Werbung

Willkommener Besuch im verlassenen Dorf

In Pödelwitz findet erstmals ein Klimacamp im Leipziger Kohlerevier statt

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

So einen Ansturm hat Pödelwitz lange nicht erlebt. Das Dorf liegt meist verlassen: Viele Häuser verwaist, ihre Fenster blind, die Gärten verwildert. 140 Menschen lebten in dem Ort im Süden von Leipzig zu guten Zeiten, jetzt sind es weniger als 30. Der Großteil der Dorfbevölkerung hat Haus und Hof verkauft und ist weggezogen. In den kommenden Tagen aber könnte sich die Zahl der Einwohner vorübergehend mehr als verdreißigfachen: Bis zu 1000 Aktivisten werden zu einem Klimacamp erwartet. Thilo Kraneiß, der eine Metallbaufirma betreibt und einer der letzten »echten« Pödelwitzer ist, freut sich: »Das verschafft uns, was wir dringend brauchen: Aufmerksamkeit.«

Pödelwitz ist rund 700 Jahre alt, doch seine Geschichte neigt sich dem Ende entgegen. Das plant zumindest die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft (Mibrag). Sie will das Dorf »devastieren«, um die darunter liegende Braunkohle zu fördern. Diese soll im Kraftwerk Lippendorf, dessen Dampfsäulen nicht weit entfernt aufsteigen, zur Stromerzeugung verfeuert werden. Pödelwitz würde das Schicksal vieler benachbarter Orte teilen. Auflistungen von Dörfern, die im hiesigen Revier den Braunkohlegruben weichen mussten, nennen rund 120 Namen. Darunter sind Droßdorf, das Kraneiß’ Eltern vor 35 Jahren verlassen mussten, und Heuersdorf, wo seine Frau aufwuchs. Der hartnäckige Widerstand von dessen Bewohnern, die bis zum sächsischen Verfassungsgerichtshof klagten, hatte keinen Erfolg; seit 2010 ist der Ort verschwunden. Kraneiß reicht es, seine Heimat einmal verloren zu haben. »Ich habe mir geschworen: nicht noch einmal«, sagt er.

Lesen sie auch: Geburt einer Klimabewegung: Nahe der Stadt Konin fand am Wochenende das erste Klimacamp Polens statt

Ursprünglich bestand auch keine Gefahr. Der Mibrag-Tagebau Vereinigtes Schleenhain hatte den Ort nur streifen sollen. Dann aber änderte der Kohleförderer seine Pläne und entschied, auch die 35 Millionen Tonnen Kohle zu fördern, die unter Pödelwitz und dem benachbarten Obertitz liegen. Zu dem Zweck soll eine Fläche, die bisher nur als »Vorrangfläche zur Rohstoffgewinnung« eingestuft ist, in den Betriebsplan des Tagebaus aufgenommen werden. Die Bewohner von Pödelwitz wurden mit Schreckensszenarien, in denen von viel Lärm und Dreck die Rede war, sowie mit großzügigen Entschädigungen zum Umzug animiert, viele in das eigens errichtete Wohngebiet »Pödelwitzer Bogen« im Nachbarort Groitzsch. Nur drei Familien, erklärte die Mibrag schon 2017, hätten noch nicht verkauft.

Und wofür das Ganze? Das Kraftwerk Lippendorf könnte mit der zusätzlichen Kohle dreieinhalb Jahre befeuert werden. Es soll bis zum Jahr 2040 laufen. Der BUND Sachsen rechnet allerdings vor, dass dafür auch die Kohlemenge im schon genehmigten Tagebau reichen würde - wenn die Mibrag aufhören würde, dort geförderte Kohle andernorts zu Geld zu machen. Laut BUND wurden schon rund zehn Millionen Tonnen verkauft, 1,4 Millionen Tonnen gingen gar nach Tschechien. Der Erlös soll 80 Millionen Euro betragen haben. Die Umsiedlung von Pödelwitz lasse sich das im Besitz eines tschechischen Konzerns befindliche Unternehmen derweil 15 Millionen kosten.

Für Thilo Kraneiß bedeutet das: Er verliert seine Heimat. Für die Umwelt heißt es: Allein aufgrund der weitergehenden Pläne der Mibrag werden zusätzliche rund 35 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Ein Unding in Zeiten eines sich verschärfenden Klimawandels, sagen die Organisatoren des Klimacamps, das am 28. Juli beginnt. Nur wegen des Profitstrebens einiger weniger Energiekonzerne würden »Lebensgrundlagen zerstört, das Klima verheizt und Menschen vertrieben, hier und anderswo in der Welt«, heißt es in einem Aufruf: »Schluss damit«.

Klimacamps haben bisher im Rheinischen und im Lausitzer Revier stattgefunden; nun soll breitere Aufmerksamkeit auf das Leipziger Fördergebiet gelenkt werden. In den Tagen bis zum 5. August findet unter anderem eine »Degrowth Sommerschule« statt, in der »gemeinsam mit den Menschen vor Ort (…) Perspektiven für einen selbstbestimmten Strukturwandel« entwickelt werden sollen. Für Samstag ist eine große Demonstration in Leipzig geplant. Zudem will die Aktionsgruppe »Kohle ersetzen« ab 3. August die Betriebsabläufe der Mibrag stören und kündigt »geeignete Maßnahmen« an, zum Beispiel Sitzblockaden. Der Kohleförderer, so ist zu hören, baut großräumig Absperrungen und macht vorab schon Stimmung. Mit Übergriffen, wurde Mibrag-Chef Achim Eichholz vorab im Boulevardblatt »Morgenpost« zitiert, müsse gerechnet werden.

Die Pödelwitzer Aktivisten, die immer wieder Unterstützung von außen erhielten, wünschen sich dagegen, »dass alles friedlich bleibt«, wie Kraneiß sagt. Sie setzen auf Argumente - und würden die Pläne der Mibrag gern auch juristisch anfechten. Bisher aber gibt es kein gültiges Dokument, gegen das geklagt werden kann; auch Akteneinsicht »haben wir noch immer nicht erhalten«, sagt er. Die Mibrag, kritisiert der BUND Sachsen, sorge mit Umsiedlungen und der Ankündigung, erste Häuser abreißen zu wollen, für Fakten, obwohl »auf Jahre hinaus« nicht mit der Abbaggerung zu rechnen sei. Diese könnte nach 2025 erfolgen. Für Kraneiß und seine Mitstreiter heißt das: Für Widerstand bleiben mindestens sieben Jahre Zeit.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen