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Ende der Absperrungen

Mit dem Abriss von meist nutzlos gewordenen Stauwerken sollen europäische Flüsse wieder zum Leben erweckt werden.

  • Von Ralf Streck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Bisher scheint sich in Europa kaum jemand Gedanken zu machen, dass Staudämme ein Problem sein könnten. Ein in der vergangenen Woche vorgestellter Bericht mehrerer europäischer Umweltorganisationen hat nun die Größenordnung des Problems aufgezeigt.

In den USA werden schon seit Jahren Staudämme abgerissen, darunter auch ziemlich große. Spektakulär war der bisher größte Rückbau weltweit im Elwha-Fluss, wo zwei Staumauern mit einer Höhe von bis zu 64 Metern beseitigt wurden, um den Weg in den einst größten Laichplatz für Lachse wieder freizugeben. Die waren oberhalb der Dämme fast ausgestorben und sind nun zurückgekehrt.

An solch erfolgreichen Projekten orientiert sich die Initiative »Dam Removal Europe« (Dammrückbau in Europa). Es ist ein Zusammenschluss aus fünf Organisationen, zu dem die Umweltstiftung WWF und die World Fish Migration Foundation gehören. Man habe »allein in Frankreich, Spanien, Polen und Großbritannien mehr als 30 000 Dämme ermittelt, die obsolet sind«, sagte Pao Fernández Garrido dem »nd«. Sie ist Koautorin eines Berichts der Dammrückbau-Initiative.

Die Ingenieurin, Spezialistin für Fischtreppen, Dammrückbau und Flusssanierung erinnert daran, dass auch die EU den Fließgewässern Europas ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Nur etwa 40 Prozent weisen einen guten ökologischen Zustand auf, die Mehrzahl davon nur in höheren Berglagen. Für Fernández sind dafür insbesondere die vielen Barrieren verantwortlich, die die Flussläufe fragmentieren. Lachse, Aale, Äschen, Störe und andere wandernde Fischarten stoßen »durchschnittlich jeden Kilometer auf ein Hindernis«. Viele Dämme und Wehre seien selbst mit einer sogenannten Fischtreppe praktisch unüberwindbar.

An sechs Fallbeispielen wird gezeigt, dass sich reale Verbesserungen erst nach einem Rückbau zeigen. Erst dann können Sedimente, Nährstoffe, Treibholz und andere Materialien wieder mitgerissen werden, bilden sich Ablagerungen und verschiedenste Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere. »Frei fließende Flüsse sind auch in Europa die Arterien und bilden die reichsten Ökosysteme«, sagt Fernández. Biodiversität brauche intakte Flüsse, Feuchtgebiete und Flussdeltas. »Doch wir haben kaum noch frei fließende Flüsse in Europa.«

Das will die Dammrückbau-Initiative ändern. Die Regierungen werden aufgefordert, vor allem die nutzlos gewordenen Dämme zu beseitigen und sich für die Einhaltung der Ziele der Wasserrahmenrichtlinie einzusetzen. Die werde von der EU-Kommission gerade überprüft. Umweltschützer befürchten eine Senkung der Standards. Die Lösung zur Verbesserung der Situation liege aber auf der Hand: »Lässt man der Natur freien Lauf, erholen sich die Fischbestände rasch und selbst jahrzehntelang verlorene Fischarten kommen zurück«, erklärt Fernández. Damit kämen auch Vögel und andere vom Fischfang lebende Tiere zurück und damit »das gesamte Spektrum wassergebundener Artengemeinschaften«.

Der Bericht wartet mit Beispielen aus Dänemark, Holland, Großbritannien und Frankreich auf, wie den lange umstrittenen Abriss des Maisons-Rouges-Damms an der westfranzösischen Vienne. Dort wurden ein nicht mehr genutztes Wasserkraftwerk und eine 14 Meter hohe Staumauer beseitigt. »Es war das erste große Projekt dieser Art in Frankreich« und die Resultate seien nachweisbar sehr positiv, heißt es im Bericht. Meerneunaugen, Maifische, die zuvor »sehr begrenzt« registriert wurden, sind nun 20 Kilometer oberhalb der einstigen Mauer wieder in großer Zahl anzutreffen, auch Forelle und Lachs kehren zurück.

Frankreich steche beim Rückbau heraus. Dort seien bisher 2400 Dämme beseitigt worden. Das ist etwa die Hälfte der in Europa bisher abgerissenen Sperrwerke. In Schweden kämen noch etwa 1600 beseitigte Barrieren dazu. In den übrigen EU-Ländern ist also vergleichsweise wenig passiert. Allerdings sei die Datenbasis derzeit noch recht schlecht, erklärt die Spanierin.

Auch in ihrer Heimat wird schon abgerissen. Gegen lokalen Widerstand wurde im Frühjahr in Yecla de Yeltes ein 22 Meter hoher Damm entfernt, der nur noch als Badesee und Viehtränke benutzt wurde und sich in einem Natura-2000-Schutzgebiet befand. Im baskischen Artikutza ist geplant, eine gut 40 Meter hohe Staumauer zu anzugehen. »Abgerissen wird die Mauer vermutlich nicht«, erklärt der Biologe Arturo Elosegi. Er untersucht das Natura-2000-Gebiet und begleitet für die Universität Bilbao das Projekt wissenschaftlich. Auf Vorschlag seines Teams wurden schon sieben kleinere Dämme beseitigt.

»Hier, wo sich Flora und Fauna erhalten haben, schwere Maschinerie einzusetzen, lange Lärm zu machen und etwa 100 000 Lkw-Ladungen Schutt über kleine Straßen zu transportieren«, würde wohl mehr Schaden als Nutzen bringen, meint der Forscher. »Das Projekt wird ausgeschrieben und damit das genaue Vorgehen festgelegt«, ergänzt die Biologin Asun Yarzabal, Beauftragte für Biodiversität der Stadt Donostia (San Sebastian). Favorisiert werden ein großes Loch oder eine breite Bresche in der Mauer, damit der Fluss wieder seine Dynamik entfalten kann, ohne die Umwelt durch die Arbeiten stark zu beeinträchtigen.

Weitgehend einig sind sich Elosegi, Yarzabal und Fernández, dass es nicht um die Alternative »Staudämme Ja oder Nein« gehe. »Wir brauchen Staudämme«, sagt Elosegi. Doch sie müssten so gebaut und gemanagt werden, dass ihre Umweltauswirkung so gering wie möglich bleibt. »Und wenn sie ihren Dienst erfüllt haben oder obsolet werden, müssen sie rückgebaut werden«, sagt der Wissenschaftler.

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