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Der giftigste Ort der Welt

»Welcome to Sodom«

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, leben bestimmt »nachhaltig«, oder? Ab und an ein neuer Computer und alle zwei Jahre das aktuelle Handymodell, das muss freilich schon sein. Aber wo bleibt eigentlich der ganze Schrott, wenn die Geräte nach kurzer Lebensdauer ausgedient haben? Natürlich bringen wir die Altgeräte zurück zum Handel, der seit 2015 solcherart Elektroschrott kostenfrei zurücknehmen muss. Puh, alles richtig gemacht! Aber wie kommt es, dass laut Verbraucherzentrale nur die Hälfte aller Altgeräte recycelt wird? Und wo landet der Rest? Die Dokumentation »Welcome to Sodom« liefert die bittere Antwort. Bitter deshalb, weil der Film die Selbstgewissheit unseres Glaubens erschüttert, trotz einer auf Ressourcenplünderung und Ausbeutung beruhenden Wirtschaftsordnung wäre es mit etwas gutem Willen möglich, »nachhaltig« zu leben. Das ist ein Irrtum: Andere Menschen zahlen den Preis für unseren Lebensstil, wie der Film eindrücklich vor Augen führt.

Einst war Agbogbloshie in der Nähe der Stadt Accra in Ghana unberührtes Sumpfland. Heute befindet sich hier die größte Deponie der Welt für Elektroschrott. Sie gilt als einer der giftigsten Orte auf dem Planeten. Etwa 6000 Männer, Frauen und Kinder leben hier.

»Welcome to Sodom« eröffnet mit einer Kamerafahrt inmitten der Deponie, einmal im Kreis herum. Was zu sehen ist, lässt jedem em-pathiefähigen Betrachter das Blut stocken. Bis zum Horizont erstrecken sich die Schrottberge, dazwischen Rinnsale schwarzen, fauligen Wassers, aus denen Ziegen und abgemagerte Kühe trinken, dichte schwarze Rauchschwaden - und überall Menschen jeden Alters, die sich durch den Müll wühlen, nach jedem noch so kleinen verwertbaren Rest suchen und gleich daneben in Elendshütten leben. Der alles durchdringende giftige Qualm rührt von den Feuern, mit denen die Isolierungen der Kabel abgebrannt werden, um an das Kupfer heranzukommen. Hier also landen Ihre abgelegten Smartphones.

Die Szenerie solcher Unorte hat man so oder ähnlich schon mal gesehen. Was diesen Film auszeichnet, ist seine essayistische Herangehensweise. Er enthält sich jeglichen Kommentars, stattdessen beobachtet er intensiv den mühseligen Alltag der Beladenen und lässt vor allem einzelne Protagonisten selbst zu Wort kommen. Aus dem Off erzählen sie von ihrem Schicksal und ihren Wünschen und Hoffnungen. So schafft es der Film, den Namenlosen ein Gesicht zu geben und ihnen ihre Würde zu belassen. Besonders berührt die Geschichte eines schwulen Gambiers, den es, obwohl studierter Mediziner, aus Angst um sein Leben in die schützende Anonymität der Deponie verschlagen hat, da er zu Hause um sein Leben fürchten muss. In einer anderen Szene des Films beobachten wir zwei Männer, die ein noch funktionierendes Handy gefunden haben und sich interessiert die Urlaubsbilder einer weißen Mittelschichtsfamilie ansehen, als kämen diese von einem anderen Stern. Für die Männer ist Europa das Ziel ihrer Sehnsüchte, wie einer von ihnen freimütig berichtet. Verdenken kann man es ihnen nicht.

»Welcome to Sodom«, Österreich 2018. Regie: Florian Weigensamer, Christian Krönes; Buch: Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer. 96 Min.

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