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Unterm Regenbogen

Zum 40. Mal findet der Christopher-Street-Day in Berlin statt

  • Von Maria Jordan
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich habe mich gefühlt wie ein Schwerverbrecher«, sagt Klaus Schirdewahn. 1965 wurde er nach Paragraf 175 verurteilt, der sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern verbot. Die Verhaftung war sein Coming-out. »Ich dachte, die Welt geht unter«, berichtet Schirdewahn. Von seiner Familie wurde er verstoßen. Das Gericht verurteilte ihn zu einer zweijährigen Therapie, um »normal zu werden«. Er führte eine Scheinehe, mit Kind. »Doch am Ende war die Männerliebe größer.«

Erst 1994 wurde der Paragraf 175 endgültig aus bundesdeutschen dem Strafgesetzbuch gestrichen. Zwischen 1950 und 1965 gab es in der Bundesrepublik etwa 45 000 Verurteilungen, erst 2017 hob der Bundestag die Urteile auf. Viele Betroffene erlebten die Rehabilitierung nicht mehr, andere hatten Probleme, die nötigen Nachweise zu bringen. So auch Schirdewahn: »Ich hatte keine Unterlagen mehr. Meine Eltern haben damals alles verschwinden lassen.« Ein Jahr lang schlug er sich mit der Staatsanwaltschaft herum, bis seiner Rehabilitierung endlich zugestimmt wurde. »Wir haben eine Staatsanwaltschaft, die sehr homophob ist«, sagt Schirdewahn bei einer Gesprächsrunde im Bundesfamilienministerium am Freitagmorgen. Anlässlich der »Pride Week«, die an diesem Freitag begann und in der kommenden Woche mit der großen Christopher-Street-Day-Parade (CSD) endet, hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) zu der Veranstaltung geladen.

Von den Anwesenden aus der LSBTTIQ*-Community (lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle, transgender und andere queere Menschen) sind sich viele einig, dass sich die Situation für Betroffene zwar verbessert hat, trotzdem weisen sie darauf hin, dass Stigmatisierung und Diskriminierung auch seitens der Politik immer noch an der Tagesordnung stehen.

»Regenbogenfamilien sind inzwischen als Teil der Gesellschaft anerkannt«, sagt Constanze Körner vom Lesben Leben Familie e.V. Doch als homosexuelles Paar überhaupt eine Familie zu gründen, sei schwer. Reproduktion, Anerkennung der Elternschaft, Stiefkindadoption - all das sind Dinge, die für viele schwule und lesbische Paare weiter große Hürden darstellen. »Oft wird nur für heterosexuelle Paare gedacht«, sagt Körner.

Die Freiheit für individuelle Beziehungs- und Familienmodelle, konkret die Modernisierung des Familien- und Abstammungsrechts, ist auch eine der elf Forderungen des diesjährigen CSD-Forums. Die Traditionsparade findet in diesem Jahr unter dem Motto »Mein Körper - meine Identität - mein Leben!« statt. Dabei stehen die Rechte von Trans- und Intersexuellen im Fokus.

Lucie Veith, vom Verein Intersexuelle Menschen, der auch Eltern intersexueller Kinder berät, sagt: In Deutschland ist es nach wie vor üblich, an Kindern, die medizinisch nicht einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können, irreversible Operationen an Geschlechtsorganen oder Hormontherapien durchzuführen. »Wenn ein Kind geboren wird, erwarten wir, dass es Junge oder Mädchen ist. Etwas anderes haben wir gar nicht auf dem Schirm«, sagt Veith. Eltern gerieten dann zunächst in einen Schock und willigten in solche Behandlungen ein. »In dieser Situation werden Eltern zu etwas verführt, das nicht im Sinne ihres Kindes ist.«

Stattdessen verletzten Eltern damit das Recht auf das Wohl des Kindes - und damit ein Menschenrecht. »In unserer Gesellschaft ist das Thema Geschlechter und wie sie entstehen tabu.« Dementsprechend fordert sie, ebenso wie das CSD-Forum, dass solche Operationen unter Strafe gestellt werden. »Vielfalt lässt sich nicht regeln.«

Auf diese und weitere Aspekte, die das Leben von LSBTTIQ* betreffen, soll der diesjährige CSD in der City-West aufmerksam machen. Schon zum 40. Mal werden dazu Hunderttausende auf die Straße gehen und an der Parade teilnehmen. »Mein Körper - meine Identität - mein Leben!« wird verstanden als »eine Würdigung der vielfältigen Kämpfe der LSBTTIQ*-Communitys in den vergangenen Jahrzehnten«. Gleichzeitung ist es eine Mahnung: »Noch immer sind Menschen jenseits der Heteronormativität Ausgrenzung, Anfeindung und Gewalt ausgesetzt.«

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