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Die Ballerina und der Gärtner

Dana Grigorcea ließ sich von Tschechow inspirieren

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sie heißen beide Anna - die »Dame mit dem Hündchen« bei Tschechow und jene Ballerina, die im Café an der Uferpromenade in Zürich zu dem Mann am Nebentisch schaut, der ihren kleinen Hund zu sich lockt. Keine zufällige Parallele. Dana Grigorcea, so sagt ihr Verlag, habe eine »hinreißende Geschichte über die Sehnsucht nach Sinn und Sinnlichkeit und über die Zeiten hinweg eine Hommage an Anton Tschechow« geschrieben. 1979 in Bukarest geboren, lebt sie seit Jahren schon in Zürich und braucht für ihre Texte schon längst keinen Übersetzer mehr.

Wer sich an Tschechow anlehnt, kann nicht fallen. Eingängig schwebend ist Dana Grigorceas deutsche Sprache. Sie hat einen schönen Ton. Wie sollte es auch anders sein, wenn von Verliebtheit die Rede ist. Ihre Idee, durchaus zeitgemäß: die Rollen umzudrehen. Bei ihr ist Anna die Ältere, schon in Beziehungen Erfahrene, aus ihrer Sicht wird erzählt. Wie Dmitri Dmitritsch Gurow auf seine Anna Sergejewna blickt sie mit Wohlgefallen, aber auch ein klein wenig von oben herab, auf Gürkan, den schönen Kurden aus der Türkei. Als Gärtner ist er Projektleiter für die Begrünung des oberen rechten Zürichseeufers. Und verheiratet ist er auch. Lässt da vielleicht auch »Lady Chatterleys Lover« grüßen? Von ihrer Seite vielleicht, aber Gürkan ist eher scheu und hat Skrupel, mit Anna zusammen gewesen zu sein. »Ich will ein Leben, das ehrlich ist und ohne Sünde …Wie primitiv er ist, dachte Anna, wie wenig er gelebt haben muss.«

An Tschechow reicht niemand heran. Aber es geht hier auch nicht um literarischen Wettstreit, sondern um die über hundert Jahre, die beide »Damen« voneinander trennen. »Die Welt hat sich schon sehr verändert«, sagt eine ältere Frau im Buch. Der zur Schau getragene Frohsinn der Spaziergänger am Zürichsee verdeckt vielleicht, dass sie durchaus um sozial dunklere Regionen wissen, genauer und bedrängender als die Herrschaften 1899 in Jalta, welche Standesunterschiede fast als etwas Naturgegebenes betrachteten und sowieso alle einheimisch waren.

Während Grigorcea Handlungsparallelen zu Tschechow ausspielt, denkt sie unterschwellig über diese Veränderungen nach, von denen das gewachsene weibliche Selbstbewusstsein nicht die geringste ist. Im Rückblick glauben wir, Festgefügtes zu sehen, was damals vielleicht als ebenso unsicher empfunden wurde wie der Boden, auf dem wir uns heute bewegen. Quälte sich bei Tschechow nicht auch Gurow mit dem Altern und der Suche nach einem wahren Leben? »Und erst jetzt, da sein Kopf grau war, liebte er, wie es sich gehörte, liebte er tatsächlich - zum ersten Mal in seinem Leben.«

Eigentlich braucht es ja keine Neufassung von Tschechows Erzählung, um sie ins Heutige zu heben. Aber Dana Grigorcea ist eine wunderschöne, zärtliche Novelle gelungen. Mit vielen Schattierungen, die aufmerksame Leser erfreuen. Manchmal scheint es, als schaue sie ihre Ballerina Anna ein klein wenig spöttisch von der Seite an, wie sie so selbstbezogen ist und so befangen in ihrer Wohlstandswelt. Dieses ständige Sich-behaupten-Müssen, »dieses mechanische Vortäuschen von Leben und Frische« - und dann wieder dieses unbegreifliche Unwohlsein, wo alles doch glücklich gefügt zu sein scheint.

Sie hat keine Skrupel, Gürkans Familie zu zerstören. Eigentlich weiß sie kaum etwas von ihm, findet ihn nur schön mit seiner geraden Nase und dem gewellten Haar. Sucht sie überhaupt nur nach dem besonderen Augenblick? »Lag ihr Glück nicht einzig in der flüchtigen Ahnung davon?«

Dana Grigorcea: Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. Dörlemann. 128 S., geb., 16 €.

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