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  • Das Leben der Anderen

Auf dem Gehorch-Posten

Theater Hof: »Das Leben der Anderen« von Albert Ostermaier - der Monolog zum Film

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wie so oft in diesem elenden Geschäft, in dem mit Ideen gehandelt wird: Am Anfang steht die stolze Talentpose, in einer Sache aufgehen zu können - am Ende dann die bittere Einflüsterung eines plagenden Gewissens: Du hast dich verloren, aufgegeben. Aus der Kreativität des Ideologen, der sich nicht mehr einkriegt, wächst im besten Falle die Kreatur, die erkennen darf (darf, nicht muss!): Du wirst eingeholt werden von deiner Schuld.

Stasi-Hauptmann Wiesler sitzt auf einem Dachboden, über der Wohnung des Schriftstellers Dreyman und dessen Geliebter, der Schauspielerin Christa Maria Sieland. Observation als Obsession. Wiesler hört ab, er hört hin, hört sich hinein in »Das Leben der Anderen«, aber er hört plötzlich eigene Herzschläge: Berührtheit, Zuneigung. Dieser Mann, der fremden Menschen Fallstricke legen will, verstrickt sich selber. Der Zersetzer erkennt, dass er sich selber zusetzt. Erwachen ist Erschrecken: Denn was aufrichtet, ist gegen die Richtlinie - Seelenregung ist Verrat.

Der international erfolgreiche Film von Florian Henckel von Donnersmarck, mit Ulrich Mühe in der Rolle des Wiesler, diente dem Dichter Albert Ostermaier als Vorlage für einen 90-minütigen Monolog, der jetzt am Theater Hof seine Uraufführung erlebte (Regie und Bühne: Philipp Brammer). Jörn Bregenzer, der den Wiesler spielt, schreibt die Namen der handelnden Personen mit Kreide an eine Tafel. Als sei die Geschichte hier der dozierende Lehrer, und die Lektion ist eindeutig: Jeder ist abwischbar. Leben? Schwamm drüber. Einmal berührt Wiesler die Buchstaben von »Christa«, als zeichne er zärtlichst Körperrundungen nach. Am Ende wird Wiesler alle Namen löschen, nur seinen eigenen verschonen. Das nunmehr einsamste aller möglichen Worte.

Jörn Bregenzer in Bundjäckchen und heller Normhose: angstvolle, aufgerisse Augen. Die Hände hat er wie ein Zögling auf den Oberschenkeln. Zwei Stühle, sonst nur: stehendes Tasten, herumlaufendes Erstarrtsein. Der Schauspieler lenkt gefährliche Biederkeit unmerklich um ins Bemitleidenswerte. Ein Stasi-Schnüffler als tragische Gestalt, der über seine Ein-Dringlichkeit in fremdes Leben existenziell erzittert, der seinen unbarmherzigen Idealismus der Feindkontrolle noch eine Weile diszipliniert über erste Seelenrisse retten kann. Ehe er dann doch erschüttert ins Beben gerät, wieder Mensch wird und als einstiger Herr über Andere in einer Nichtigkeit endet, die ans Herz geht. Sitzt in seinem Selbstgespräch wie ein gequälter Woyzeck - gleichsam der Hauptmann der Behörde, der vom Hauptmann Büchners verhört wird, der in ihm Folterfragen stellt.

Wiesler, eben noch »auf Horchposten über den Dingen«, nun im Selbstverhör. In der leeren Wohnung Dreymans. Ein verkapselter Mensch zwischen Aufbruch und Zusammenbruch. Der sich selber »in die Pflicht nahm, wie er andere festnahm«. Manchmal geht Bregenzer an eines der beiden Standmikrofone, spielt und spricht seine Vorgesetzten, rotzig den karrieresüchtigen, kaltschnauzenden Vorgesetzten oder noch rotziger den triefend geilen Kulturminister, der nach Belieben auf seinen Buhl-Besitz pocht: die Schauspielerin.

