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Das Wachstum ist nicht für alle da

Die Zunahme von prekärer Beschäftigung hat zu mehr Einkommensungleichheit geführt

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seit 1991 ist die Wirtschaft um 41 Prozent gewachsen. Besonders seit 2010 läuft die Konjunktur auf Hochtouren. Manch ein Beobachter spricht schon von einem neuen Wirtschaftswunder. Ganz schön viel Reichtum also, der da die letzten Jahre angehäuft wurde. Doch kriegt nicht jeder gleich viel davon ab. Dass die Ungleichheit seit der Wende zugenommen hat, ist mittlerweile Common Sense unter den Ökonomen. Warum dies so ist, welche Folgen die wachsende Ungleichheit hat und was die Menschen darüber denken, diskutierten am Donnerstag und Freitag mehr als 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt auf einer Konferenz des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Die Forschungsgrundlage für die anwesenden Wissenschaftler ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Rund 30.000 Personen in etwa 15.000 Hauhalten lässt das DIW dafür jährlich zu ihrer Lebenssituation befragen. Neben dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes ist damit das SOEP die umfangreichste Statistik über die soziale Lage hierzulande. Anhand dieser Daten haben DIW-Forscher vor kurzem errechnet, dass die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte zwischen 1991 und 2015 um 15 Prozent gestiegen sind. Doch während die Einkommen der reichsten zehn Prozent um 30 Prozent stiegen, mussten die untersten zehn Prozent auf der Reichtumsleiter unterm Strich 2015 mit weniger Einkommen auskommen als noch 1991.

Eigentlich müsste der Staat versuchen gegenzusteuern. Sein wichtigstes Instrument dafür ist die Steuerpolitik. Durch Sozialtransfers und höhere Besteuerung von Gutverdienern und Vermögenden könnte er Reichtum von Oben nach Unten wieder umverteilen. Stattdessen senkte der Bund in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder den Spitzensteuersatz und besteuert Kapitaleinkünfte seit der Einführung der Abgeltungsteuer 2009 nur noch mit 25 Prozent. Folglich haben Ökonomen nun den wissenschaftlich korrekten Nachweis geliefert, dass der Staat Spitzenverdiener gegenüber Geringverdienern bevorteilt. Sie konnten sogar die Höhe der Bevorzugung berechnen. Demnach haben die Interessen der Geringverdiener, netto mehr vom Gehalt zu bekommen, beim Staat nur 75 Prozent des Gewichtes im Vergleich zu den Spitzenverdienern. Dies bedeutet, dass ein zusätzlicher Euro für die arbeitenden Armen weniger wert geschätzt wird als ein zusätzlicher Euro für die Spitzenverdiener.

Auch der Arbeitsmarkt spielt eine Rolle bei der wachsenden Ungleichheit. Seit den 1990er Jahren hat nicht nur die Ungleichheit zugenommen, sondern auch die atypische Beschäftigung. So haben seitdem viel mehr Menschen einen befristeten Job oder arbeiten nur Teilzeit. »Auch wenn beide Phänomene einzeln sehr gut erforscht sind, gibt es bisher noch sehr wenige Studien, wie sehr beides zusammenhängt«, sagt Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).

Er untersucht deswegen, wie atypische Beschäftigung und wachsende Lohnungleichheit zusammenhängen. Sein erstes vorsichtiges Fazit: »Die Unterschiede bei den Stundenlöhnen haben seit Mitte der 1990er Jahre auch zugenommen, weil mehr Menschen atypisch beschäftigt sind.« Wer nicht voll arbeite verdiene also nicht nur wegen der geringeren Stundenzahl weniger, sondern auch, weil er weniger pro Stunde bekomme.

Seine Kollegin Ulrike Stein, ebenfalls beim IMK, spricht auch von einer »Konzentration bei atypischer Beschäftigung«. Das heißt, dass jene, die Teilzeit arbeiten und zudem nur einen befristeten Vertrag haben, besonders wenig verdienen. Dies trifft gleichermaßen für Männer und Frauen zu. Am oberen Ende der Einkommenshierarchie stehen in der Regel vollzeitbeschäftigte Männer mit einem unbefristeten Vertrag. Stein zufolge haben die Lohnunterschiede aber nicht nur zwischen Teilzeit und Vollzeit, befristet und unbefristet zugenommen. »Auch innerhalb der einzelnen Gruppen geht die Schere weiter auf«, sagt die Ökonomin. So sind zum Beispiel auch die Einkommensunterschiede innerhalb der Gruppe der Vollzeitbeschäftigten deutlich größer geworden.

Das IMK hat festgestellt, dass der Wohlstand mittlerweile wegen der wachsenden Ungleichheit leidet. Dieser ist nämlich trotz des Wirtschaftswachstums um 40 Prozent zwischen 1991 und 2061 lediglich um 6,4 Prozent gestiegen. Damit hat das gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsniveau Ende 2016 noch auf dem gleichen Stand wie Mitte der 1990er Jahre gelegen. Denn für die Berechnung seines Nationalen Wohlfahrtsindexes orientiert sich das IMK nicht allein an der Wirtschaftsleistung, sondern beachtet auch 20 Indikatoren von Konsum über Ungleichheit bis Luftverschmutzung.

Unterdessen stimmt immer noch die Erkenntnis von Karl Marx, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. So stellten Forscher fest, dass die Meinung, ob Armut hauptsächlich eine Folge von mangelndem Fleiß oder von Pech ist, stark von der sozialen Herkunft des Befragten abhängt. »Diejenigen, deren Vater im Alter von 15 Jahren arbeitslos war, reagieren sensibler auf die Rolle, die Pech in wirtschaftlichen Schwierigkeiten spielen kann«, ist ein Fazit. Übrigens ist auch bei Ostdeutschen die Quote derer größer, die glauben, dass äußere Umstände eine weitaus größere Rolle als die eigene Leistung dafür spielen, ob jemand arm oder reich ist.

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