Werbung

Streit um die »Einheitswippe«

Dauerprotest gegen Bau des Einheitsdenkmals vor Schlossattrappe

  • Von Bosse Kröger
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Dienstagabend, es ist der bisher heißeste Tag im Jahr. Auf der Wiese vor dem Reichstag ist nirgends Schatten zu finden, und auch am frühen Abend brennt die Sonne noch vom Himmel. Die »Weite« vor dem Reichstag könnte sich bald füllen, wenn es nach den Protestierenden geht, die sich seit zwölf Tagen jeden Abend um Punkt 19 Uhr hier versammeln. Stein des Anstoßes ist das geplante »Denkmal für Freiheit und Einheit« vor dem neu errichteten Stadtschloss Berlin, dem Humboldt-Forum. Die Demonstrant*innen hätten die sogenannte Einheitswippe lieber vor dem Reichstagsgebäude als vor dem Schloss. Dieses Anliegen ist ihnen so wichtig, dass sie sich vorgenommen haben, bis zum 3. Oktober jeden Tag eine Kundgebung zu veranstalten. Geplant ist, mit sieben Menschen, 77-mal, sieben Minuten zu demonstrieren, und das um 7 Uhr. Damit wollen die Aktivist*innen das Gespräch über den Standort des Denkmals lebendig halten.

»Liebe Abgeordnete aller Parteien, Wippe ja, aber bitte hier« steht auf den Pappschildern, die die Aktivist*innen hochhalten. Die zu sortieren und zu verteilen, ist gar nicht so einfach, schließlich ist der Protest mit neun Teilnehmer*innen an diesem Abend überbesetzt. In der Mitte hat sich ein Demonstrant mit einer Fotomontage der Konstruktionsplanung vor dem Reichstag postiert. Die Mitte, auf der die Wippe zu sehen wäre, ist aus dem Plakat herausgeschnitten. Die Truppe wurde vom Urheber des Entwurfes verklagt. 2500 Euro sollen sie laut eigener Aussage an das Architekturbüro Milla & Partner zahlen.

Der Stuttgarter Architekt Johannes Milla ist selbst sehr engagiert in der Debatte rund um den Standort. Erst vergangene Woche sagte er in einem Interview mit der »Berliner Zeitung«, die Reichstagswiese sei »als Ort falsch« für seinen Denkmalsentwurf. Die Protestierenden selbst hatte er vergangene Woche besucht und mit ihnen auf der Reichstagswiese diskutiert. Einigen konnten sie sich nicht.

Die Aktivist*innen, viele von ihnen Mitglieder des Vereins »Berliner Historische Mitte«, sind sich sicher: »Das Schloss und das Einheitsdenkmal, das passt nicht.« Viele von ihnen haben sich zuvor auch für die Gestaltung des Humboldt-Forums eingesetzt. Das dem nun so eine »riesige Einheitswippe« vor das frisch renovierte Portal gesetzt werden soll, halten sie für unsinnig.

Drastische Worte findet Anette Ahme, Vorsitzende des Vereins. »Das Einheitsdenkmal wäre eine Ohrfeige für den kosmopolitischen und kosmokulturellen Charakter des Humboldt-Forums«, findet sie. Gerade im Hinblick auf Debatten rund um die koloniale Vergangenheit vieler Ausstellungsstücke im Schloss hält sie das »rein deutsche« Einheitsdenkmal für unpassend. »Das ist doch absurd, wenn man dem Ganzen so eine nationale Erhebungsschüssel vor die Tür setzt«, so Ahme. Schon 2017 hatte sie regelmäßig Mahnwachen gegen den Standort der Einheitswippe organisiert, die Motivation und Ausdauer, den Protestmarathon durchzustehen, sind vorhanden, da ist sie sich sicher.

Ihr Mitstreiter, der Architekt Helmut Maier, lässt an dem Entwurf von Milla & Partner kaum ein gutes Haar. Vor allem in der »Enge« vor dem Schloss passe die Einheitswippe überhaupt nicht ins Bild. Da könne die Wippe gar nicht in Gänze erfasst werden. »Die Wippe kann dort nicht die Wirkung entfalten, die sie vielleicht verdient«, ist der Fachmann überzeugt. Wenn man ihn fragt, wäre das Denkmal in der Weite vor dem Reichstag viel besser aufgehoben. »Diese Wiese schreit doch förmlich nach Gestaltung«, meint er mit Blick auf die staubtrockene Grasfläche, die aufgrund der vielen Besucher*innen zu versanden beginnt. Auch das Bild, mit dem die Architekten für ihren Entwurf werben, sei eine »Lüge«, findet er. So sei am vorgesehenen Ort deutlich weniger Platz, als durch die Animation suggeriert würde. Zudem ist er der Meinung, diese moderne Wippe vor dem historischen Schloss, das sei doch ein schiefes Bild. Da passt das moderne Paul-Löbe-Haus neben dem Reichstag doch viel besser.

Zwei weitere Mitstreiter*innen, die ihre Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen, stimmen ihm zu. Das Denkmal sei zu groß und zu modern für den vorgesehenen Platz, den Sockel des alten Kaiser-Wilhelm-Denkmals vor dem Stadtschloss. Der für das Denkmal zudem erneut umgestaltet werden müsste. Sie können nicht nachvollziehen, warum man nun, nachdem man das Schloss für viel Geld neu errichtet hat, die Sicht darauf verbauen will. Für sie, die beide aus dem ehemaligen Ost-Berlin stammen, symbolisiert viel eher das Brandenburger Tor die deutsche Einheit. Sie sind sich sicher: Die Reichstagswiese könnte durch die Wippe viel gewinnen.

Der Bundestag hatte Anfang Juni vergangenen Jahres den Bau des Denkmals erneut beschlossen, nachdem der Haushaltsausschuss das Projekt zuvor gekippt hatte. Die Protestierenden sind von der Unbeirrbarkeit der Politik genervt. Es ginge auch anders, in Leipzig wurde der Entwurf für ein Einheitsdenkmal wieder verworfen, der Auftrag neu ausgeschrieben. Das wäre in Berlin auch möglich.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen