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»In Bayern ...

Kathrin Gerlof über das ungebremste Verschwinden von freistaatlicher Landschaft unter Asphalt und Beton

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 3 Min.

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... möchte ich nicht einmal gestorben sein.« Der Künstler Herbert Achternbusch - man weiß gar nicht, ob das Wort Künstler überhaupt trifft, was der Mann alles ist und war - hat seine Herkunft nicht verleugnet, stattdessen auf höhere Ebene gedacht, was Heimat einem alles antun kann. Und er hat erkannt, dass es zugleich nicht einfach ist, anderswo ein besseres Heimatland zu finden: »So ein kleines Volk am Nordalpenrand hat Angst vor anderen und vor allem aber vor sich selber. Bei den Österreichern ist es ja noch schlimmer. Die sind ja völlig vertrottelt in den Bergen.« Kurz, aber schmerzhaft.

Am 9. August wird der Internationale Tag der autochthonen Bevölkerungsgruppen begangen, wie auch immer das aussehen mag. Es geht im weitesten Sinne um Einheimische und gedacht ist der Tag eher für jene, die sozusagen vom Aussterben bedroht sind oder längst plattgemacht wurden. Also nicht für die Bayern, die aber sehr wohl fast ganz als autochthone Bevölkerungsgruppe betrachtet werden können - wer nicht dazugehört, kommt in ein Lager. Über die ethnische Zugehörigkeit und deren Auswerfungen in die Realität ist Achternbusch regelmäßig verzweifelt, zugleich bot sie ihm viel Inspiration für sein großes Werk. Vielleicht weil, wie er selbst mal gesagt hat, in Bayern 60 Prozent der Menschen Anarchisten sind, die aber alle CSU wählen.

So langsam jedoch scheint es, als vergräme dieses Unter-sich-bleiben und Sex-nur-mit-Einheimischen nach und nach den gesamten Kollektivverstand. In Bayern (das wir mit Alpen, Wald, Hotzenplotz und Dimpfelmoser, Weißwurscht und weiß der Himmel, was da drin ist, herrlicher Landschaft, grandioser Landschaft, überwältigender Landschaft assoziieren) verschwinden jeden Tag 13 Hektar Freifläche (das ist so viel wie 18 Fußballfelder, um mal den Finger in die immer noch blutende Wunde zu legen, an der nur Özil Schuld ist) zugunsten von Gewerbegebieten oder anderen Versieglungsprojekten größeren Ausmaßes. Im Jahr umfasst die so der Natur entrissene und der totalen Verwertung zugeführte Fläche die Größe des Ammersees.

Der Räuber Hotzenplotz bekäme angesichts dessen sicher wieder eine Blinddarmverrenkung. Schließlich handelt es sich um seinen Wald und seine Landschaft, die da zubetoniert wird. Und tatsächlich gibt es in Bayern ein Volksbegehren mit dem Titel »Betonflut eindämmen«. Das spricht wieder für das Überleben ausreichend kollektiver Intelligenz und gegen die These, dass Einheimische, die nur unter sich bleiben, am Ende total blöd werden.

In einer Kleinen Anfrage der Grünen-Fraktion zum Flächenverbrauch in Bayern ist jedoch zu lesen, dass Sinn und Verstand tatsächlich nicht walten: »Es werden Gewerbegebiete ausgewiesen, die oft leer bleiben, weil die Nachbarkommune den Zuschlag bekommen hat. Später werden dann flächenverschwenderische Lagerhäuser für Logistikbetriebe in eingeschossiger Bauweise errichtet.« Nun muss man sagen, dass die Bayern ja schon die Berge haben. Warum sollten die dann noch in die Höhe bauen, das hat doch bereits der liebe Gott für sie erledigt.

2002 - lang ist es her - hat die Bundesregierung ehrgeizig und vorausschauend beschlossen, dass die Neuinanspruchnahme von Flächen bundesweit nur noch 30 Hektar pro Tag betragen und im Jahr 2050 auf Null gesetzt sein soll. Davon ist man meilenweit und haushoch entfernt. In Bayern betrug der tägliche Flächenmissbrauch (also die Zerstörung von Natur) in den Jahren 2012 bis 2015 rund zwölf Hektar pro Tag. Auf jeden Bayern und jede Bayerin kommen 654 Quadratmeter Verkehrsfläche. Nur Niedersachsen ist schlimmer.

Noch mal Herbert Achternbusch: »Diese Gegend hat mich kaputtgemacht. Und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.« Er wird wohl nicht toll finden, dass andere die Gegend kaputtmachen, bevor ihm diese Genugtuung zuteil werden kann.

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