Werbung

»Aurora«-Schuss in hohler Gasse

»Wilhelm Tell« in Oberammergau: Christian Stückl inszenierte Schillers Drama als Passion eines Individualisten

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Freies Assoziieren war Freuds wirkmächtigste Waffe, um Menschen zum Verraten ihres Innersten zu bringen. Wohlan: Beim Anblick des Bühnenaufbaus zum »Wilhelm Tell« in Oberammergau assoziiere ich spontan - Angela Merkel. Denn die Spielfläche des Passionstheaters ist in ihrer gesamten Breite (über 40 Meter) bestückt mit - Ruinen. Immerhin: Als »verbrannte Erde, wohin man schaut«, bilanzierte jüngst auch der Brüsseler ARD-Korrespondent die Politik der Kanzlerin.

Doch natürlich ist der von Christian Stückl inszenierte Schweizer Hut- und Apfel-Mythos kein Propagandastück über aktuelles Regierungsversagen. Es geht schließlich um Für und Wider des Tyrannenmords zu einer Zeit, »da das Fremde in diese still beglückten Täler kam, der Sitten fromme Unschuld zu zerstören«, wie es der greise Freiherr von Attinghausen (alttestamentarisch grandios: Peter Stückl) in Friedrich Schillers Freiheitsdrama formuliert. Also weg von Merkel und zurück zu den Ruinen, den ausgebrannten, verkohlten Fassadenelementen, durchzogen vom Schmauch der Brandschatzung, was andere Rezensenten ausgebombte syrische Dörfer assoziieren ließ. Vielleicht dachte sich Stefan Hageneier (Bühne und Kostüme) auch: Wer will schon Berge als klassisch-kongruente Kulissen von Schillers berühmtem Alpenthriller als Kulissen in einem Theater sehen, das selbst inmitten von Felsengipfeln liegt?

Düsternis und Drohung, Verfolgung und Folter, Opferwille und Ohnmacht - der Tenor des »Tell« passt durchaus zu dem Spiel, das alle zehn Jahre auf dieser Bühne Hunderttausenden begeisterten Besuchern das »Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus« nahebringt und den Namen des oberbayerischen 5000-Seelen-Dorfes in die Welt trägt. Der gebürtige Oberammergauer Christian Stückl ist - neben seiner Profession als Intendant des Münchner Volkstheaters - seit 1987 Leiter dieser Passionsspiele und sorgt in den Zwischenjahren mit eigenen Regiearbeiten für theatrales Leben dort, wo es 2020 wieder heißt: »Halleluja, er ist erstanden!«

Doch bevor ER wieder erstehen kann, kommt erst einmal im Herbst dieses Jahres das große Kreuzweg-Casting: Jesus und Judas, Petrus und Pilatus, Muttergottes und Maria Magdalena - alle passionablen Protagonistenrollen und die Kompanien der Komparsen sind ausschließlich denen vorbehalten, die schon länger hier (in Oberammergau) leben (mindestens 20 Jahre). Und wer jetzt beim »Tell« vor rauchenden Ruinen Schillers Jamben deklamiert, hat beste Chancen, auch in zwei Jahren auf den Brettern zu stehen, die dann viereinhalb Monate lang die Welt der Bibel deuten. An vorderster Stelle ein Mann, der sich schon 2010 dutzendfach kreuzigen ließ und einen nachgerade klassischen Heiland hinlegte respektive auferstehen ließ: Andreas Richter.

Noch mehr allerdings scheinen dem Psychologen, der in Oberammergau als Psychotherapeut praktiziert, die Abgründe des Bösen zu liegen. Der von Richter verkörperte Reichsvogt Gessler in seinem von seelenloser Heimtücke und inbrünstigem Sadismus getriebenen brutalstmöglichen Machtwahn ist eine Hommage an die mimische Apotheose des Urbösen, wie sie einst Klaus Kinski zur Perfektion brachte. Blonde Perücke und schwarzer Ledermantel wirken bei Richter nicht als didaktische Accessoires des Regietheaters, sondern als kalkulierte Persiflage. Während sämtliche Schergen in SS-affinen Uniformen poltern und peinigen, präsentieren sich die diesem Alpen-Alb widerstehenden fried- und freiheitsliebenden Schweizer in semimilitärischer Gewandung, die die verschworene Genossenschaft einer levantinischen Partisanenschar ähneln lässt, was dem patriotischen Pathos durchaus förderlich ist. Interessant: 1971 hatte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch angemerkt, das Attentat auf Vogt Gessler »entspricht den Methoden der El-Fatah«.

In dieser Insurgenten-Truppe finden wir auch den zweiten Jesus von 2010: Frederik Mayet. Diesmal als überzeugenden Darsteller des Schwyzer Respektablen Werner Stauffacher, eines der Wortführer der Waldstätten-Wutbürger. Mayet, sonst Pressesprecher des Passionstheaters Oberammergau und des Münchner Volkstheaters, legt auch in den hitzigen Debatten auf der Bühne die seiner Profession eigene Besonnenheit vor.

