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Pause vom Provozieren

In Leipzig suchte Grünen-Chef Robert Habeck eher die Nähe Gleichgesinnter

  • Von Max Zeising, Leipzig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Robert Habeck wirkt erstaunt. »Für Umweltschutz zu demonstrieren, war in der DDR subversiv?«, fragt der Grünen-Vorsitzende, der im »Haus der Demokratie« in Leipzig an einem Tisch mit ehemaligen Bürgerrechtlern aus der DDR-Zeit sitzt, ungläubig in die Runde. Gerade noch hatte er sich im Nebenraum Originalplakate aus der Zeit des Widerstands gegen das SED-Regime angesehen, nun lässt er sich von Zeitzeugen die Wirklichkeit der DDR erklären - und die plaudern wie gewohnt über die alten Zeiten, so als hätten sie ihre Geschichten nicht schon tausendmal erzählt. Wie das war, als sie sich in besetzten Häusern trafen, kein Telefon hatten und nach der Arbeit neben Haushalt und Kindern die Revolution planten.

Habeck hört den Erzählungen aufmerksam zu. Der sonst so redegewandte Grünen-Chef schweigt und hakt nur dann ein, wenn er eine Nachfrage stellen will. Er schlüpft in die Rolle eines Schülers - nicht zufällig. Auf seiner Sommertour, die ihn in diesen Wochen durch Deutschland führt, will er »nicht nur schöne Bilder produzieren«, sondern »etwas über dieses Land lernen«. »Des Glückes Unterpfand« heißt die Tour, und bewusst hat sich Habeck dafür des Textes der deutschen Nationalhymne bedient: Er reist zu bedeutenden Orten der deutschen Geschichte wie dem Hermannsdenkmal in Detmold - was zu großen Irritationen führte, diente das Denkmal doch lange Zeit als Wallfahrtsstätte für Rechtsextremisten. Eine Provokation? »Eine Provokation nach rechts«, antwortet Habeck, »ich will die Deutung nationaler Symbole nicht den Nazis überlassen.«

Nun also Leipzig. Hier hat er es etwas einfacher, denn die friedliche Revolution, die im Mittelpunkt seines Besuchs steht, gilt als Musterbeispiel eines liberaldemokratischen Aufstands. Habeck nimmt an einer Stadtführung teil, die ihn zu wichtigen Stationen der Oppositionsbewegung führt: Nikolaikirche, Augustusplatz, Leipziger Ring. Der Grünen-Chef - weißes Hemd, Jeans, blaue Turnschuhe - gibt sich locker und wirkt gut gelaunt an diesem sonnigen Tag. Man merkt: Robert Habeck und der bürgerliche Widerstand - das passt sofort. Und doch zeigt das anschließende Gespräch mit den Bürgerrechtlern: Vieles ist neu für den Mann aus Schleswig-Holstein, der zur Zeit der politischen Wende gerade Abitur machte und »mit mir selbst beschäftigt war«, wie er einräumt.

Das passt ins Bild: Der Osten ist nach wie vor fremdes Gebiet für die Grünen. Bis heute sind sie hier nicht angekommen, wie die stets deutlich schlechteren Wahlergebnisse gegenüber Westdeutschland zeigen. Zwar sitzen sie - Berlin eingerechnet - mittlerweile in drei ostdeutschen Ländern in der Regierung, erfüllen aber letztlich vor allem die Rolle des Mehrheitsbeschaffers, der sich politisch nach allen Seiten offen zeigt. In Berlin und Thüringen arbeiten sie mit der Linkspartei zusammen, in Sachsen-Anhalt mit der CDU.

Robert Habeck will die Partei herausführen aus ihrer defensiven Position. »Wir müssen neue Milieus ansprechen. Wir müssen den Anspruch haben, über das 10-Prozent-Ziel hinauszugehen«, stellt er am Rande des Leipzig-Besuchs klar. Auch deshalb besucht er das Hermannsdenkmal, die Schäferkaserne Bückeburg und die Bundespolizei Inspektion in Freilassing - und Ostdeutschland. Und nicht, wie man es von einem Grünen erwarten könnte, NGOs und Flüchtlingsinitiativen.

Die Grünen wollen Menschen ansprechen, die bislang nicht als grün gelten. Da gibt es in Sachsen großes Potenzial, wenngleich Robert Habeck bei seinem Leipzig-Besuch eher auf Gleichgesinnte trifft. Die Bürgerrechtler, mit denen er ins Gespräch kommt, sind tendenziell genauso dem linksliberalen Spektrum zuzuordnen wie die Mehrzahl der etwa 50 Bürger, die sich später am Abend im Lene-Voigt-Park versammeln, um den Grünen-Chef mit Fragen zu löchern.

Es ist ein Abschluss im Wohlfühl-Modus: Die zumeist jungen Menschen sitzen auf Decken, es gibt vegetarisches Grillgut gegen Spende, während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet. Habeck kommt dazu, setzt sich dazu, streichelt einen Hund, diskutiert: über Landwirtschaft, Migration, Soziales - sehr sachlich. Der sächsische Zorn, den schon mancher Politiker bei einem Besuch im Freistaat erleben musste, ist hier ganz weit weg. Nicht verwunderlich, ist doch der Lene-Voigt-Park das Zentrum des neuen Hipsterviertels im Leipziger Osten, das in den Feuilletons als »neues Berlin« bezeichnet wird und wo eher linksliberale Studenten wohnen. Sachsens Gesellschaft zeigt sich hier nur bedingt.

Wollte Habeck aber nicht dorthin gehen, wo die Rechten schon waren? Vielleicht hätte ein Besuch in der sächsischen Provinz, in Limbach-Oberfrohna oder Annaberg-Buchholz, oder zumindest am Leipziger Stadtrand, im Plattenbaugebiet von Grünau, mehr Aufschluss darüber gegeben, wie es wirklich um die Grünen in Sachsen bestellt ist.

Spannender wird es also, wenn Habecks Co-Vorsitzende Annalena Baerbock, eine Brandenburgerin, im zweiten Teil der Sommertour durch Ostdeutschland reist. Die Ankündigung auf der Internetseite der Grünen klingt immerhin vielversprechend: »Neben dem Strukturwandel in der Industrie stehen die Umbrüche im ländlichen Raum und das Zusammenleben in sozialen Brennpunkten im Fokus.« Baerbock will mit Arbeitern der Raffinerie in Leuna diskutieren und mit Jugendlichen aus dem Wahlkreis Gera-Greiz, der bei der Bundestagswahl eines der höchsten AfD-Ergebnisse hatte, ins Gespräch kommen.

Verständlich, finden doch nächstes Jahr in drei ostdeutschen Bundesländern - Sachsen, Thüringen und Brandenburg - Landtagswahlen statt. Dort also, wo Habeck die Grünen aus der Defensive holen müsste.

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