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Den Helden misstrauen

Das Museum der bildenden Künste Leipzig zeigt eine Retrospektive des Künstlers Arno Rink

  • Von Doris Weilandt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Aufrecht und sehr gerade sitzt Arno Rink im Atelier. Sein Körper ist im Halbdunkel schemenhaft zu erkennen. Nur auf den markanten Schädel und das große Ohr fällt Licht. Das Selbstbildnis »Atelier II« (2011) charakterisiert ihn als einsamen Menschen, der von der Wucht innerer Zweifel angefallen wird. Sein Leben lang hat sich der Maler immer wieder selbst infrage gestellt, hat die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewordensein nicht gescheut. Im Gegenteil: »Ich misstraue den strahlenden Helden, die unbeirrt durch unsere Welt gehen, ohne jede Anfechtung, ohne jeden Zweifel.«

Auf dem Selbstporträt sind zwei Figuren dargestellt, die ihm wichtig waren: ein Windhund und eine nackte Frauengestalt, die im gleißenden Licht verschwindet. Mit ihr verlässt die Begierde den Raum, ein Thema, dem er sich lebenslang mit großer Intensität gewidmet hat. Im Fenster liegt ein Schädel mit gewaltigen Hörnern. Mit ihm zitiert Rink die eigene Arbeit »Spanisches Stillleben«, eine Hommage auf die toten Demokraten des Bürgerkriegs 1938. Gleichzeitig verweist dieses Objekt auf den eigenen Tod.

Der 1940 im thüringischen Schlotheim geborene Maler ist eng mit der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) verbunden. Er gehört als Schüler von Werner Tübke, Harry Blum, Hans Mayer-Foreyt und Bernhard Heisig zur zweiten Generation dieser Kunstschule. Mit einer Assistenz begann seine 35-jährige Lehrtätigkeit, die bis 2007 andauerte. Prägend war sein Einfluss als Rektor. 1987 übernahm er dieses Amt von Heisig und blieb in dieser Position über den politischen Systemwechsel. Das ist einmalig an einer ostdeutschen Hochschule. Die Selbstbildnisse »Ministerprotokolle« zeigen die Schattenseiten dieser Wiederwahl. Sie sind das Ergebnis von Sitzungen bei der Landesregierung in Dresden, die er als traumatische Verhörsituationen empfand. Trotzdem konnte Rink 1990 entscheidende Weichenstellungen über die künstlerische Ausrichtung vornehmen und die HGB als bedeutende Ausbildungsstätte gesamtdeutsch verankern. Zu seinen Schülern zählen eine ganze Reihe von heute international erfolgreichen Künstlern wie Neo Rauch, David Schnell, Miriam Vlaming, Michael Triegel und Rosa Loy. Mit einigen verband ihn eine väterliche Freundschaft.

Die Leipziger Ausstellung hat Arno Rink noch selbst mit vorbereitet und die Bildauswahl mitbestimmt. Der Direktor des Museums für bildende Künste, Alfred Weidinger, wollte einen persönlichen Blick auf das Werk: »Hinter Haltung, Stolz und Würde verbarg sich ein hochsensibler Künstler, der persönliche Erfahrungen unverzüglich in seinen Bildern verarbeitet und thematisiert hat.«

Zu sehen sind 65 Gemälde, großformatige Zeichnungen und Fotografien, darunter seine politisch-historischen und mythologischen Werke, Selbstbildnisse und Arbeiten, die sich mit dem weiblichen Akt beschäftigen. Sein Diplombild »Lied vom Oktober I« mit einem grübelnden Lenin in der Mitte ist ebenso vertreten wie Bilder zum Putsch 1973 in Chile. Nach dem Album »Canto libre« von Victor Jara ist ein Bild bezeichnet, das zur VIII. Kunstausstellung in Dresden zu sehen war. Die symbolische Figur der Trauer kauert vor einer Menschengruppe, die vom Dichter Pablo Neruda angeführt wird. Rechts daneben umarmt sich vor einer weiteren Gruppe ein nacktes, weinendes Paar. Darüber steigt ein schwarzes Pferd in den Himmel, das nur noch im Anschnitt zu sehen ist. Sein dunkler Schatten fällt auf die Trauer, die sich angesichts des Leichenfeldes im Vordergrund ausbreitet. Rink versinnbildlicht die Brutalität des Regimes in einem Andachtsbild, das nur Hinweise auf die mörderische Gewalt enthält, und stellt sich mitfühlend auf die Seite der Opfer. Freiheit bedeutet dem Künstler viel. Er setzt sich immer wieder damit auseinander und zeigt Menschen, die von Staatsgewalt bedroht sind.

Zentral im Werk des Künstlers sind Erotik und Obsession. Unter dem Titel »Versuchung« findet sich eine Reihe von Bildern, die Tiefen und Untiefen dieser Gefühlswelt ausloten. Im Mittelpunkt steht eine nackte weibliche Figur mit unsichtbarem Gesicht, deren Körper hell angestrahlt ist. Ein Arm wirft einen bedrohlichen Schatten, der in das Reich der Dämonen, ins Zwanghafte, Getriebene verweist. Dahinter der gefesselte Maler, der den Körper genau betrachtet. Doch auch der Tod hat sich gleichberechtigt in Position gebracht. Die Szene erscheint als Kreuzigung: Der weibliche Geist ist gebannt, doch vom Körper geht immer noch eine starke verführerische Kraft aus, der sich der Maler nicht entziehen kann.

Diesen Bildtypus greift Rink in mehreren Varianten über Jahrzehnte immer wieder auf, so auch in dem Werk »Versuchung« (1994/95). Begierde und Besessenheit spricht aus vielen Bildern. Frauen werden in eindeutiger Haltung dargestellt, als Leda oder Akte, die er als Reminiszenz an den Maler Courbet begreift.

»Brennendes Atelier« und »Brennende Leitern« entstehen in den beiden Wendejahren. Schon die Titel machen deutlich, dass es um die Zerstörung seines bis dahin geschaffenen Werkes geht. Rink fiel unter eine Generalverurteilung von DDR-Kunst, die so absolut auftrat, dass eine sachliche Auseinandersetzung unmöglich war. Durch die Anfeindungen geriet er trotz der Bestätigung als Rektor der Leipziger Kunsthochschule in die schwerste Krise seines Lebens, aus der er sich nur malend befreien konnte. Aufrecht blieb er mitten im Inferno jener Jahre. Am Realismus hielt er fest. Seine künstlerischen Selbstbefragungen wurden dringlicher, das Gesicht aufgebrochen, beinahe unkenntlich verformt. Der Oberkörper gerät zu einer unbiegsamen Pose, einer Versteifung. Rink hat sich eine Rüstung angelegt, die seine zarte Seele schützen sollte. Die Malerei blieb das Wichtigste in seinem Leben.

bis 19. August, Museum der bildenden Künste Leipzig

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