Werbung

Antisemitismus 2.0

Laut einer Langzeituntersuchung der TU Berlin ist das Web mittlerweile von Judenfeindlichkeit und Hass auf Israel durchdrungen

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Begriff »Israelkritik« erzielt in einer Google-Suche knapp 408.000 Suchergebnisse. »Russlandkritik« liefert 18.000 Treffer, »Ungarnkritik« kommt immerhin noch auf knapp 17.000 Ergebnisse. Woher kommt dieser eklatante Unterschied? Warum wird Israel häufig mit Kritik konfrontiert, wo sich anderswo niemand aufregt?

Eine Erklärung liefert eine aktuelle Studie der Technischen Universität (TU) Berlin. Das Ergebnis: Das Web 2.0 ist mittlerweile von Antisemitismus und Hass auf Israel durchdrungen.

Für die Untersuchung »Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses« wurden an der TU von 2014 bis 2018 über 300.000 Texte insbesondere aus sozialen Medien wie etwa Twitter und Facebook, Debattenforen sowie Meinungskanäle von Onlinemedien untersucht und dabei auch verschiedene Merkmale des Antisemitismus ausgewertet. Mittlerweile sei das Internet einer der zentralen Orte für Information und Meinungsbildung – aber auch für die Verbreitung von Hass auf Jüdinnen und Juden, so das Fazit der Studie, die unter der Leitung der Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Schwarz-Friesel beschrieb bei der Präsentation der Studie die wachsende Feindschaft auf Jüd*innen in der deutschen Gesellschaft als ein »besorgniserregendes Phänomen«.

Die soziale Medien würden hier eine wichtige Rolle spielen. Laut der Studie werden jeden Tag Tausende neue antisemitische Äußerungen gepostet. Zwischen 2007 und 2018 habe sich die Zahl antisemitischer Online-Kommentare nahezu verdreifacht. Es gebe fast keinen Bereich im Netz, in dem Nutzer*innen nicht mit judenfeindlichen Texte konfrontiert würden. Schnelligkeit, freie Zugänglichkeit, globale Verknüpfung und Anonymität förderten eine »ungefilterte und nahezu grenzenlose Verbreitung judenfeindlichen Gedankengutes«. Florian Eisheuer, Fachreferent für Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung bestätigt dies im Gespräch mit dem »nd«. Im Internet würde Antisemitismus »unverblümter kommuniziert und der Hass auf Jüd*innen direkter geäußert«.

Trotz unterschiedlicher politischer oder ideologischer Einstellungen sind die judenfeindlichen Einstellungen dabei sehr einheitlich, so die Studie. Dominant sei die Vorstellung des »Ewigen Juden«. Dabei werden Jüdinnen und Juden als das Fremde, Andere und Böse markiert. Jüd*innen seien Wucherer, Geldmenschen und Verschwörer, die im Hintergrund agierten. Diese Zuschreibungen gehen bis in das 13. Jahrhundert zurück – und sind bis heute wirkmächtig. Judenfeindliche Verschwörungsideologien gebe es in Blogs, Recherche- und Ratgeberportalen, YouTube-Videos, Online-Buchläden, Fan-Foren und Kommentarbereichen der Online-Nachrichtenseiten. Selbst der muslimische Antisemitismus sei stark von diesen klassischen Stereotypen geprägt.

Gilda Sahebi von der Initiative »No hate speech«, die auf die Problematik von Hassrede in sozialen Online-Netzwerken aufmerksam macht und sich dabei speziell an jüngere Internetnutzer*innen richtet, kennt diese Problematik. »Antisemitismus ist ein gesamtes Weltbild, das von verschiedensten Seiten bedient wird«, so Sahebi. Antisemitismus umfasst demnach die Gesamtheit judenfeindlicher Stereotype und Zuschreibungen, die sich zu einer gesamten Welterklärung formen. So werden zum Beispiel bedrohlich empfundene gesellschaftliche Umbrüche und Krisen mit Verschwörungsideologien erklärt und die Verantwortung dafür den Jüd*innen angelastet.

Doch nicht nur der direkte Judenhass äußere sich breit im Netz. Auch ein auf Israel bezogener Antisemitismus nehme online zu und verstecke sich häufig hinter vermeintlicher »Israelkritik«, so die Studie. Diese sei eine »besonders dominante Erscheinungsform von Judenhass im Web 2.0«

Aufgrund dieser verschiedenen Ausprägungen des Antisemitismus müsse man »spezifische Konterstrategien« entwickeln, so Sahebi, um dagegen vorzugehen. Dies gelte sowohl on- als auch offline. Gerade weil sich bei so verschiedenen Akteuren wie der Neuen Rechten oder Islamisten als auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft antisemitische Klischees wiederfinden, müsse man zuerst genau analysieren. Auf der Seite von »No hate Speech« finden sich dann auch konkrete Handlungstrategien. Daran schließt auch Florian Eisheuer an. Er fordert eine »Kultur des digitalen Hinsehens«. Auch das Internet müsse man an gesellschaftlichen Raum begreifen. Eisheuer setzt dabei auf die politische Haltung der User*innen. »Wenn jemand in der Bahn antisemitisch beleidigt wird, greifen häufig Leute ein – dies sollte im Internet ebenso sein«, so Eisheuer.

Die Zunahme des Antisemitismus im Internet korreliert mit einem Antisemitismus, der sich auch in der realen Welt in Übergriffen, Attacken, Beleidigungen und Drohungen zeigt. Jüngst wurde ein Vorfall publik, bei dem ein junger Mann in Berlin mit einem Gürtel einen Israeli verprügelte und ihn dabei mehrmals als »Yahudi«, das arabische Wort für Jude, beschimpfte. In Bonn wurde ein jüdischer Professor geschlagen und danach fälschlich von der Polizei für den Täter gehalten sowie von einem Beamten verletzt. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin sind dies keine Einzelfälle. In Ihrem Jahresbericht registrierte die Stelle für 2017 einen deutlichen Zuwachs antisemitischer Taten.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen