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Jugendamt: Kollektiv überlastet

Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes Pankow beklagen Personalmangel

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf Stühlen und Tischen türmen sich die Akten. Zettel mit Zahlen liegen darauf: +15, +42, +60. Es ist die Anzahl der Fälle, die Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes in Pankow zu bearbeiten haben, die über den angestrebten 65 liegen. Das Foto haben Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, an Redaktionen verschickt. »Kollegiale Überlastungsanzeige« ist es überschrieben. 152 Fälle betreut eine der Mitarbeiterinnen aktuell, heißt es in einem beigefügten Schreiben. Optimal wären lediglich 25, sagt eine Angestellte des Pankower Jugendamts, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Durchschnitt liege bei 90 bis 100.

Ursachen dafür gibt es viele. Steigende Kinderzahlen bringen auch eine steigende Zahl an Problemen mit sich, um die sich die Mitarbeiter kümmern müssen. Das Personal wird nicht in gleichem Maße aufgestockt. Und so folgt aus zu viel Arbeit die Überarbeitung, aus der Überlastung die Krankheit. Die Fälle von dauerkranken Kollegen müssen von den übrigen mitbearbeitet werden, was wieder zu Überlastung führt. Viele Mitarbeiter leiden unter Schlafstörungen, heißt es in dem Schreiben.

Und es gibt weitere Klagen: Die Technik sei veraltet, berichtet eine Mitarbeiterin dem »nd«. Die Computer kämen mit der neuen Software nicht zurecht. Die Server fielen immer wieder aus, ebenso die Telefone. Stattdessen würden die Kollegen dann mit dem Mobiltelefon arbeiten: nach Notaufnahmeplätzen googeln, anrufen, ob Plätze frei sind, mit den Familien kommunizieren. Doch auch Mobiltelefone gebe es nicht in ausreichender Anzahl.

Besonders belastend empfinden es die Mitarbeiter aber, kaum rechtliche Unterstützung zu bekommen. Weder gebe es die Möglichkeit, sich vor einer Entscheidung rechtlich beraten zu lassen. Noch stelle das Bezirksamt einen Anwalt, wenn ein Mitarbeiter beispielsweise wegen der Entscheidung, ein Kind in eine Pflegefamilie zu geben, angezeigt werde und sich vor Gericht verantworten müsse. Die meisten Mitarbeiter schlössen daher selbst Rechtsschutzversicherungen ab.

»Jeden Tag muss ich entscheiden, ob ich Eltern ein Baby wegnehme«, sagt die Mitarbeiterin. Das sei eine enorme Belastung. »Eigentlich wollen wir die Familien erhalten.« Man versuche, mit den Eltern zu reden und mit ihnen Verabredungen für einen anderen Umgang zu treffen. Dabei komme es aber auch zu Fehlentscheidungen: Ein Kind wird bei den Eltern gelassen, ein Elternteil rastet aus und schüttelt das Kind, bis es ein Schütteltrauma erleidet. Mit der anschließenden Anzeige werde der jeweilige Mitarbeiter alleine gelassen.

Die Probleme sind nicht neu. Bereits vor zehn Jahren gründete sich die Arbeitsgemeinschaft Weiße Fahnen, eine Selbstorganisation der Mitarbeiter verschiedener Regionaler Sozialpädagogischer Dienste in Berlin. Doch weil sich die Situation über die Jahre eher verschlechtert hat, organisierten sie Anfang Juli eine Aktionswoche mit einer Abschlusskundgebung am Freitag vor dem Roten Rathaus. Anschließend wollten auch Jugendamtsmitarbeiter aus Pankow Stellung nehmen - durften dies nach eigenen Aussagen aber nicht, weshalb sie sich für einen anonymen Brief an die Presse entschieden.

Am Donnerstag nun reagierte die Pankower Jugendstadträtin Rona Tietje (SPD): In den vergangenen zwei Jahren sei der Sozialpädagogische Dienst um 18 Stellen aufgestockt worden. »So wird voraussichtlich 2019 sichergestellt, dass die fachliche Zielsetzung der Fallzahl von 1:65 pro Mitarbeiter*in erreicht wird.« Jetzt liege der Durchschnitt bei 70. Ob jemand über 100 betreue, will sie jetzt ermitteln. »150 geht natürlich gar nicht.«

Tietje kündigte an, die derzeit drei Pankower Regionen um eine vierte zu erweitern. Dann solle der Personalbestand noch einmal erhöht werden. Um neue Mitarbeiter zu gewinnen, würden Kooperationen mit Hochschulen genutzt und studentische Mitarbeiter im Jugendamt gefördert. Da die Mitarbeiter auch immer wieder die niedrige Bezahlung kritisierten, sagte Tietje, sie wolle sich beim Senat »weiterhin für ein besseres Einstiegsgehalt« einsetzen. Häufiger eine Schließwoche einzuführen, wie von Mitarbeitern gewünscht, hält Tietje für problematisch. Das verlagere das Problem lediglich.

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