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Der Herr der Wespen kämpft gegen die Angst

Bayern : Vor allem im Frühjahr und Frühsommer ist der Insektenumsetzer Claus Schenk häufig gefragt

  • Von Christiane Bosch, Bad Kissingen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Friedlich fliegen die Wespen durch ein kleines Loch in der Wand in das rot-weiße Gartenhäuschen. An einem schmalen Holzbalken direkt über den abgestellten Fahrrädern und Gartenstühlen klebt das Nest der etwa 150 Tiere. Es ist so groß wie ein Handball. Die geschäftige Ruhe ist für den Wespenschwarm gleich vorbei. Denn Claus Schenk ist in seinen blauen Schutzanzug gestiegen und hat eine kleine Säge in die Hand genommen. Der 48-Jährige ist Wespen- und Hornissenumsetzer. Davon gibt es in Bayern meist eine Handvoll in jedem Landkreis.

Schenk ist hauptberuflich Fachbetreuer für Umweltbildung beim Naturpark und Biosphärenreservat Rhön. Die Betreuung der Hornissen und Wespen im Landkreis Bad Kissingen übernimmt er ehrenamtlich. »Rund 3000 Kilometer fahre ich dafür im Jahr durch den Landkreis«, sagt der Naturschützer. Der Bedarf ist hoch. Die Unsicherheit ist es auch. Viele wollen die Tiere nicht in ihrer Nähe, schon gar nicht als Schwarm. Sie fürchten Angriffe.

Deshalb legen sie im schlechtesten Fall entweder selbst Hand an und zerstören verbotenerweise das Nest oder töten die Tiere. Oder sie rufen im besten Fall Experten wie die Feuerwehr, Schädlingsbekämpfer oder eben Claus Schenk. Denn die haben nicht nur die Ausrüstung, sondern vor allem das Wissen um die Tiere. Wespen sind als wildlebende Tiere durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt und dürfen nicht grundlos getötet werden. »Hornissen, eine Wespenart, stehen sogar auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten«, erklärt Schenk. Wer ein Nest von Hornissen zerstört, riskiert hohe Strafen. In Bayern können - zumindest auf dem Papier - bis zu 50 000 Euro dafür fällig sein. Artenexperte Klaus Mandery vom Bund Naturschutz in Bayern kennt allerdings keinen einzigen Fall, bei dem ein Bußgeld verhängt wurde.

Mandery zufolge ist die Unterschutzstellung der Hornisse vor vielen Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. »Damals war die Art fast ausgestorben.« Jetzt begegne man bei Ausflügen in die Natur eigentlich immer auch Hornissen. Der Schutz über die Rote Liste wäre seiner Meinung nach deshalb heute gar nicht mehr nötig. Im Herbst überarbeiten Experten die Rote Liste für Bayern. Dann fliegt die Hornisse möglicherweise raus.

Die Furcht vieler vor den dicken Brummern und ihren kleineren Kollegen aber dürfte bleiben. Vor allem im Frühjahr und Frühsommer klingeln deshalb bei der Feuerwehr, bei Schädlingsbekämpfern und bei Claus Schenk häufig die Telefone, weil ein neues Nest in Menschennähe entdeckt wurde. Sein neuester Auftrag hat ihn zum Gartenhäuschen von Dunja Köszegi in Bad Kissingen geführt. Sie habe zunächst auch überlegt, das Wespennest einfach selbst zu entfernen, gibt sie zu. Weil sie aber allergisch ist und vom gesetzlichen Schutz der Wespen zumindest schon mal gehört hat, rief sie vorsichtshalber erst den Wespenexperten an.

Der nähert sich nun im Schutzanzug dem kleinen Wespennest. Mit langsamen Bewegungen sägt er das Nest vom Holzbalken und lässt es sanft in einen weißen Plastikeimer fallen. Die grau-braunen Nester sind aus einer Art Holzbrei gemacht. Die geschichtete Hülle ist sehr leicht und sieht aus wie sehr dünnes Altpapier. Darin sieht man die Waben mit den Eiern und Larven der Wespen.

Wenig später setzt Schenk das Nest im Wildpark Klaushof in einen eigens gebauten Umsiedlungskasten um. »Das ist sozusagen unsere Hornissen-Auffangstation.« Weil aber gerade kein Hornissenschwarm gerettet werden muss, dürfen nun die Wespen einziehen. »Heute Abend oder morgen gucke ich nochmal, wie sie den Umzug überstanden haben«, sagt der Tierschützer.

Geld verlangt Schenk nicht von Dunja Köszegi. Für das Umsetzen eines Wespen- oder Hornissennestes sind etwa 130 bis 200 Euro üblich. »Das könnte ich nicht. Ich kann doch nicht erst erklären, wie wichtig der Schutz der Tiere ist und dann die Hand aufhalten.« Schenk sieht in dieser Hinsicht auch den Gesetzgeber im Zugzwang. »Der lässt die Bürger quasi allein. Er schützt erst die Tiere, und um die Umsetzung des Gesetzes muss sich der Bürger selbst kümmern - und das dann auch selbst bezahlen.«

So oft müssen die Bürger indes gar nicht in die eigene Tasche greifen, denn Umsiedlungen von Hornissen und Wespen sind selten. Vom Bund der Deutschen Schädlingsbekämpfer, der Feuerwehr Würzburg und dem Landkreis Bad Kissingen heißt es übereinstimmend, dass das eher die Ausnahme ist. An der Tagesordnung sind dagegen ausführliche Aufklärung und Beratung zu Schutzmaßnahmen.

Schenks wichtigste Arbeit als ehrenamtlicher Wespen- und Hornissenumsetzer ist deshalb auch der Kampf gegen die Angst. »Das ist meine Aufgabe: Den Leuten die Angst nehmen.« 90 Prozent seiner Arbeit mache das aus. »Wespen und Hornissen sind friedliche Tiere - wenn man ein paar Regeln beachtet.« Zudem sind die Tiere nicht nur höchst faszinierend, findet Schenk, sondern auch notwendig: »Wespen sind sehr wichtig für ein funktionierendes Ökosystem. Vor allem in Zeiten des Insektensterbens.« dpa/nd

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