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Knödeln im Bastelkeller

Streicher mit Fieptönen und aufgeräumtes Entspannungsgebimmel

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Nur gute Menschen können die Freiheit wahrhaft lieben; die anderen lieben nicht die Freiheit, sondern die amtliche Genehmigung.« Das ist zweifelsohne ein trefflicher Satz des englischen Aufklärers und Humanisten John Milton (1608 - 1674). Miltons in Blankversen geschriebenes Epos »Das verlorene Paradies«, in dem erzählt wird, wie Satan einen rebellischen Kampf gegen den blasierten totalitären Alleinherrscher Gott führt, ist sein Beitrag zur Weltliteratur. Eine nicht unwesentliche Rolle in dem Werk spielen Miltons Ideen von der totalen Gedanken- und Willensfreiheit des Menschen und der Notwendigkeit, jede Tyrannenherrschaft mit allen Mitteln zu bekämpfen. Zugegeben, jetzt stellt sich natürlich nicht sofort die Frage: Wie macht man daraus Musik? Dennoch hat sich der englische Komponist Christopher Chaplin, der sich betreffs seines Looks nicht recht zwischen schratigem Guru, dunkel schillerndem James-Bond-Schurken und Una-Bomber-Chic zu entscheiden weiß, ausgerechnet diese Frage gestellt. Der Mann, jüngster Sohn des legendären Filmregisseurs und -schauspielers Charlie Chaplin, experimentiert schon länger mit der Verschmurgelung sogenannter klassischer Komposition mit allerlei elektronischen Spielereien. Sein neues musikalisches Werk, »Paradise Lost«, ist der Versuch, Miltons Epos in Musik zu übersetzen: Magenkranke Streicher konkurrieren mit strengen industriellen Fieptönen, ein Gong schlägt, ein Glöckchen bimmelt, Chöre brummen und flöten neben der Spur, irgendwo quackelt und bratzelt es ungehörig aus einem Synthesizer. Zwischendurch knödelt ein Tenorsänger kunstfertig ausgewählte Textpassagen aus Miltons Erzählwerk. Später rezitiert eine halb gelangweilte, halb affektierte Stimme noch allerlei, dann quackelt und bratzelt es wieder und es schlägt wieder ordentlich Dreizehn, ein bisschen metallisches Geklirre, ein wenig Topfschlagen, ein paar misslaunige Töne aus Onkel Christophers Elektrobastelhobbykeller. Das ist natürlich ganz großartig, damit hier keine Missverständnisse aufkommen, eine Art in Klang verwandelter LSD-Rausch, der sich weit mehr nach Freiheit als nach amtlicher Genehmigung anhört, und man kann nicht dankbar genug sein, dass derlei Zeug tatsächlich im selben Universum erscheinen kann, in dem auch Machwerke von AnnenMayKantereit oder Andreas Gabalier erhältlich sind.

Deutlich freundlicher als Herr Chaplin lässt es hingegen Herr Masayoshi Fujita angehen. Bei ihm bimmeln zwar auch die Glöckchen, aber brav harmonisch und nahezu süßlich, und die Streicher bügeln einen dabei gemütvoll in den Mittagsschlaf hinein. Auch magenkrank wird hier niemand so schnell, weil Herr Fujita eine Art samtige, butterige, ja, wie sagt man heute, »streichzarte« Neoklassik darbietet, die unsere Nervenenden in eine Art musikalische Schmusedecke wickelt.

Doch halt, stopp! Es handelt sich gar nicht um Glöckchen, sondern selbstverständlich um ein Vibraphon, das, umschwebt von anderen herzensguten, sanftmütigen Instrumenten, uns mitnimmt in die eher aufgeräumte, kuschelweiche Welt von Herrn Fujita, zu dessen Entspannungsübungen am Vibraphon man wahlweise Grüntee trinkend meditieren oder vollkommen gedankenbefreit vor sich hindämmern kann. Was im Grunde ja eh dasselbe ist. Da bleibt es nicht aus, dass die Instrumentalstücke Titel tragen wie »Snowy Night Tale« oder »It’s Magical« oder »Cloud Of Light«.

Problem allerdings: Ist man dem Entspannungsgebimmel zu lange ausgesetzt, möchte man am liebsten mit einer großen Axt und ein paar gezielten Hieben seinen Schreibtisch zerhacken.

Christopher Chaplin: »Paradise Lost« (Fabrique Records)

Masayoshi Fujita: »Book Of Life« (Erased Tapes/Indigo)

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