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Vollmers Mucki-Bude

Die Bundeswehr erfindet gerade den Breitensport neu - ein Pilotprojekt läuft in Mecklenburg-Vorpommern

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 6 Min.

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Ähnlich wie der Film «Die Brücke» von Bernhard Wicki im Westen, so hat der Roman «Die Abenteuer des Werner Holt» von Dieter Noll im Osten Deutschlands Ansichten junger Menschen über Krieg und Militär bestimmt: Werner Holt und sein Freund Gilbert Wolzow, der Offizier in der Wehrmacht werden wollte, dienten als Flakhelfer. Voller Ideale, noch mit eigenem Willen. Der Batteriefeldwebel Gottesknecht wusste, wie man den bricht: «Sie laufen jetzt den Hang runter, bis zur Chaussee, hundertzwanzig Meter, alles genau vermessen! Dann kommen Sie den Hang wieder hoch, Häschen-hüpf, kennen Sie das?» So ging das, bis die Rekruten am Ende waren: «Herr Wachtmeister», sagte Wolzow. «Ich melde, dass ich vom Häschen-hüpf die Schnauze voll hab!» Gottesknecht strahlte: «Holt, haben Sie’s gehört? Wolzow, das ist ein Wort, dafür gibt’s ›Sehr gut‹, da haben Sie mir eine Riesenfreude gemacht!»... Dass Sie heute das erste Mal beim Militär die Schnauze voll hatten, das muss außerdem gefeiert werden, da lad ich Sie am Sonnabend in der Kantine zum Bier ein ...«

Dass dieser menschenverachtende »Schliff« nicht mit der Wehrmacht untergegangen war, merkten junge Nachkriegsdeutsche dann in der NVA und in der Bundeswehr. Dagegen aufbegehren war zumeist sinnlos, denn die standardisierte Erwiderung lautete: Jeder Tropfen Schweiß spart einen Liter Blut …

Damals ging es um Landes- und Bündnisverteidigung. So wie jetzt wieder. »Der Russe« zwingt dazu und die Auslandseinsätze werden auch nicht unblutiger. Kommen damit womöglich die alten »Barras-Methoden« bei der Ausbildung wieder? Weicht der »Staatsbürger in Uniform« dem gedrillten Kampfroboter? Weder allgemeine Alarmrufe noch Pauschalisierungen helfen. Dennoch: Immer wieder machen Berichte über menschenunwürdige Ausbildungsmethoden die Runde. Ministerin Ursula von der Leyen, die ihre »Firma« zu einem sozial geachteten Arbeitgeber machen will, schritt mehrfach ein - und bekam viel Gegenwind. Sie sei zu pingelig, so ein vielfaches Echo aus der Truppe.

Pingelig? Im Januar 2018 war ein Rekrut bei einem Geländelauf in Pfullendorf bei Sigmaringen bewusstlos zusammengebrochen, andere mussten das Training abbrechen. Bei einem Ausbildungsmarsch im niedersächsischen Munster brachen im vergangenen Jahr vier Rekruten zusammen. Diagnose: Hitzschlag. In einem Gutachten wurden die Ausbilder schwer belastet. Inhalt: Der Tod eines 21-jährigen Soldaten hätte verhindert werden können, wenn sich die Vorgesetzten an die geltenden Regeln der Bundeswehr und ihre Fürsorgepflicht gehalten hätten. Das war vor genau einem Jahr. Es dauerte bis zum September, dann sprach auch die Bundeswehrführung von »nicht sachgerechten Entscheidungen« der Befehlshaber. Man versprach, die Ausbildungsmethoden in allen Teilstreitkräften zu untersuchen, der damalige Generalinspekteur Volker Wieker ermahnte die Inspekteure aller Teilstreitkräfte, und sogar im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD geeinigt, »die Ausbildungsstrukturen der Bundeswehr sowie ihre Führungs- und Ausbildungskultur in einer ›Trendwende Ausbildung‹ zu evaluieren, zu überprüfen und weiterzuentwickeln«. Davon war beim Besuch im Panzergrenadierbataillon 401, zu dem der Heeresinspekteur Jörg Vollmer in der vergangenen Woche eingeladen hatte, höchstens indirekt die Rede.

Die Einheit hat zumindest zwei Alleinstellungsmerkmale. Erstens ist sie vermutlich die einzige, die ein sowjetisches Waffensystem im Wappen zeigt. Das hängt damit zusammen, dass die Bundeswehr in Hagenow nach der Einheit noch einige Jahre mit BMP-Schützenpanzern unterwegs war. Zweitens läuft hier zur Zeit ein Pilotprojekt mit dem etwas sperrigen Titel: »Grundausbildung zur Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit«.

Wie in allen Einheiten der Bundeswehr beklagt man auch in der Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne, dass die, die als Rekruten einrücken, oft körperlich nicht fit genug sind, um die militärischen Anforderungen zu erfüllen. Man habe unter den Bewerbern für die Streitkräfte neben dem »Leistungssportler« auch den »Einser-Abiturienten mit Mathe-Leistungskurs«, der sich die Welt aber bislang mehr von der Couch betrachtet hat. »Beide brauchen wir«, sagt Heeresinspekteur Vollmer und meint: »Wir können die Rekruten ja nicht mit einem Trainingsplan nach Hause schicken und sagen: Meldet euch, wenn ihr fit seid. Dann kommen sie nicht wieder, das können wir uns schlicht nicht leisten.«

Bislang hat jeder Zehnte sogenannte Freiwillig Wehrdienst Leistende (FWDL) schon in der Grundausbildung der Truppe »ade« gesagt, denn: Die Wirtschaft sucht händeringend Azubis und zahlt derzeit nicht schlecht. Noch, so hört man, gibt es genügend Bewerber. Auch fürs Heer. Gerade aus Mecklenburg-Vorpommern, dem Heimatland des Bataillons, melden sich viele.

Die 46 Rekruten, die jetzt in Hagenow trainieren, »werden bei uns bleiben«, versichert deren Kommandeur Oberstleutnant Alexander Ratzko. Er ist ein Kerl wie ein Baum und vermittelt den Eindruck, als könne er einen »Marder«-Schützenpanzer alleine stemmen. Er ist begeistert von den neuen Ausbildungsmethoden, die man mit Hilfe von Experten der Bundeswehr-Sportschule sowie dem Institut für Präventivmedizin ausprobiert und für die der Sanitätsdienst Hinweise für eine gesündere Ernährung beisteuert.

Was ist neu? Man hat die dreimonatige Grundausbildung neu organisiert, baute eine Art Dauertrainingslager auf. Statt in den ersten sechs Wochen 70 Sportstunden absolvieren die Rekruten nun 110. Die Ausbildung an der Pistole kann warten, schließlich sind die Soldaten ja zehn Jahre bei der Truppe. Man hat die »Neuen« getestet, in drei Leistungsgruppen eingeteilt, fördert jeden nach Bedarf und kontrolliert die Leistungsentwicklung. Das Training beginnt mit dem Frühsport und wird - neben der allgemeinen Ausbildung am Nachmittag - fortgesetzt. Vom Basis-Fitness-Test, über Spiele, normales Lauftraining bis hin zum sogenannten Grundfitness-Tool wird allerhand verlangt.

Vieles kommt »Gedienten« so logisch wie bekannt vor. Das meint auch der für das Hagenower Pilotprojekt aus Sachsen-Anhalt ausgeliehene Bundeswehr-Sportlehrer Reiner Butz. So wie er sich gibt, glaubt man eine NVA-Herkunft zu entdecken. Jedenfalls weiß er, was regelmäßiger Frühsport bewirken kann und wie simpel es ist, mit nur wenigen Alltagsgegenständen ein vielseitiges Kreistraining zu absolvieren. Wichtig ist ihm, »dass die Leute motiviert werden. Wir haben in der Hitze des Nachmittags trainiert und dennoch waren die Rekruten im Team voll dabei, sie haben sich gegenseitig vorangebracht. Das hat Spaß gemacht.«

Spaß bei 28 Grad und mehr in praller Sonne? Die nächste Stufe nach der allgemeinen Sportausbildung in kurzer Hose und T-Shirt ist mehr als schweißtreibend. In Uniform, mit Gefechtshelm, Schutzweste und Stiefeln schleppt jeder Soldat zwei volle Benzinkanister über einen Parcours. Dann muss jeder einen 50-Kilo-Sack über den Fußballrasen zerren, um dann einen Kanister mehrfach auf 1,25 Meter Ladehöhe zu wuchten. Zwei andere Gruppen überwinden derweil die Hindernisbahn. Allenfalls an der kleineren Statur oder langen, zum Zopf geflochtenen blonden Haaren kann man unter den rennenden, kriechenden, springenden, kletternden und mit aller Ausrüstung samt Sturmgewehr Behangenen junge Frauen erkennen.

Für die gibt es keine Extrabedingungen. »Die Normen gelten für alle«, bestätigt die Truppenärztin und findet es auch normal. »Denn niemand soll den Kameraden im Ernstfall zur Last fallen.« Bislang sei noch keine und keiner »zusammengeklappt«, bestätigt die Frau mit blauem Barett. »Im Gegenteil, die Ausfälle sind geringer als in anderen Jahren.«

Auch wenn erst Halbzeit ist: Der Heereschef ist höchst angetan von den bisherigen Ergebnissen des Pilotprojektes. Ausgewertet wird es im kommenden Oktober. Bestätigt sich bis dahin der Trend in Richtung mehr körperliche Fitness, dann soll die Methode ab Mitte 2019 im gesamten Heer Verbreitung finden. Er werde dem Generalinspekteur davon detailliert berichten, sagt »Dreisterner« Vollmer und scheint sich sicher, dass bald die ganze Bundeswehr - abgesehen vom Material - rundum fit ist für neue Aufgaben.

Das Bataillon in Hagenow, dessen Soldaten bereits in Bosnien, Kosovo, Afghanistan und Mali sowie beim Elb-Hochwasser und gegen die Vogelgrippe eingesetzt waren, bereitet sich auf einen Einsatz im Rahmen der Very High Readiness Joint Task Force der NATO vor. Die Truppe soll demnächst mit ihren »Mardern« - und demnächst auch mit »Muckis« - Russland beeindrucken.

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