Und Wilhelm Tell aus Uri? Bei Stückl kein vierschrötiger Rütli-Rambo vom Vierwaldstätter See, sondern ein integrer Individualist, in dem Zurückhaltung und Zivilcourage um das rechte Maß ringen. Nachgerade ein Anti-Tell, der mit dem 22-jährigen Studenten Rochus Rückel kongenial besetzt ist. »Wo’s not tut, Fährmann, lässt sich alles wagen.« - »Doch was ihr tut, lasst mich aus eurem Rat ...« Zwei Tell-Sätze, zwei Tell-Welten, die für eine Spannung stehen, die das Menschliche, Allzumenschliche als Kraftkern des Stückes freilegt, weit über das Konkretum des Tyrannenmords hinaus. Was tun? Eben das, was »not tut«. Aber ohne Revolutionskomitee, Agitationsschwulst und linkischen Populismus. Kommt Zeit, kommt Tat. Doch zuerst kommt Untat: Tell, der den Gessler-Hut nicht grüßt, wird vom Vogt gezwungen, die Armbrust auf seinen Sohn zu richten. Der Apfel fällt. Und mit ihm Tells einstige Überzeugung: »Dem Friedlichen gewährt man gern den Frieden.« Drum fällt dann ebenso der Landvogt, getroffen von »Tells Geschoss«. Und schließlich fällt der ganze tönerne Koloss der fremden Herrschaft wie - nun ja - ein reifer Apfel, gestürzt vom putschenden Populus, dem Tells tödlicher Pfeil zum Signal des Aufstands wurde. »Aurora«-Schuss in hohler Gasse.

Ende gut? Doch was ist das Ende? Als Schiller 1804 sein Drama vollendete, hatte Frankreich bereits das Drama der Revolution mit seinen Akten des blutigen Terrors und der Massenexekutionen zur Weltaufführung gebracht. Das mag ihn zur Zeichnung eines Wilhelm Tell bewogen haben, der - wie der Dichter selbst - aufbegehrenden Massen mit Skepsis begegnet (»Der Starke ist am mächtigsten allein«). Das Wollen von Majoritäten war Schiller zutiefst suspekt. Gleichwohl musste er in »Drittem Reich« und DDR als Künder von Volksgemeinschaft und Kollektivismus herhalten. In seinem letzten Werk, dem unvollendeten »Demetrius«, hatte er packend postuliert: »Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.« Ein Vorbehalt, der sich angesichts der zwei nachfolgenden Jahrhunderte, ihrer Katastrophen und Verwerfungen als von prophetischem Maß erwies. Stückl geht denn auch deutlich hinaus über Schiller, wenn Tell zur Siegesfeier geradezu getragen werden muss und inmitten des frenetischen Jubels wie ein armer Sünder dasteht. Die Leiden des jungen W.

Die Oberammergauer Aufführung zeigt, dass Schillers Drama, dessen Inhalt weithin bekannt ist und das immer wieder als Parodie oder wohlfeiler Spruchbeutel herhalten muss, schier unerschöpfliche Reserven faszinierender Frische birgt. Und sie zeigt, dass Oberammergau über ebensolche Reserven verfügt. Ein Laienensemble, sicher. Aber man spürt die im wahren Sinne Hemmungslosigkeit einer Spielfreude, die in der Gewissheit wurzelt, nichts verlieren, aber alles gewinnen zu können. Und was ist schon mehr als alles denn die Gunst eines hundertköpfigen Publikums.

Nicht der Vollständigkeit halber (die es hier nicht geben kann), aber der Gerechtigkeit wegen sei auf die von Schiller im »Tell« so exponiert angelegten Frauenrollen verwiesen, wie Hedwig, Tells Gattin, oder Berta von Bruneck, die reiche Erbin - markant gespielt von Sophie Schuster und Eva Reiser. Hinter der Bühne, aber wahrlich nicht im Hintergrund, beseelen die Oberammergauer Chor- und Orchestermitglieder das Drama eindrücklich-unaufdringlich musikalisch mit den Kompositionen von Markus Zwink.

Wenn das Bühnenbild zunächst die spannende Frage provozierte, ob Attinghausens Verkündigung »Und neues Leben blüht aus den Ruinen« auch für das zentrale Kunstereignis im mittlerweile traditionellen Kultursommer der oberbayerischen Gemeinde gilt, kann diese nach dem nichts zu wünschen übrig lassenden Premierenapplaus ohne Wenn und Aber bejaht werden.

Nächste Vorstellungen: 20., 21. Juli, 3., 4., 10., 11. August.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen