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Muskelberg mit Sidekick

Der Blockbuster «Skyscraper» orientiert sich stark an dem mutmaßlich besten Actionfilm aller Zeiten, «Stirb langsam»

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Stirb langsam« (1988) von John McTiernan gilt in vielerlei Hinsicht bis heute als der prototypische Action-Thriller schlechthin. Der gebrochene Held wider Willen, der sich einer Übermacht an Gegnern entgegenstellt, und die paranoide Stimmung an isolierten Schauplätzen prägten das Genre bis in die späten 90er Jahre, bevor mit den Spektakelfilmen von Produzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Michael Bay (»The Rock«, »Transformers«) die nächste Stufe im Wettrüsten um das lauteste, härteste Krach-Bumm-Kino erreicht wurde.

Rawson Marshall Thurber (»Dodgeball - voll auf die Nüsse«), Autor und Regisseur von »Skyscraper«, gibt McTiernans ikonischen Action-Klassiker als Inspiration an, und alles andere wäre auch absurd. So unübersehbar sind die Parallelen zwischen den beiden Filmen, dass es unmöglich ist, »Skyscraper« zu beurteilen, ohne den Vergleich zum - ja, nennen wir es: Original zu ziehen.

Beide Filme erzählen die Geschichte eines einzelnen (Ex-)Polizisten, der von der Außenwelt abgeschlossen in einem Hochhaus gegen eine Gruppe Schwerkrimineller kämpft, die das Gebäude (und darin die engsten Familienangehörigen des Polizisten) unter ihre Kontrolle gebracht haben.

»Stirb langsam« spielte in einem generischen Wolkenkratzer in Los Angeles. Da »Skyscraper« ein Film der Post-Bruckheimer-Ära ist, muss es natürlich schon das (fiktive) höchste Gebäude der Welt sein. Dementsprechend kämpft sich Dwayne Johnson als Will Sawyer durch größtenteils am Computer generierte oder retuschierte Hintergründe, wo Bruce Willis, der den Helden John McClane verkörperte, anno ’88 noch im realen Firmensitz der Produktionsfirma Fox vor echter Pyrotechnik davonrannte.

Der vielleicht wichtigste historische Einschnitt lag damals in der Zeichnung der Hauptfigur. Im Gegensatz zu den schlicht übermenschlichen Helden im Actionkino des vorigen Jahrzehnts war John McClane seine Sterblichkeit noch anzusehen. Legendär sind etwa sein blutgetränktes Feinrippunterhemd und der Moment, als er barfuß durch Glasscherben schleichen muss.

Auch Will Sawyer liegt bereits in der zweiten Szene von »Skyscraper« blutig auf einer Bahre - das Gesicht zerstört von einer Explosion, die ihn sein linkes Bein gekostet hat. Da endet es dann aber auch mit der Verletzlichkeit. Mit dem Einsetzen der Haupthandlung besteht kein Zweifel mehr daran, dass wir es hier mit einem quasi unkaputtbaren Helden zu tun haben, der mit Leichtigkeit die Grenzen der Physik überwindet, um seine Familie zu retten. Die Beinprothese kommt mehrfach als cleveres Gimmick zum Einsatz; verletzlicher wirkt der Protagonist wegen ihr nicht.

Auch mental ist Johnsons Held stabiler aufgestellt als sein historisches Pendant: McClane war ein zynischer, halb verwahrloster Verlierer, von Frau und Kindern verbittert in New York zurückgelassen. Sawyer trägt zwar aus dramaturgischen Gründen ein Trauma aus früheren Zeiten mit sich herum, ist aber sonst ein mit sich und seinem Leben zu Recht zufriedener Familienvater, was zur Folge hat, dass zumindest seine Lebensgefährtin etwas mehr Präsenz in der Handlung erhält.

In »Stirb langsam« war McClanes Ehefrau Holly bis auf ein paar verbale Konfrontationen vor allem damit beschäftigt, auf den rettenden Ehemann zu warten. Sarah Sawyer hingegen hat physischen und dramatischen Anteil an der Action. Von der Trophäe zum Sidekick, immerhin.

Dwayne Johnson ist ein besserer Schauspieler als die meisten hauptberuflichen Muskelberge. Das schlichte Drehbuch gibt ihm jedoch wenig Raum, mehr als die üblichen dreieinhalb Grundemotionen des gemeinen Actionhelden abzurufen. Wie die emotionalen Brüche vermisst man auch das lakonische Lästermaul eines John McClane. »Skyscraper« gibt sich in seiner Erzählhaltung erstaunlich bieder, bedenkt man, dass es sich dabei um die Kooperation eines Darstellers, der unter anderem für seine Bereitschaft zur Selbstironie bekannt ist, mit einen Regisseur handelt, der bisher auf Komödien spezialisiert war.

Die Kamera bewegt sich geschmeidig und präzise durch die digitalen Sets. Glücklicherweise orientiert sich Regisseur Thurber bei seinem Actiondebüt auch in der szenischen Auflösung mehr an den Klassikern des Genres als an den Schnitt- und Schwenkorgien der Jahrtausendwende. Trotz der offensichtlichen Künstlichkeit der Umgebung erhalten die Actionseqenzen so dramatisches Gewicht und - innerhalb der überhöhten Filmrealität - kinetische Glaubwürdigkeit. Solange man »Skyscraper« nicht mit dem mutmaßlich besten Actionfilm aller Zeiten vergleicht, ist er ein grundsolider Blockbuster.

»Skyscraper«, USA 2017. Regie/Buch: Rawson Marshall Thurber; Darsteller: Dwayne Johnson, Neve Campbell. 103 Min.

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