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Alles begann mit Filzpantoffeln

Auf den Spuren des Schuhkönigs Tomáš Bat’a im ostmährischen Zlín.

  • Von André Micklitza
  • Lesedauer: 6 Min.

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Drei mussten es sein, um der Illusion Nachdruck zu verleihen. Drei Wolkenkratzer im ostmährischen Zlín, ebenbürtig denen hinterm Großen Teich. Dort hatte der Schuhmagnat Tomáš Bat’a die industrielle Massenproduktion studiert und war dem amerikanischen Traum erlegen. Einiges übernahm er, anderes wollte er in seiner Heimatstadt Zlín viel besser anpacken.

Begonnen hatte alles im September 1894. Da startete Bat’a mit der Produktion von walachischen Filzpantoffeln, sogenannten Batovkas - beinah alle Tschechen wollten diesen Schuh. Der rasante Aufstieg nahm mit der Belieferung der österreichisch-ungarischen Armee während des Ersten Weltkrieges weiter Fahrt auf. Für diese Großorder taten sich alle Schuhmacher der Region Zlín zusammen. Nach dem Krieg war Bat’a noch nicht vermögend, hatte aber reiche Erfahrungen gesammelt. In den 1920er Jahren sank der Weltmarktpreis für Schuhe auf 50 Prozent. Bat’a nutzte die Chance und produzierte in seinem Werk erstklassige Qualität zu exakt diesem Preis, die Konkurrenz konnte da lange nicht mithalten. 1919 besichtigte Bat’a die Autoserienproduktion bei Ford, wo das Motto lautete »Autos für jedermann«. Der Tscheche leitete daraus für sich ab: »Bat’a Schuhe für jedermann«.

Der heutige Besucher ist fasziniert vom einheitlichen funktionalistischen Gestaltungsstil - für Tschechien einmalig und im europäischen Maßstab selten: Zlín zeigt sich noch heute als eine »Fabrik im Grünen« und als angenehme Stadt zum Wohnen. Hier wurde die einzige Idealstadt des Landes verwirklicht. Fast alle Bauten aus der Bat’a-Epoche sind mit roten Klinkern errichtet - Fabrikhallen, Verwaltungsgebäude sowie die fast zweieinhalbtausend Häuschen in den neun Siedlungen für die Arbeiter und Angestellten. Markant überragen die drei Wolkenkratzer die Häuser der Stadt. Das Verwaltungsgebäude Nr. 21 aus dem Jahre 1939 war mit fast 80 Metern zu jenen Zeiten das zweithöchste Gebäude Europas. Vom Café und der Dachterrasse in der obersten Etage lässt sich Zlín gut überblicken. Auch das Gesellschaftshaus, heute das Viersternehotel »Moskva«, und das Warenhaus haben die Menschen einst stark beeindruckt, kannten sie doch bislang nur Kirchen mit ebensolch hohen Türmen.

Von den 1920er bis Ende der 1930er Jahre herrschte in Zlín eine Atmosphäre wie in Amerika, was die Produktion und das Kulturleben betraf. Bat’a ließ nicht nur ein modernes Großkino für mehr als 2000 Zuschauer errichten, sondern gründete auch eigene Filmstudios, damals vor allem für eigene Werbefilme. Auch dieser Tradition blieb die Stadt treu: Unter Filmfreunden genießt das alljährliche internationale Festival für Kinder- und Jugendfilme der Stadt Zlín einen exzellenten Ruf.

Seit dem Jahre 1931 entstanden überall auf der Welt Bat’a-Ableger, so Bata-Ville in Frankreich, Batanagar in Indien oder Bata-Town in England.

1932 kam Tomáš Bat’a bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Die Nachfolge trat sein Halbbruder Jan Antonín an. 1939, kurz vor der Okkupation der Nazis emigrierte Tomáš Ba’a junior - der einzige Sohn des Firmengründers - mit etwa hundert Werksfamilien nach Kanada, er baute hier eine Fabrik und die Stadt Batawa und schließlich von dort aus ein Imperium auf.

