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Fingerspitzengefühl gefragt

Unternehmen fehlen geeignete Auszubildende - es mangelt an Fähigkeiten

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

Plätze für neun Auszubildende hat Larissa Zeichhardt in ihrem Unternehmen. Eigentlich. Eingestellt hat sie im aktuellen Ausbildungsjahr lediglich fünf. Und davon sind nur noch zwei übrig. »Lief nicht so gut«, sagt die Chefin der LAT Gruppe sichtlich unzufrieden. Was Zeichhardt am Dienstagvormittag im Haus der IHK Berlin berichtet, könnten so auch viele andere Unternehmer der Hauptstadt erzählen: Der Fachkräftemangel ist ein anhaltendes Problem. Und es liegt nicht an der fehlenden Zahl junger Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen - es mangelt zwar auch an Bewerbungen, vor allem aber an geeigneten Anwärtern auf die Stellen. Die Lücke zwischen unbesetzten Stellen und unversorgten Bewerbern liegt bei etwas über 1000. Die gute Nachricht ist zugleich die schlechte: Die Lücke ist seit 2009 fast konstant geblieben - sie wächst nicht, wird aber auch nicht kleiner. Das zieht sich durch alle Ausbildungsberufe.

In einer Umfrage der IHK Berlin sagten knapp 82 Prozent der Betriebe im Baugewerbe, sie hätten nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können. Im Gastgewerbe waren es 59 Prozent und im Handel 53 Prozent. Als Gründe nannten zwei Drittel der Unternehmer, es hätten keine geeigneten Bewerbungen vorgelegen. 2007 hatte das nicht einmal die Hälfte der Unternehmer angegeben. Während vor zehn Jahren nur ein Prozent der Befragten angab, dass ihnen gar keine Bewerbungen vorgelegen hätten, sagte das nun ein Drittel.

»Ausbildungen haben einen schlechten Ruf«, sagt Zeichhardt. »Ausbildung macht nur, wer das Abitur nicht schafft«, so sei die verbreitete Meinung unter den jungen Menschen. Berufen in Orange - nach der Farbe der Warnwesten - hätten kein gutes Image. »Zu mir kommen dann diejenigen mit einem schlechten Selbstbewusstsein. Die muss ich dann erstmal aufpäppeln.« Zeichhardt leitet gemeinsam mit ihrer Schwester ein Familienunternehmen. Die LAT Gruppe arbeitet im Kabeltiefbau für die Verkehrsbranche, unter anderem für die Bahn. Bei ihr arbeiten unter anderem Elektriker.

Für IHK-Präsidentin Beatrice Kramm beginnt das Problem schon in der Schule. Den Schülern werde zu wenig berufliche Orientierung gegeben, viele wüssten nach dem Abschluss nicht, welche Richtung sie einschlagen sollten. Viele der Schulabgänger würden sich dann in Oberstufenzentren anmelden, dort fehle ihnen aber der Praxisteil. »Das Eintrittsalter bei Auszubildenden liegt derzeit bei 20,8 Jahren«, sagt Kramm. Das sei zu spät. Zeichhardt bestätigt das. »Wenn die jungen Menschen nicht schon ihr Leben lang zu Hause gebastelt haben, dann lernen sie mit 20 Jahren die Fingerfertigkeit auch nicht mehr.«

Als weiteres Problem nennt Zeichhardt mangelnde Grundkenntnisse. »Wir geben unseren Azubis Nachhilfe in Mathe und Physik. Dafür geht Zeit drauf, die sie eigentlich in der Werkstatt verbringen sollten.«

Zweimal in den vergangenen zehn Jahren stiegen die Zahlen der unversorgten Bewerber in die Höhe: 2012, als wegen des doppelten Abiturjahrgangs mehr potenzielle Auszubildende auf den Markt strömten und dann noch einmal 2017, als sich mehr Geflüchtete für Ausbildungsstellen bewarben. Jedes zehnte Unternehmen gab in der IHK-Umfrage nun an, auch Geflüchtete unter den Azubis zu haben.

Bereits im Mai hatte die Bundesagentur für Arbeit vermeldet, dass 10 000 der in den vergangenen Jahren nach Berlin gekommenen Geflüchteten einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgingen. 18 Prozent von ihnen seien im Gastgewerbe tätig, 17 Prozent in der Dienstleistungsbranche.

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