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Zwischen Revolte und Reaktion

Andreas Guski ist eine rundum überzeugende Dostojewski-Biographie gelungen

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 3 Min.

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Andreas Guski, emeritierter Professor für Slawische Philologie an der Universität Basel, ist einer der besten Kenner von Dostojewskis Leben und Werk. Galt sein besonderes Interesse in Einzelstudien zunächst den Beziehungen zwischen dem Schreibprozess und den kommerziellen, pekuniären Problemen des Autors, gelang ihm hier die große Synthese: der Blick auf die Lebensbedingungen, philosophischen Intentionen, künstlerischen Konzepte, die Aussagen der Werke sowie ihre Wirkungsgeschichte.

Dostojewski habe im 21. Jahrhundert kaum etwas von seiner ursprünglichen Aktualität verloren, schreibt Guski und verweist darauf, dass die Werke des russischen Schriftstellers noch immer wunde Stellen unserer »(post)modernen« Welt treffen - »das Verhältnis von Wissen und Glauben, von Leib und Seele, von Individuum und Gesellschaft, von Gesellschaft und Gemeinschaft, von nationaler und transnationaler Identität«. Dass die deutsche Neuübersetzung der bekanntesten Romane Dostojewskis durch Swetlana Geier so großes Interesse fand und fast sein gesamtes Werk von deutschen Theatern inszeniert wurde, beweise, wie sehr dieser Autor ins »Krisenklima unserer Tage« passt. Leider stehen die Interpretationsansätze in der neu übersetzten Ausgabe »Sämtliche Romane und Erzählungen« Dostojewskis, die bis 1990 im Aufbau-Verlag erschienen ist, nicht im Blickfeld des Biographen.

Das Dostojewski-Bild in Deutschland war lange durch die von E. K. Rahsin (Elisabeth Kaerrick) übersetzte und von dem völkischen Kulturhistoriker Arthur Moeller van den Bruck herausgegebene Ausgabe »Sämtlicher Werke« im Münchener Piper-Verlag (1906 - 1922) geprägt, nicht weniger stark durch Karl Nötzels Studie »Das Leben Dostojewskis« (1925). Der Schriftsteller wurde dort eher als Journalist, weniger als Künstler verstanden, sein persönliches Leben galt Nötzel gar als »meist peinliches, nur leider unentbehrliches Anhängsel« an sein Werk. Auch aus diesem Grunde hat sich Guski die Aufgabe gestellt, Dostojewskis Leben und Schaffen im Kontext seiner Zeit neu darzustellen, indem er neben der persönlichen Entwicklung des Autors die materiellen Bedingungen seiner Arbeit, sein Selbstverständnis als Schriftsteller akzentuiert, seine Position auf dem russischen Buchmarkt, seinen Kampf um die Leser, seine Rolle in der Literatur und in den gesellschaftlichen Machtkämpfen, seine politischen Wandlungen zwischen Revolte und Reaktion sowie seine Bedeutung als nationaler Prophet.

Die Biographie weist sechs Hauptabschnitte auf. Der erste schildert die Aufbrüche und Abstürze von 1821 bis 1849. Nach dem »Senkrechtstart« mit dem Briefroman »Arme Leute«, der Dostojewski zum Star der Natürlichen Schule machte, kommt der Bruch mit den Kritikern um Belinski, die darauf insistieren, dass der dargestellte psychologische Konflikt ein soziales Drama sei. Auf das Kapitel über das sibirische Exil von 1850 bis 1859, das den Aufenthalt des »Staatsverbrechers« Dostojewski in Omsk und Semipalatinsk schildert, folgt ein Abschnitt über seine »literarische Auferstehung«. Diese hängt mit dem Erfolg des Feuilletonromans »Die Erniedrigten und Beleidigten« und den publikumswirksamen Spannungseffekten des Grausamen in den »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« zusammen und wird durch Werke wie »Aufzeichnungen aus einem Kellerloch« sowie »Schuld und Sühne« bestätigt. Ebenso schlüssig ordnen sich sodann die großen literarischen Erfolge, die Romane »Der Idiot«, »Die Dämonen«, »Der Jüngling« und »Die Brüder Karamasow«, in die Lebensetappen ein, wobei der gesellschaftlich bedingte Wandel im russischen Literaturbetrieb zur Sprache kommt.

Eine wissenschaftlich fundierte Biographie - locker, unkonventionell und äußerst leserfreundlich geschrieben. Sie zeigt Dostojewski als Autor von weltliterarischem Niveau, aber auch als leichtsinnigen Spieler und Lebemann, der nie aus der Verschuldung herauskam, als Liebhaber und Ehepartner, der mit Frauen nicht gerade rücksichtsvoll umging, als Zeitschriftenredakteur und Unternehmer, der ständig mit Misserfolgen zu kämpfen hatte. Er benennt seine Ressentiments gegenüber dem Westen, besonders den Deutschen, und seine antisemitischen Vorurteile. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch, dass Guski dem Leser Lust bereitet, Dostojewski wieder einmal zu lesen.

Andreas Guski: Dostojewskij. Eine Biographie. C. H. Beck. Mit 30 Abbildungen. 460 S., geb., 28 €.

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