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Schlaflos in Bari

Martin Leidenfrost über eine durchwachte Nacht an der italienischen Küste

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Aufgrund eines verspäteten Billigfluges stehe ich nach Mitternacht in Bari. Ich beschließe, auf ein Hotel zu verzichten und die ganze Nacht zu wandern. Die Hauptstadt Apuliens ist eine nüchterne Großstadt, Adria und Innenstadt werden von großen Steinblöcken und Durchzugsstraßen getrennt. Tiefsüdliche Versunkenheit nur in der stillen Altstadt: Heiligenbilder mit Plastikblumen und Gardinenstreifen, eingeglast und von alten Lampen beleuchtet.

Ich bin in Bari, weil es traditionell Italiens Fenster zum europäischen Osten bildet. Als Albanien aus seiner Isolation erwachte, erschien das Auswanderungsland Italien als das paradiesische »Lamerica«. Das wohl überladenste Schiff unserer Epoche war die »Vlora«, sie brachte am 8. August 1991 etwa 20.000 Albaner nach Bari. Die Männer mussten im Stadion schlafen. Die afrikanische Migration der Zehnerjahre zielt auf andere Häfen, und heute sprechen sich sieben von zehn Italienern für das völlige Abblocken dieser Schiffe aus. Die Anwesenheit von etwa 500 000 illegalen Afrikanern wird als Bedrohung empfunden.

Meine apulische Nacht führt mich zu einigen Imbissbuden. Dort lausche ich der Sprache der abgerissenen jungen Nachtschwärmer, mit hohen Tönen durch die Nase gezogen. Eine Weile halte ich das für Albanisch, es ist aber Italienisch, der lokale Dialekt. Der Imbissmann nimmt Bestellungen so auf: »Dimmi bello!«, »Sag mir, Schöner!« Nur mich spricht er anders an.

Bari birgt eine einzige Sehenswürdigkeit, die Reliquien des heiligen Nikolaus, ein Wallfahrtsort auch für orthodoxe Russen. Den Plan, an einer Mauer mit Blick auf die Basilika »San Nicola« zu schlummern, gebe ich nach dem Auftauchen eines Carabinieri-Autos auf. Ich lege mich auf eine Holzbank mit Meerblick, dort weckt mich aber der kühle Wind. Kurz nach fünf laufen die Fischerboote aus. Dann auch schon die ersten der unzähligen Barenser Jogger.

Ich gehe in die Basilika. Ein Mönch in hausfremder Kutte sieht mich sinister an. Ich steige zur Morgenmesse in die Nikolaus-Krypta hinunter. Umgeben von byzantinischen Säulen vier normannische mit Tierköpfen. Unter einer Nikolaus-Ikone liegen Zettel, Münzen, Euroscheine, 100-Rubel-Noten. Als ich aus der Krypta hochsteige, höre ich ein tierisches Heulen. Nicht wie von einem Wolf, sondern wie von einem resignierten, an langes Eingesperrtsein gewöhnten Hund. Es ist der hausfremde Mönch, der heult.

Am Vormittag trotte ich durch die Neustadt. Im Meer schwimmend, sehe ich am Ufer eine Frau, die zwischen Trekkingrucksäcken umhergeht. Beim Näherschwimmen stelle ich fest, dass die Rucksäcke in Wahrheit Yoga-Schülerinnen sind, unter ihnen ein weißer und ein schwarzer Mann, die ewig lange in einer vorgebeugten Haltung verharren. In der Nähe des Stadions sehe ich eine Nonne, deren Beine den dreifachen Umfang ihrer in Halbschuhen steckenden Füße haben. Ich begreife nicht, wie die Frau noch laufen kann. Eine junge südostasiatische Nonne fasst die Alte scheu an der Schulter und führt sie über die Straße. Unter den Pfeilern eines Bahnviadukts sehe ich ein paar Ausländer, die vereinzelt kauern, liegen oder schlafen. Daneben striegelt ein Bursche hingebungsvoll seinen Collie, nicht mit einem Kamm, sondern mit einem silberblitzenden Metall.

Ich würde gerne wissen, was 1991 auf der »Vlora« eingewanderte Albaner 2018 über Italiens Migrationspolitik denken. Ich finde aber keine. Laut Statistik leben nur noch 1317 Albaner unter den 325 230 Einwohnern von Bari. Sie entfalten keinerlei Vereinsleben. In einem italienischen Medium lese ich von einer Karolina, deren Vater mit der »Vlora« kam und die kleine Tochter nachholte. Karolina stieg von der Putzfrau zur Managerin einer Trockenmauer-Baufirma auf. Das Medium schreibt, dass Karolina »mit den Adverbien übertreibt«, wenn sie verkündet: »Ich fühle mich absolut italienisch, auch wenn ich überzeugend albanisch bin.« In einem anderem Medium lese ich von einem Gerd, der vom Durst auf der »Vlora« erzählt. Er arbeitete zehn Jahre in Italien, studierte Politikwissenschaft und kehrte nach Tirana zurück. Gerd wird so zitiert: »Für Europas Gleichgültigkeit, gestern mit Albanien und heute mit Afrika, gibt es keine Entschuldigung.«

Meine weiteren apulischen Nächte verbringe ich in Hotelbetten. Einmal, nach einem morgendlichen Regenguss, stehen einige Afrikaner vor dem Bahnhof. Sie bieten alle dasselbe an: Regenschirme.

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