Wer den Film »Das Leben der Anderen« nicht an sich heranlassen wollte, hatte leichtes Spiel: Er brauchte bloß diese brutale Sexualgier eines DDR-Ministers auf jene Schauspielerin als eindeutig unrealistisch zu geißeln. Nur geht es hier so wenig um »Realismus«, wie es bei Shakespeare um Realismus ging, als er den beliebten Richard III. zum Mord-Monster machte. Es geht um die Metapher jener Anmaßung, die niederste Willkür meinte, aber hochtrabend »Parteilichkeit« sagte. Und in diesem Fall mithilfe der Stasi tückisch ans Ziel kommt. Zerstörungs-Perfektion, ein Schandstück. Schlimm, wer ein Schicksal hat, schlimmer, wer Schicksal spielt.

Ostermaier erweist sich als starker Dichter eines sehnigen Bewusstseins für modern-archaisches Unglück. Er verfugt den Fall Wiesler mit Kleist und Brecht; DDR-Konkretheit hebt sich ins Allegorische von Liebe und Tod, Abhängigkeit und Macht. Zwischen Monolog-Pausen tiefes Dunkel, durch das ein Suchscheinwerferlicht hechelt. Bis Wiesler weiterredet, horchend spricht, als erwarte er jeden Moment die eigene Verhaftung, weil sein Horchen (auf eine ungewohnte innere Stimme) das sträfliche Gegenteil von Gehorchen wurde.

Im Monolog die Nach-Erzählung: von Wieslers Dachboden-Abhörkammer; von den Verhören in der Dienststelle; vom »Liebeslauben«-Hotelzimmer des neurotisch in Kissen wühlenden Ministers. Und von der Schauspielerin, die über alles stürzt, bis hinein in den Tod. Bregenzer füllt diesen jagenden, poetischen Text mit einer gesteigerten schauspielerischen Erregung, stark genug, den gewöhnlichen Weltbezug eines Menschen zu zerreißen. Was stattfindet, ist die Besiegelung jener Unzuverlässigkeit, die wir Leben nennen.

Was zu Kleists Zeiten aus dem Alleinsein mit Gott zu lernen war, das wird hier übertragen aufs Alleinsein mit einem dünn möblierten Nichts aus ewigem Widerspruch: zwischen vermeintlich gesellschaftlicher Aufgabe und Selbstaufgabe. Dichtung als Schleusensystem der Assoziationsfetzen. »ist das das deutsche an dir/ dass du keine lüge/aussprechen konntest ohne sie/ zu glauben zu glauben zu glauben«, so hat Ostermaier einmal geschrieben, im Anklage-Selbstklage-Monolog eines Sohnes gegenüber seinem Vater (»vatersprache«). In »Wolokolamsker Chaussee« schrieb Heiner Müller: »Der Staat ist eine Mühle die muss mahlen/ Der Staat braucht Feinde wie die Mühle Korn braucht/ Der Staat der keinen Feind hat ist kein Staat mehr/ Ein Königreich für einen Staatsfeind.« Und genau diese Zeilen scheinen dem Wiesler des präzisen, überzeugenden Jörg Bregenzer von innen gegen die Stirn zu hämmern. Halb Mensch, halb Bürokrat. Mehr und mehr ist die Stille zwischen seinen Worten der verschlüsselte Ausdruck für das Knacken der inneren Korsettstangen - die kapitulieren, wenn Menschen anfangen, aus der vorgeschriebenen Bahn zu rasen, hinaus aus einem luftdicht geschlossenen System.

»alle geräte sind/ abgeschaltet und er hört in sich hinein/ für das unerhörte/ ich zu sein.« Albert Ostermaier über Wiesler. Dies Unerhörte, das Selbst: Keiner findet es einfach so, nein, man stürzt aus Gesinnung und Gewissheit - in ein inneres Unding, in die subjektive Galaxie. Die Behauptung des Abends: Wer könnte sagen, wohin genau das führt? Und: Der Mensch ist kein Wesen, das sich von Natur aus selber sucht; auf die Blöße des eigenen Ichs stößt er immer unvorbereitet. Er wird gestoßen. Vom Feind, der du dir selber bist. Von diesem Moment an ist man nur noch Gegenstand einer einzigen, blöden, quälenden, manchmal tödlichen Frage: Warum trifft die Wahrheit, die ich suche - ausgerechnet mich?

Nächste Vorstellung: 13. Juli

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