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Auftakt zur Vernichtung

Eine Ausstellung im Centrum Judaicum erinnert an die Opfer der »Polenaktion« der Nazis vor 80 Jahren

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

Unter dem Titel »Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938« erinnert eine neue Ausstellung im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße an die sogenannte »Polenaktion« der Nationalsozialisten. Am 28. und 29. Oktober 1938 verhafteten Einheiten der Ordnungs- und Sicherheitspolizei in einer konzentrierten Aktion im gesamten Deutschen Reich rund 17 000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit und schoben sie über die Grenze in das Nachbarland ab.

In Berlin wurden mehr als 1500 Jüdinnen und Juden in ihren Wohnungen oder auf der Straße verhaftet und in Zügen an die deutsch-polnische Grenze transportiert. »Die Geschichte der sogenannten Polenaktion ist heute weitgehend unbekannt«, sagt Alina Bothe, die am Osteuropa-Institut der Freien Universität forscht und die Ausstellung kuratiert hat. Dabei sei die Aktion die erste große und systematisch angelegte Massendeportation gewesen. Die »Polenaktion« könne daher auch als »Auftakt zur Vernichtung« gesehen werden.

Gemeinsam mit Gertrud Pickhan, die als Historikerin am Osteuropa-Institut lehrt, hat sich Bothe intensiv mit der »Polenaktion« beschäftigt. »Vor allem das Schicksal der im Zuge der Deportation 1938 nach Polen abgeschobenen Berliner Juden ist noch nie systematisch erforscht worden.« Aus einer Seminarreihe zum Thema an der FU sei die Idee zu einer Ausstellung entstanden. In Kooperation mit dem Verein »Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin« und dem Centrum Judaicum habe man die Ausstellung dann realisieren können. »Wir wollten dieses vergessene Kapitel der Geschichte zurück nach Berlin bringen«, sagt Bothe.

Im Fokus der Ausstellung stehen die Schicksale sechs polnisch-jüdischer Familien. Anhand von persönlichen Dokumenten und Fotos erfährt der Besucher etwas über das Leben der einzelnen Familienmitglieder vor, während und nach dem 28. Oktober 1938. Dem Tag, »an dem die meisten Familien für immer auseinandergerissen wurden«, so Bothe.

Zu diesen sechs Familien gehörten auch die Jaffes, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Centrum Judaicum in der Krausnickstraße mit ihren drei Kindern lebten. Aus Berlin wurde der mittlere Sohn Siegfried und sein Vater Lazar, der einen Eierhandeln im Haus betrieb, ausgewiesen. Siegfried konnte 1939 mit einem Kindertransport über Großbritannien nach Australien fliehen. Lazar, seine Frau und seine Tochter Sophie wurden 1942 in Polen ermordet. Der älteste Sohn der Familie überlebte in einem Versteck in den Niederlanden.

»Die jüdisch-polnischen Familien lebten bereits seit Jahrzehnten in Berlin«, erläutert Kuratorin Bothe. »Sie waren angekommen, assimiliert und ein Teil der Berliner Stadtgesellschaft.« Deshalb sei die Geschichte der »Polenaktion« auch ein Teil der Geschichte Berlins. Die während der »Polenaktion« Ausgewiesenen mussten zumeist unter Androhung von Waffengewalt zu Fuß die Grenze nach Polen überqueren. Viele von ihnen kamen zunächst in der polnischen Kleinstadt Zbaszyn (Bentschen) unter. Insgesamt kamen am 28. und 29. Oktober über 8000 ausgewiesene Jüdinnen und Juden dort an. Rund zehn Monate harrten die meisten in provisorischen Notunterkünften aus.

Einige wenige durften später nach Deutschland zurückkommen, andere konnten zu Verwandten ins Landesinnere weiter ziehen oder das Land verlassen. Viele der Ausgewiesenen wurden nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen ermordet.

Kuratorin Bothe hofft, dass die Ausstellung zum Startpunkt für das Gedenken an die »Polenaktion« in Berlin wird. Gemeinsam mit Überlebenden und Nachkommen setzt sie sich für eine Gedenktafel für die Ausgewiesenen am Bahnhof Alexanderplatz ein. Von dort wurden die meisten 1938 Richtung Osten deportiert.

»Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938 - Die Geschichte der Polenaktion«, Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28/30, Mitte, bis zum 30. Dezember 2018

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