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Gescheiterte Doppelpässe

Hohle Marketingphrasen und Kommunikationskatastrophen – nach Özils Rücktritt entzündet sich die Kritik vor allem am DFB

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Mesut Özil hat jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist.« Gewohnt nüchtern kommentierte eine Regierungssprecherin im Namen der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Ende der Nationalmannschaftskarriere des gebürtigen Gelsenkircheners. Weil Özil aber eben nicht einfach »nur« ein Schalker Jung’ ist, sondern neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch türkische Wurzeln besitzt, ist aus seiner Demission innerhalb kürzester Zeit ein Politikum geworden, das blitzlichtartig den Stand der Debatten in vielen gesellschaftlichen Bereichen aufzeigt.

Da ist mit dem DFB zunächst ein in den letzten Jahren immer selbstgerechter gewordener Verband, dessen ehrliche und weitgehend glaubwürdige Integrationsbemühungen unter seinem Ex-Präsidenten Theo Zwanziger unter der Ägide des jetzigen Präsidenten Reinhard Grindel nur noch zur Phrase verkommen sind. »ZSMMN« lautete der selbst gewählte Slogan zur selbst gesteckten Mission Titelverteidigung in Russland. Und nicht nur im Wort, sondern auch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafften riesige Lücken.

Grindel und der Manager des Nationalteams, Oliver Bierhoff, versuchten im Nachhinein, Özil zum Sündenbock für das Vorrundenaus zu machen, nachdem beiden die Kommunikation zu den Fotos Özils und seines ebenfalls in Gelsenkirchen geborenen Kollegen İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan vollständig misslungen war. Zwanziger würde nicht so weit gehen zu sagen, dass Bierhoff und Grindel Özil nun bewusst zum Sündenbock machen wollten, wird aber deutlich: »Ein wenig mehr Demut und etwas weniger Selbstherrlichkeit täte dem neuen DFB auf allen Ebenen gut.« Harscher urteilt der frühere DFB-Pressesprecher Harald Stenger in der ARD: »Ich kenne die DFB-Präsidenten seit Jahren sehr gut und kann sagen: Reinhard Grindel ist der schlechteste Präsident in den letzten 50 Jahren.«

Grindel, der von 2002 bis 2016 für die CDU im Bundestag saß, hatte mal in einer Debatte um den Doppelpass gefordert, dass sich junge Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft für eine Nationalität entscheiden müssten - nicht nur das hatte ihm schon vor seiner Wahl zum Verbandschef massiv Kritik eingebracht. Schon 2004 hatte er Mulitkulturismus als »Mythos und Lüge « bezeichnet.

Da der Doppelpass nicht nur ein taktisches Mittel im Fußball, sondern immer auch Standbein in der Debatte um den Stand der Integration in Deutschland ist, verwundert es nicht, dass Özils Rücktritt auch im politischen Berlin hohe Wellen schlägt. Eine erste Rücktrittsforderungen gegen Grindel stellte Cem Özdemir in den Raum: »Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte«, so der frühere Grünen-Chef. In eine ähnliche Kerbe haut Renate Künast, ebenfalls Grüne, die den Abgang des wohl gefühlvollsten Fußes der Nationalmannschaft als »Dokument des Scheiterns« des DFB bewertet. Die Türkische Gemeinde Deutschlands schloss sich dem an. »Nach Özil sollte nun die ganze Leitungsebene des DFB zurücktreten, damit ein echter Neuanfang für die deutsche Nationalmannschaft denkbar ist«, sagte der Vorsitzende Gökay Sofuoglu der »Heilbronner Stimme«.

Nicht ganz so hoch will Außenminister Heiko Maas die »Causa Özil« hängen - zumindest lässt sich in seinen Augen aus ihr kein Rückschluss ziehen: »Ich glaube (...) nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland«, sagte Maas. Um die Debatte wird aber auch er kaum herumkommen - denn da bleibt ja noch der vermeintliche Auslöser des Ganzen, jener Moment, als der Auslöser gedrückt wurde und Özil zusammen mit Erdogan abgelichtet wurde. An diesem Foto gibt es für Özil nach eigener Aussage (oder der seiner Anwälte und/oder Berater) nämlich nichts Kritikwürdiges, was wiederum Kritik hervorruft.

So twitterte die Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping am Montag: »Weiß gar nicht, worüber ich mich mehr ärgere: Über das deplatzierte Foto mit dem Despoten Erdogan oder über die rassistische Debatte, die über Özil hereingebrochen ist.« Ihr Ko-Vorsitzender Bernd Riexinger befand: »Der CDU-Rechtsaußen Grindel versucht als DFB-Chef, seine Agenda durchzudrücken. Allein schon dafür muss er zurücktreten. Kritik von Özil trifft in vielen Punkten zu. Mit Wahlkampfhilfe für Erdogan macht er es sich aber zu einfach.« Politik und Fußball - zwischen beiden Spielfeldern werden (zu) oft Doppelpässe geschlagen. Im Falle Özil und Doppelpass ist dabei eine krachende Niederlage zu konstatieren.

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