung in der Nähe«, sagt er. Allerdings sei der Bruterfolg auf künstlichen Nisthilfen höher und beständiger. Das belegten Untersuchungen. Ein größeres Problem für die Vögel als die fehlenden hohen Bäume sind Störungen durch den Menschen, sagt Sömmer. »Die Zivilisation hinterlässt Spuren, Rücksichtnahme gibt es nicht mehr«, meint er verärgert.

LfU-Sprecher Frey erzählt, lokal gebe es eine Abnahme der Bestände wegen Störungen durch den Menschen, Allerdings werde das durch den landesweit positiven Trend kompensiert.

60 bis 70 Fischadler beringt Sömmer pro Jahr. Gefährlich ist diese Arbeit in Schwindel erregender Höhe nicht nur auf Strommasten. Befinden sich die Nester auf Bäumen, muss Sömmer mithilfe von Steigeisen nach oben. Der 60-Jährige ist auch schon mehrfach von empörten Altvögeln attackiert worden. Neben jungen Fisch- und Seeadlern beringt Sömmer auch den Nachwuchs von Wanderfalken. Diese Greifvogelart war Ende der 1980er Jahre in Brandenburg nahezu ausgerottet, hauptsächlich durch Agrochemikalien, die in der DDR-Landwirtschaft eingesetzt wurden. Mittlerweile gebe es durch gezielte Wiederansiedlung eine neue Population, freut sich LfU-Sprecher Frey.

Wenn er nicht zu Horsten hochklettert, betreut Sömmer die Naturschutzstation Woblitz, in der verletzte Greifvögel gepflegt und wieder ausgewildert werden. Uhu, Schrei- und Fischadler sowie Waldohreule und Wanderfalken gehören dort zu seinen Schützlingen. Waren Stromschläge früher häufig Ursache von Verletzungen, sind es heute Windräder und der Straßenverkehr. dpa

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