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Kutschtfahrt über die verbotene Insel

Mecklenburg-Vorpommern: Nach jahrelanger Blockade lockern sich die Fronten im Streit um Wustrow bei Rerik

  • Von Joachim Mangler, Rerik
  • Lesedauer: 5 Min.

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Es gibt wohl nur wenige Orte in Mecklenburg-Vorpommern, die so geheimnisumwittert sind wie die Halbinsel Wustrow bei Rerik. Die einzige Zufahrtsstraße, der schmale einspurige »Hals«, ist seit rund 14 Jahren am Ende mit einem Zaun versperrt, der bis in die Ostsee hinein reicht. Ein Wächter passt auf, dass niemand auf die rund 1000 Hektar große Halbinsel mit ihrer wechselvollen Geschichte kommt. Diese ist vor allem durch die Anwesenheit der Wehrmacht und später von Sowjet-Militär in den Jahren zwischen 1933 bis 1993 geprägt. Seit 1998 ist die Halbinsel in Privatbesitz.

Rund 80 Jahre lang war Wustrow »die verbotene Insel«. Mit der absoluten Abgeschlossenheit ist es seit Kurzem vorbei. Seit wenigen Wochen darf eine Pferdekutsche mit maximal 20 Personen eine Runde durch den oberen, etwa 300 Hektar großen Teil zuckeln, um Einheimische und Touristen durch eine bizarre Landschaft zu fahren. »Mit den Kutschfahrten erfüllen wir die Wünsche der Menschen, dass sie sich die Insel anschauen können«, erklärt Investor Anno August Jagdfeld, der Chef der Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW).

Der vor allem durch seine Nagelbilder bekannt gewordene Günther Uecker hat auf Wustrow seine Kindheit und Jugend verbracht. Der 1930 geborene Künstler erzählt immer wieder mit seinen Kunstwerken, wie er als zwölfjähriger Junge die toten Soldaten beerdigte, die er am Strand gefunden hatte.

Jeder, der auf der Kutsche mitfährt, muss unterschreiben, dass er sich korrekt verhält und nicht auf eigene Faust durch das Gelände streift. Denn hin und wieder gab und gibt es Leute, die verbotenerweise auf die Insel kommen, wie zahlreiche Posts im Internet bezeugen. Und die Bundespolizei übt zwischen Meer und Salzhaff im Schnitt zwei Mal im Jahr Häuserkampf, wie die Reriker berichten.

»Es sind alle froh, dass durch die Kutschfahrten ein bisschen Bewegung in die Sache eingezogen ist«, sagt Reriks Bürgermeister Wolfgang Gulbis (SPD). Wie die Sache am Ende aber ausgehen wird, könne noch niemand sagen, macht er die über die Jahre verhärtete Ausgangsposition deutlich.

Der Immobilienunternehmer Jagdfeld hatte 1998, als er die Halbinsel früheren Angaben zufolge für 12,5 Millionen D-Mark von der Treuhand kaufte, weitreichende Pläne. Aus den bebauten 100 Hektar in der alten Gartenstadt wollte er eine exklusive Siedlung gestalten, für Touristen und wohlhabende Senioren. Insgesamt 300 Hektar, davon 200 Hektar Ackerland, wurden zwei Meter tief umgebuddelt und von Munition befreit. Die Kosten trug der Bund. Der 700 Hektar große Rest ist ein europäisches Vogel-, Landschafts- und Naturschutzgebiet und vor allem nicht beräumt - eine munitionsverseuchte Naturidylle.

Doch die Kommunikation zwischen Jagdfeld und Rerik, das Planungshoheit über die Halbinsel hat, war nicht immer optimal. Die Stadt wolle sanften Tourismus, der Investor aber plane Urlauberpower, hieß es damals. Das Schweigen zog sich über mehrere Jahre hinweg. 2004 dann wurde die Zufahrtsstraße gesperrt. »Wustrow hat 20 Jahre nur Geld gekostet«, sagt Jagdfeld im Blick zurück.

Erst jetzt gibt es zarte Annäherungen, man spricht miteinander, die Kutschfahrten sind ein Ausdruck davon. Die meisten der 90 Häuser aus der Militärzeit in der Gartenstadt sind verfallen - »trostlos« ist ein Wort, das häufig fällt. Auf Häuser gestürzte Bäume, Balkone hängen runter, die Natur holt sich verloren gegangenes Terrain zurück. Doch immer noch sind genügend Häuser da, die ihre eigenen Geschichten erzählen können. Offiziershäuser, Mannschaftsunterkünfte, ein Krankenhaus, ein Kino oder ein Flughafen-Tower, der allerdings nie genutzt wurde, wie Jagdfeld sagt. Denn die Sowjetarmee hätte auf Wustrow nie richtige Flugzeuge stationiert, Attrappen seien hin und her geschoben worden.

Im Towergebäude gibt es eine riesige sowjetische Wandmalerei mit sowjetischen Panzern, Flugzeugen und Truppen. Überall auf dem Gelände sind die Betonreste von Flak-Fundamenten zu sehen.

Für den Geschäftsführer des Landestourismusverbands, Bernd Fischer, ist Wustrow ein Areal, das die einmalige Möglichkeit für ein hochinteressantes touristisches Produkt bietet. »Es muss als ein zukunftsweisendes und ökologisches Projekt ausgerichtet sein.« Nur das passe zu dieser Insel. Aber er verweist darauf, dass eine vernünftige Verkehrslösung dafür her muss. »Der Druck auf beide Seiten wird zunehmen. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur bei den Träumen bleibt.«

Jagdfelds ECW hat ein Verkehrsgutachten erstellen lassen, das in der Spitze von mehr als 1000 Autos pro Tag ausgeht - wenn denn die Feriensiedlung auf der Halbinsel eines Tages stehen sollte. Bürgermeister Gulbis sagt allerdings, dass es noch keine genauen Informationen über dieses Gutachten gibt. »Wie das konkret aussieht, weiß kein Mensch.« Er möchte sich solange nicht an Spekulationen beteiligen, bis konkrete Pläne auf dem Tisch liegen. Vorschläge hätte er: »Warum orientieren wir uns nicht an Hiddensee?« Diese Insel ist autofrei.

Selbst wenn das so käme, sieht Gulbis Probleme, für die es noch keine Lösungen gebe. Wohin mit dem zusätzlichen Verkehr? Wie sollen die Baufahrzeuge bewältigt werden, die möglicherweise zehn Jahre lang hin und her rollen werden. »Wir stehen am Anfang von Überlegungen«, betont er.

Reriks Bürgermeister verweist darauf, dass ein Bebauungsplan mit wenigen Häusern schon regulär länger als ein Jahr dauert. »Jetzt reden wir über 300 Hektar.« Was kann man den Menschen in Rerik zumuten, fragen sich die Verantwortlichen. Vor vielen Jahren gab es schon den Vorschlag für eine Fährverbindung übers Haff. So könnten Baufahrzeuge und künftige Wustrow-Bewohner transportiert werden, um die Gemeinde zu schonen. Doch diese Variante scheint heute vom Tisch zu sein.

Jagdfeld wiederum hofft auf ein neues Bewusstsein in der 2100-Einwohner-Kommune. »Es wäre doch schade, wenn das Gelände unerschlossen bleibt.« Ob es jemals Entscheidungen gibt und ein Ende des Dornröschenschlafs ansteht? Der Immobilienunternehmer zuckt mit den Schultern. dpa/nd

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