Das Bat’a-System hat bis in die Gegenwart nichts von seiner Faszination verloren. Mit seinen Leitgedanken, zu niedrigen Preisen einfach und mit bester Qualität zu produzieren, die Selbstverwaltung und -verantwortung zu fördern und den Arbeitern und Angestellten faire Löhne und Gehälter zu zahlen sowie sich gleichzeitig um das Wohlergehen der Allgemeinheit zu kümmern, machte sich Bat’a andere Großunternehmer und auch Linke zum Feind. Den konkurrierenden Kapitalisten war seine Sozialader bei Schmälerung des Maximalprofits ein Dorn im Auge, die Linken verteufelten Bat’a, weil er den Klassenfrieden anstrebte - was hier großartig funktionierte - und somit manche marxistische Theorie in der Praxis ad absurdum führte. Auch deswegen wurde Zlín im Jahre 1949 in Gottwaldov (nach dem Namen des tschechoslowakischen Kommunisten Klement Gottwald) umbenannt. Der Bevölkerung war es unter Strafe verboten, den Namen Bat’a auch nur auszusprechen.

Selbst für die deutsche Nachkriegsentwicklung setzte Zlín - bis dahin vollkommen unbekannt - mächtige Impulse in Gang. Während der Okkupation von 1939 bis 1945 saß als einziger Deutscher Albrecht Mießbach im Verwaltungsrat der Bat’a-Werke. Er unterstützte in dieser dunklen Zeit weiterhin das fortschrittliche Bat’a-Prinzip. Nach Kriegsende wurde Mießbach ein Berater von Ludwig Erhard. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass der Gedanke der sozialen Marktwirtschaft stark von Albrecht Mießbach mit beeinflusst wurde. Somit verdient die junge Bundesrepublik ihren sagenhaften Aufstieg wohl auch den bahnbrechenden Visionen eines Tomáš Bat’a.

1989 erhielt auch Gottwaldov den alten Namen zurück. Heute ist Zlín ein quicklebendiges Zentrum Ostmährens. Auf dem ehemaligen Schuhproduktionsgelände siedelten sich dreißig Betriebe und Geschäfte sowie Gastronomie an.

In der dritten Etage des ehemaligen Fabrikgebäudes Nr. 14 ist heute das zweitgrößte Schuhmuseum der Welt beheimatet. Insgesamt sind 650 Schuhe sind zu sehen. Die Ältesten stammen aus dem 14. Jahrhundert, der wertvollste ist ein Kothurn von 1720, weltweit existieren davon nur noch 20. Es ist der Schuh einer adligen Dame mit hohem Absatz, aufgebracht auf eine flache Ledersohle. So hatte sie beides: Einen optisch grazilen Schuh, in dem sie gleichzeitig bequem gehen konnte. Im Kino des Museums sind historische Werbefilmchen zu sehen.

Architekturfans können sich eines der Tausenden Einfamilienhäuser auch von innen anschauen. Die Besitzer öffnen ihre privaten Räume immer mittwochs oder nach telefonischer Anmeldung. Die Wohnhäuser wurden in drei verschiedenen Typen erbaut, haben auf zwei Etagen reichlich sechzig Quadratmeter Wohnfläche - für die Erstbewohner ein großer Luxus zu bezahlbaren Mieten inmitten einer Gartenstadt. Nebenbei erfährt der Besucher auch viele Details zur städtebaulichen Entwicklung.

Anfang der 1930er Jahre gab Tomáš Bat’a die Konzeption für einen neuen städtischen Friedhof in Auftrag. Dieser sollte den Anforderungen bis 2050 genügen. Die Anlage wurde behutsam in das benachbarte bewaldete Hügelland eingefügt und trägt bis heute einen Parkcharakter. Im Juli 1932 eröffnet, wurde noch im gleichen Monat Tomáš Bat’a als Zweiter hier bestattet.

Bat’a Projekte strahlten auch in die Umgebung aus. Für den Transport von Kohle für die Werke in Zlín und die landwirtschaftliche Bewässerung wurde der Bat’a-Kanal angelegt, der den Fluss Morava auf Teilabschnitten zwischen Otrokovice und Sudoměřice verbindet. Die industrielle Schifffahrt endete Anfang der 1960er Jahre, dann verfiel der Wasserweg in einen Dornröschenschlaf. Erst Mitte der 1990er Jahre entschloss man sich, den Kanal wieder »wachzuküssen« - für Wassertouristen und Radler auf dem Asphalt daneben. Von Mai bis September sind die Schleusen in Betrieb. Vor allem Tschechen sind ganz närrisch auf die Wasserstraße, können sie sich doch hier auch ohne eigenes Meer bei jeder Begegnung ein freudiges »Ahoj« zurufen.

Info

Tschechische Zentrale für Tourismus,
Tel.: (030) 20 44 770, www.czechtourism.com

Literatur:
K. & A. Micklitza, »Tschechien«, Trescher Verlag, 5. Auflage 2017, 19,95 €

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