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  • Frankreich bei der WM

Wen interessiert die Meckerei?

Die Franzosen spielen nicht den schönsten Fußball dieser WM - aber einen, der sie ins Finale brachte

  • Von Jirka Grahl, St.Petersburg
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es muss hoch hergegangen sein in Frankreich. Wie am Pariser Champs-Elysees machten in der Nacht zum Mittwoch Abertausende Fans aus den Hauptverkehrsstraßen vieler Städte eine blau-weiß-rote Partymeile, mancherorts wurden sogar kleine Riots daraus. Aus Rouen war zu hören, dass sich 300 Menschen Scharmützel mit Gendarmerie und Polizei lieferten. Acht Menschen wurden festgenommen. Der Finaleinzug nach dem 1:0 im WM-Halbfinale gegen Belgien versetzte das Land offensichtlich in höchste Erregung.

Am Ort des historischen Sieges hingegen herrschte verhältnismäßige Ruhe: In St. Petersburg saßen die wenigen Franzosen des Nachts in den Bars und Cafés am Newski-Prospekt und stießen gesittet auf den Sieg ihrer Équipe Tricolore an. Schon in der Zenit-Arena auf der Krestowskij-Insel, in der erstmals deutlich sichtbar Hunderte der teuren Plätze freigeblieben waren, hatte eine gebremste Stimmung geherrscht beim heiß ersehnten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften, die bei diesem Turnier jeweils mit herausragender Spielweise überzeugt hatten.

Die Franzosen mit ihrem kühl kalkulierten Konterfußball - mit möglichst wenig Einsatz maximale Ergebnisse zu erzielen, gelang ihnen bis auf eine Ausnahme gegen Dänemark in jedem WM-Spiel hervorragend. Die Belgier hingegen hatten vor allem mit ihrer Variabilität überrascht und mit der Durchschlagskraft ihrer drei Topangreifer Romelu Lukaku, Kevin de Bruyne und vor allem Linksaußen Eden Hazard. Auch im Halbfinale am Dienstag wirkte es anfangs, als wären die »Blauen« überrascht vom Powerplay der »Roten Teufel«.

Doch die vermeintliche Überlegenheit der Belgier war einkalkuliert: Nachdem der Weltmeister von 1998 die stürmische Anfangsphase sicher überstanden hatte, kamen Antoine Griezman, Paul Pogba und Kylian Mbappé immer besser ins Kontern, während Belgien nichts, aber auch gar nichts einfiel, um Frankreichs Abwehr ins Wanken zu bringen.

Die Entscheidung besorgte dann auch noch einer aus der französischen Defensivabteilung - mal wieder nach einem ruhenden Ball: Innenverteidiger Samuel Umtiti vom FC Barcelona leitete eine Ecke per Kopf ins belgische Tor (51.). Fortan verlegte sich Frankreich auf die Verwaltung des knappen Vorsprungs, während Belgien noch eine Dreiviertelstunde lang vergebens anrannte. Wahrscheinlich hätte es auch in drei weiteren Stunden nicht geklappt.

Die Belgier zeigten sich nach dem verlorenen Halbfinale ziemlich entnervt vom Abwehrbollwerk des Gegners. Kapitän Hazard beklagte den Verhinderungsfußball der Franzosen deutlich: »Ich verliere lieber mit der belgischen Mannschaft, als mit dieser französischen zu gewinnen.« Torwart Thibaut Courtois sah die Sache ähnlich: »Ich wäre lieber gegen Brasilien rausgeflogen«, beklagte er sich gegenüber Reportern über den angeblichen »Anti-Fußball« der Halbfinalkontrahenten von St. Petersburg. »Die wollten wenigstens noch Fußball spielen. Es ist frustrierend. Frankreich war nicht besser als wir.«

Die Franzosen interessierte das Gemecker nur wenig. Sie waren beseelt vom Finaleinzug: »Ich habe die Bilder aus der Heimat gesehen. Das bringt schöne Erinnerungen zurück«, schwärmte Nationaltrainer Didier Deschamps nach dem Sieg. Er war Kapitän jener Mannschaft, die vor 20 Jahren den Heimtriumph schaffte und könnte nun nach Franz Beckenbauer und dem Brasilianer Mario Zagallo der dritte Trainer werden, dem WM-Siege als Spieler und Trainer gelangen.

Jener Weltmeistertitel von 1998, zu dem Mittelfeldzauberer Zinedine Zidane Frankreich damals führte, stand einst als ein Beispiel für gelungene Integration und als Verheißung für die Weltoffenheit der Franzosen: 20 Jahre später ist die politische Lage im Land allerdings noch immer nicht viel besser, der Fußball allerdings, den Deschamps spielen lässt, ist vielversprechend. »Wir sind hier, um eine neue Seite in den Geschichtsbüchern zu schreiben: die allerschönste Seite«, sagt der Trainer. Im Luschniki-Stadion von Moskau greift seine Mannschaft bei ihrem Rendezvous mit der Geschichte am Sonntag (17 Uhr) also nach dem zweiten Stern.

Dass dabei nicht nur geglänzt, sondern viel gearbeitet wird, ist für alle selbstverständlich. »Wir waren elf Hunde auf dem Platz«, sagte Innenverteidiger Umtiti, der 2016 bei einer der schmerzhaftesten Niederlagen der Franzosen dabei war: Dem 0:1 nach Verlängerung im Finale der Heim-EM gegen Portugal. »Ich hoffe, dass es diesmal anders wird«, sagte Umtiti am Dienstag. Für die Belgier hingegen bleibt nur das Spiel um Platz drei am Sonnabend in St. Petersburg - und die Hoffnung auf ein etwas schöneres Fußballspiel.

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