Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Ich trainiere nicht, um Zweiter zu werden«

Rekordschwimmer Philip Heintz ist vor den Deutschen Meisterschaften wieder Herr seines Gehirns - und denkt nur an Olympia

  • Von Andreas Morbach
  • Lesedauer: 5 Min.

Die deutschen Schwimmer konnten sich in diesem Jahr erstmals über vier Monate hinweg - von Januar bis April - für den Saisonhöhepunkt, die EM in Glasgow, qualifizieren. Bei den Deutschen Meisterschaften werden deshalb von den EM-Fahrern diesmal keine Spitzenzeiten mehr erwartet. Wollen Sie bei Ihren beiden Starts in Berlin trotzdem noch mal richtig schnell sein - oder ist das zweitrangig?

Das ist definitiv zweitrangig. Ich habe mir aber vorgenommen, immer ein gewisses Niveau abzurufen. Das gilt auch in Berlin. Aber es ist jetzt natürlich nicht so schlimm, wenn man mal, überspitzt gesagt, ein bisschen neben der Spur ist. Man kann noch mal was ausprobieren - und in den knapp zwei Wochen bis zur EM bei Bedarf nachjustieren. Es ist fast wie eine Standortbestimmung.

Wie finden Sie die deutlich größeren Freiheiten bei der EM-Qualifikation, die Chefbundestrainer Henning Lambertz in diesem Jahr angeboten hat?

Das ist wirklich mal eine Änderung nach meinem Geschmack. So wird man den meisten Sportlern und Trainern gerecht. Und das ist für uns das Allerwichtigste. Na ja, von mir aus könnten die Normen noch lockerer werden (lacht). Dann wäre das Ganze noch entspannter.

Bei der WM im vergangenen Jahr in Budapest haben Sie Henning Lambertz öffentlich scharf kritisiert. Sie beide haben sich vor Ort und noch mal im November in Frankfurt ausgesprochen. Ist der Disput Ihrer Ansicht nach gut verarbeitet?

Das Verhältnis zwischen uns ist so, dass wir wieder professionell miteinander arbeiten können. Nicht so, wie es vor der WM 2017 war, dass wir uns unsere Leistungen gegenseitig ein bisschen runtergemacht haben. Jetzt weiß er, was ich will, ich weiß, was er will und wir wissen beide, wie wir funktionieren. Dafür waren diese klärenden Gespräche wichtig und wirklich nötig - denn da hatten sich doch viele Sachen angestaut. Es war falsch, das in Budapest direkt vor der Presse zu sagen. Aber in dem Fall war ich nicht mehr ganz Herr meines Gehirns. In dem Moment, als ich die Worte gesprochen habe, habe ich gemerkt, dass ich vielleicht erst mal 50 Meter hätte weitergehen sollen. Ich hatte einfach einen schwachen Tag.

Die spannendste Personalie in Berlin ist der frühere Brustweltmeister Marco Koch - der die EM-Norm bislang nicht geschafft hat, mit einer herausragenden Zeit über 200 Meter am Samstag aber noch ins Team für Glasgow rutschen kann. Wie wichtig wäre Ihnen seine EM-Teilnahme?

Ich bin mit Marco sehr gut befreundet. Er war für mich teilweise sogar ein Vorbild, von ihm habe ich viel gelernt. Unter anderem, während der Saison möglichst immer schnell zu schwimmen. Er hat das jahrelang auf extrem hohem Niveau gemacht. Er ist einer der besten Sportler, den wir in den letzten Jahren hatten. Allein deshalb würde ich mich freuen - weniger für mich als für ihn -, wenn er es noch ins EM-Team schafft.

Geht Ihre Freundschaft so weit, dass Sie auch zusammen Urlaub machen?

Dadurch, dass wir beide viel unterwegs sind - er ist immer viel auf Wettkämpfen, ich bin immer viel in Trainingslagern -, ist das mit dem zwischendurch treffen etwas schwierig. Auch wenn Heidelberg und Darmstadt nicht so weit auseinander liegen. Aber nach Olympia in Rio haben wir ja die ganzen Weltcups zusammen gemacht. Das war im Prinzip ein halbes Jahr Urlaub - wenn man über einen so langen Zeitraum zusammen auf einem Zimmer ist.

Henning Lambertz konterte Ihre Wut bei der Budapester WM mit dem Hinweis, Sie sollten auch vor der eigenen Tür kehren. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich haben beide Seiten Fehler gemacht, definitiv. Insofern ist es schwierig, einer Seite die volle Schuld zu geben. Ich würde sagen: Fifty-fifty.

Was haben Sie und Ihr Heimtrainer Michael Spiekermann im letzten Jahr definitiv nicht gut gemacht?

Wir haben unseren Schwerpunkt zu sehr auf die Deutschen Meisterschaften gelegt. Wir hätten einfach am alten System festhalten und sagen müssen: Die Qualifikation machen wir irgendwie, ohne vom Kopf oder Körper her großen Aufwand zu betreiben. Und bei der WM wird abgerechnet.

Kurz vor Ihrem deutschen Rekord über 200 Meter Lagen im Juni 2017 sagten Sie, es sei nicht ausgeschlossen, dass Sie 2019 womöglich auch aufhören - falls Sie merken, mit Blick auf Tokio nicht auf dem richtigen Weg zu sein. Gilt das noch?

Ich bin mittlerweile bei einer Zeit angekommen, wenn ich die 2020 schwimme - so wie letztes Jahr bei den Deutschen Meisterschaften und hoffentlich auch im August bei der EM -, bin ich bei Olympia im Medaillenbereich. Wenn natürlich drei andere meinen, Weltrekord schwimmen zu müssen, sieht das ein bisschen anders aus. Im Moment macht mir das Schwimmen wieder unglaublich Spaß. Das hat mir vor Rio ein bisschen gefehlt. Da war das wirklich Arbeit. Solange es mir solchen Spaß macht, sehe ich keinen Grund, meine Karriere zu beenden.

Henning Lambertz gefällt an Ihnen besonders Ihre Klarheit. Auch wenn sich das, wie er sagt, nicht immer mit dem Blick eines Chefbundestrainers auf das gesamte Team verträgt.

(lacht) Ich habe nicht unbedingt Schiss, Ziele zu formulieren. Das Ziel sollte sein, bei Olympia nicht nur eine Medaille, sondern Gold zu gewinnen. Ich trainiere ja nicht 25 Stunden am Tag, um dann Zweiter zu werden. Alles, was wir jetzt machen, sind schon Weichenstellungen für Tokio. Natürlich interessiert den Bundestrainer, ob ich bei der EM eine Medaille holen will. Klar will ich das - aber mir wäre wichtiger, ein Rennen zu schwimmen, bei dem ich was für Tokio lerne. Aber so eine Aussage ist für den Bundestrainer natürlich schwierig.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln