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Aktivistische Aktionäre mögen Krawall

Finanzinvestoren wollen ThyssenKrupp zerschlagen und lassen Fußball in Mailand spielen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Entnervt warfen Vorstandsboss und Chefaufseher das Handtuch. Ein erbittert geführter Machtkampf droht einen der führenden deutschen Industriekonzerne zu zerreißen. Ulrich Lehner, er räumte am Dienstag endgültig den Aufsichtsratssessel von ThyssenKrupp, klagte gar über »Psychoterror« durch aktivistische Großaktionäre. Lehner zielte auf Cevian und den US-Fonds Elliott. Erst im Mai war der US-Finanzinvestor beim Stahlkonzern eingestiegen. Elliott besitzt zwar kaum mehr als drei Prozent der Aktien von ThyssenKrupp, schafft es aber, ein gigantisches Bedrohungsszenario aufzubauen. Und hofft, dass andere Aktionäre mitziehen.

Der DAX-Konzern habe einen »erheblichen Spielraum für operative Verbesserungen«, so Elliott schon bei seinem Einstieg. Der Hedgefonds des Investors Paul Singer kündigte zudem einen »konstruktiven« Dialog mit allen Beteiligten an, inklusive Aufsichtsrat und Management. Ob dazu Mobbing dickköpfiger ThyssenKrupp-Vorstände gehört, ist umstritten. Eine ausgefuchste internationale Medienstrategie gehört jedenfalls ebenso dazu wie ständige persönliche Interventionen beim Vorstand.

Doch was will der prominente US-Investor mit seiner Nervstrategie erreichen? ThyssenKrupp befindet sich im Umbruch: Da ist die Zusammenführung des Stahlgeschäfts mit den europäischen Aktivitäten von Tata Steel aus Indien. Der Konzern aus Düsseldorf will sich von dem schwankungsanfälligen Stahlgeschäft trennen und stärker auf Industriegüter wie Aufzüge oder Hightechteile für die Autoindustrie setzen.

Doch vor allem dem Großaktionär Cevian - die Schweden halten mehr als 15 Prozent - läuft der Umbau zu schleppend. Der Finanzinvestor forderte wiederholt eine Zerschlagung ThyssenKrupps. Durch den Einstieg von Elliott im Mai wurde der Druck auf die Konzernführung dann noch stärker.

Elliott könnte darauf spekulieren, mit seinen lautstarken Aktivitäten den Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Um dann seine Anteile zu verkaufen. Doch Elliott-Boss Singer spielt selten nur »Karo einfach«: Meist zielen seine Strategien darauf ab, dass die Teile mehr sind als das Ganze. Jedenfalls für die Aktionäre. Dazu müssten der Mischkonzern ThyssenKrupp zerschlagen und einzelne Teile gesondert an die Börse gebracht werden.

Singers Begierde gilt vor allem der Aufzugssparte. ThyssenKrupp gilt als einer der Weltmarktführer. In Atlanta im US-Bundesstaat Georgia baut die Aufzugssparte gerade eine Geschäftszentrale und einen neuen Testturm. Zwei Giganten stehen bereits im badischen Rottweil und in Südchina. 50 000 Menschen beschäftigt die Sparte, allein 15 000 davon arbeiten in den USA. 2017 trugen Fahrstühle und Rolltreppen zwar nur mit knapp einem Fünftel zum Konzernumsatz bei, sie standen aber für mehr als die Hälfte des Gewinns. Und die rasante Urbanisierung der Welt lässt die Nachfrage weiter steigen. Würde ThyssenKrupp seine Aufzugssparte herauslösen und Aktienanteile verkaufen, könnte dies einen Erlös bringen, der dem heutigen Börsenwert des Konzerns entspricht.

Während Elliott kürzlich den italienischen Fußballclub AC Mailand kaufte und eher auf schnellen Gewinn setzt, schätzt der andere ThyssenKrupp-Investor Cevian längerfristige Engagements. Nach und nach erwirbt der Fonds kleinere Anteile an Unternehmen, um zu einem der größten Aktionäre aufzusteigen. Dann ist der Fonds mit einem bedeutenden Stimmpaket auf der Hauptversammlung der Aktionäre vertreten und kann in den Aufsichtsrat aufrücken. Zu ThyssenKrupp hat Cevian seinen Züricher Partner Jens Tischendorf entsandt.

Auch Cevian macht gern von außen Druck, etwa durch zugespitzte Interviews mit Wirtschaftsblättern. So ist es den Schweden beim Versicherer Skandia und beim deutschen Kranhersteller Demag gelungen, Kasse zu machen. Beim weltgrößten Rückversicherer Münchner Rück scheiterte der Finanzinvestor dagegen, und beim Industriedienstleister Bilfinger mutierte der Einstieg zu einer bis heute anhaltenden Hängepartie.

Die grundlegende Einschätzung der aktivistischen Aktionäre teilen auch Bankanalysten und sogar mancher betroffene Vorstand: Konglomerate, die wie ThyssenKrupp aus sehr unterschiedlichen Firmen bestehen, könnten profitieren, wenn sie zerlegt würden. Zum einen sei es einfacher, Firmen zu managen, die ein überschaubares Feld beackern, zum anderen sei deren (Börsen-)Wert leichter zu berechnen.

Kritiker wie die IG Metall wenden indes ein, dass ein Konglomerat zwei große Vorteile habe. Zum einen könnten viele Funktionen zentral gebündelt und damit kostengünstiger bearbeitet werden. Zum anderen seien Mischkonzerne weniger konjunkturanfällig, weil einige Geschäftsbereiche immer besser als andere laufen. Was Arbeitsplätze sichere.

Selbst Aktionäre haben an Abspaltungen keineswegs immer Freude. Konzernteile von Metro, Deutscher Bank und Siemens floppten an der Börse. Und dass riesige Mischkonzerne durchaus agil sein können, zeigen ausgerechnet US-Börsenlieblinge wie Google oder Amazon, die längst weit mehr sind als Suchmaschinen und Paketbestelldienste.

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