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Wer alles hat, will mehr

Warum selbst Menschen, die alles haben, Gefallen an der Raffgier finden

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Ein reicher Kaufmann mit 20 000 Euro Monatsgehalt wird viermal in einem Supermarkt erwischt. Er hat Ware umetikettiert und zu Schnäppchen gezaubert, die er stolz nach Hause trug - so lange er nicht erwischt wurde. Nun muss er 208 000 Euro Strafe zahlen. Durch die Medien geistert die Frage: Warum tun Menschen so etwas? Das ist doch ein Fall für den Psychiater! Oder hat sich die Kultur verändert, gelten heute Betrügereien als gesellschaftsfähig, wo früher der ehrliche Kaufmann das Ideal war? Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? So Bert Brecht. Im kapitalistischen Alltag ist der ehrliche Kaufmann nicht zu erwarten. Oft haben ihn Zocker ersetzt, denen jedes Mittel recht ist.

In Münchens vornehmem Wohnviertel Grünwald sammelt ein Investor seit Jahren mit wohlklingenden Versprechungen viele Milliarden für »gemietete« Container ein. 2017 stellt sich heraus: Ein Schneeballsystem. Nicht realer Ertrag, sondern frische Kundengelder wurden verteilt. Die »gemieteten« Container sind verschwunden, die Sparer werden ihr Geld nicht wiedersehen.

In einem Fall, den ich selbst beobachten konnte, fälschte ein gut verdienender Ingenieur Etiketten in einem Elektronikmarkt. Er hortete die Geräte, verschenkte manche, verkaufte andere. Ihm ging es um den Kick, das Spiel mit der Gefahr. Einkaufen kann schließlich jeder, aber der Trick mit dem gefälschten Etikett fordert Geschick und vermittelt das Hochgefühl des Gewinnens in einem gefährlichen Spiel. Als ihn endlich ein Detektiv erwischte, gestand er alles und führte die Polizei zu dem Warenlager in seiner Wohnung.

Ehe er vom Milliardär zum Betrüger wurde, war Bernard Madoff in den Medien als Philanthrop präsent. Er saß im Vorstand von Stiftungen, Theatern und Colleges. Viele gemeinnützige Organisationen vertrauten ihm. Er spendete großzügig für wohltätige und kulturelle Einrichtungen.

Es gab schon früh Zweifel an der Solidität seiner Hedgefonds. Ihr Volumen war jedoch so groß, dass sich kaum jemand vorstellen konnte, dass der »beste Fondsmanager der Geschichte« seine Erträge im Schneeballsystem produzierte.

Madoff nutzte die Maske des Menschenfreundes, um karitative Stiftungen zu schädigen, darunter besonders viele jüdische, die ihrem Glaubensbruder ihr Vermögen anvertrauten. Die Jewish Federation of Greater Los Angeles, die verarmte Mitglieder der Gemeinde unterstützt, büßte 6,4 Millionen Dollar ein. Die Yeshiva University verlor mehr als hundert Millionen, viele kleinere Bildungseinrichtungen ebenfalls Millionenbeträge.

Wer sich über die Maßlosigkeit solcher Betrüger wundert, will eine wesentliche Dynamik des menschlichen Narzissmus nicht wahrhaben: Wer viel hat, ist deshalb nicht zufrieden. Es ist eine große Illusion der Armen, dass ein Politiker sie nicht ausnützen und betrügen wird, weil er ja bereits reich ist. Reichtum plus Gier nach politischer Macht stehen für einen Unersättlichen, nicht für einen Menschenfreund.

Es scheint etwas wie eine unheimliche Nähe zwischen der offenen Geltungssucht populistischer Milliardäre und der klammheimlichen Sehnsucht jener Bürger zu geben, die vor den Schaufenstern der Konsumwelten stehen und gerne die Mittel hätten, alles zu haben, was darin glitzert. Wer würde sich nicht angesichts von Donald Trump selbstkritisch und bescheiden fühlen?

Wer Angst und Schwäche abwehren muss, dem genügt begrenzte Macht nicht. Jede Einschränkung erinnert ihn an die Depression, die er manisch abwehren muss. Wer sich selbst mit Erfolg groß lügen kann, von dem wünschen sich viele den Unterricht in dieser Kunst. So festigt ihre Hoffnung auf Anteil an der von ihrem Vorbild gestohlenen Größe die Anhängerschaft gegen Einwände. Der idealisierte Führer steht für die eigene Sehnsucht nach Omnipotenz. Er nährt den Wunsch, für immer sicher zu sein und möglichst viele Menschen um sich zu versammeln, die ihn in dieser Sicherheit bestätigen.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Gründung eines Schneeballsystems zum Beispiel nicht grundlegend von der Gründung einer Sekte. Jeder Charismatiker, der eine Gemeinde glühender Anhänger um sich schart, spiegelt sich in diesen und sucht in diesem Spiegel zu verhindern, dass ihm der feste Glaube an sein Charisma abhanden kommt. Die Stifter spiritueller Schneeballsysteme besitzen freilich die Vorsicht, eine Rückzahlung der ihnen gebrachten Opfer nicht hienieden zuzusagen.

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