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Schäbige Kampagne

Netzwoche: Warum »Bild« immer mehr zu einem rechten Kampagnenblatt gemacht wird

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fußballweltmeisterschaft: Schäbige Kampagne

Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft hat ein mediales Beben ausgelöst. Das liegt weniger an seinem Rücktritt selbst als an der Begründung für diesen Schritt. »Diverse deutsche Zeitungen nutzen meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdogan als rechte Propaganda, um deren politische Haltung zu unterstützen«, schrieb Özil auf Twitter und kritisierte, dass deutsche Medien seine türkische Herkunft als Erklärung für eine »schlechte Weltmeisterschaft eines ganzen Kaders« herangezogen hätten.

Lesen sie auch: »Warum bin ich Deutsch-Türke?« Auszüge der Erklärung von Mesut Özil zu seinem Rücktritt als deutscher Fußballnationalspieler

Özil wird beim Verweis auf die Urheber der Medienkampagne nicht konkret, was die politische Macht der »Bild« belegt, die dieses Blatt immer noch hat. Die Auflage der Print-Ausagabe sinkt zwar kontinuierlich, aber online wächst bild.de überproportional. »Bild« war die treibende Kraft hinter der Kampagne gegen den in Gelsenkirchen geborenen und aufgewachsenen Fußballer. Diese wurde mit erkennbar chauvinistischen und ausländerfeindlichen Ressentiments geführt, wie Moritz Tschermak auf bildblog.de schreibt. Es habe zwar auf »Bild« und bild.de »keinen offenen Rassismus« gegen Mesut Özil im Stile der NPD gegeben. ›Der Türke soll raus aus der Nationalmannschaft‹ oder ›Wann schmeißt Löw endlich das Ölauge raus?‹ steht dort nicht. Aber natürlich gab es Stimmungsmache. Natürlich haben die ›Bild‹-Medien eine Grundlage für dumpfesten Nationalismus gelegt. Natürlich gab es eine Kampagne gegen Mesut Özil. Sein Deutschsein wurde hinterfragt. Die Redaktion hat gezeigt: Hier, schaut mal, der ist schon anders als wir. Auch die Medienethikerin Jessica Heesen kritisiert die Berichterstattung der »Bild« im Fall Özil. Es habe »einen aktiven Willen der Redaktion (gegeben), insbesondere Özil an den Pranger zu stellen und damit viele rassistische Ressentiments zu bedienen«, sagte sie in einem Interview mit meedia.de.

Wie sich solche Kampagne verselbstständigen können, dokumentiert eine Äußerung von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Er glaube nicht, »dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland«, sagte Maas in Bezug auf Özils Kritik am Alltagsrassismus in Deutschland. Das Argument, dass jemand, der reich ist und nicht in Deutschland lebt, kein Deutscher sein könne, ist deshalb gefährlich, weil es das gleiche Muster aufweist wie die antisemitische Rede vom polyglotten, heimatlosen und reichen Juden - auch wenn die Worte von Maaß selbst nicht antisemitisch sind.

Von anderen Regierungspolitikern und dem amtierenden sozialdemokratischen Spitzenpersonal widersprach Maas niemand. Dafür meldete sich Altkanzler Gerhard Schröder zu Wort. Maas habe Özil nicht nur indirekt zum Vorwurf gemacht, dass er viel Geld verdiene und seinen Lebensmittelpunkt derzeit nicht in Deutschland habe. Der Außenminister zweifle in gewisser Weise auch an, »dass Özil hier so richtig dazugehört«. Mit seinen Aussagen spiele er denen in die Hände, die Özil wegen der türkischen Herkunft seiner Familie ablehnten, sagte das SPD-Mitglied Schröder der »Süddeutschen Zeitung«.

Was passiert, wenn man »Bild« und seine Berichterstattung in der Causa Özil kritisiert, musste schließlich der »FAZ«-Redakteur Patrick Bahners erfahren. In einem Artikel wies er darauf hin, dass in einem in der »Bild« veröffentlichten Kommentar des Historikers Michael Wolffsohn zu Özil etwas Falsches steht. Wolffsohn hatte Özil unterstellt, er würde behaupten, dass Deutschland rassistisch sei; »Bild« hatte den Kommentar mit »Özil schwingt die Rassismus-Keule« überschrieben. Bahners merkte in seinem Artikel an, dass Mesut Özil in seiner Rücktrittserklärung nie behauptet habe, die Deutschen seien rassistisch, im Gegenteil, er habe geschrieben, dass das Deutschland von heute, »sein Deutschland«, sich von dem unterscheide, das die Rassisten im Lande gerne hätten.

»Bild« schlug zurück und unterstellte wiederum Bahners in einem am 26. Juli erschienen Artikel, geschrieben zu haben, »Bild« sei rassistisch. Das hat Bahners aber nachweislich gar nicht getan. Auf Twitter rekonstruiert er den Vorgang und für den »FAZ«-Journalisten ist klar: »Wen die @BILD sich zum Feind wählt, ist egal. Sie will ihn bloß fertigmachen. Ihn am Boden sehen. Sich einbilden, dass er wimmert. Um ihre Macht zu zeigen. Wie auf dem Schulhof der Rottenboss.«

Der Rottenboss ist, das vergaß Bahners hinzuzufügen, Julian Reichelt. Seit der Übernahme der totalen Chefredakteursmacht (seit dem dem Ausscheiden von Tanit Koch als Chefredakteurin zum 1. März 2018 führt Reichelt neben der Digital-Ausgabe auch die gedruckte »Bild«) hat Reichelt das Blatt zu einem rechten Kampagnenblatt gemacht, das teilweise wie zu Axel Springers Zeiten die Politik vor sich hertreibt.

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