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Vier magische Achten

Der 8.8.’88 war der Anfang vom Ende des »burmesischen Sozialismus«.

  • Von Uta Gärtner
  • Lesedauer: 7 Min.

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Im Sommer 1988, ein Jahr vor dem Ende des »real existierenden Sozialismus« in Europa, besiegelte ein Volksaufstand in Myanmar, damals als Burma oder Birma bekannt, das Scheitern des Projektes eines »Burmesischen Weges zum Sozialismus«. Gestartet worden war er 26 Jahre zuvor von patriotischen Militärs mit dem Anspruch, die Vision der nationalen Befreiungsbewegung zu verwirklichen: eine Gesellschaft ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in der dank einer auf Gerechtigkeit basierenden sozialistischen Wirtschaft alle frei von sozialen Übeln und von Sorgen um ihren Lebensunterhalt friedlich leben können. Sie hatten am 2. März 1962 die Macht ergriffen, nachdem die Regierungspartei in den mehr als zehn Jahren seit Erlangung der Unabhängigkeit 1948 sich wiederholt als unfähig erwiesen hatten, Stabilität und Entwicklung der Union zu gewährleisten. Konzept des Militärrats war, mit zentraler Reglementierung aller gesellschaftlichen Bereiche, einschließlich der Wirtschaft, und unter Ausschluss äußerer Einflüsse sowie nichtstaatlicher Initiativen die Gesellschaft effektiv zu gestalten.

Im Ergebnis ihrer voluntaristischen Politik stand die Wirtschaft jedoch Ende 1987 vor dem Zusammenbruch mit katastrophalen Auswirkungen auf die Lebenslage der Bevölkerung und der Schmach, als Least Developed Country (LDC) zu den ärmsten Ländern der Welt zu gehören. Damit hatte die ausgeprägte Fähigkeit der Menschen Myanmars, Ungemach zu erdulden, ihre Grenzen erreicht - sie begehrten auf gegen die »Partei des Burmesischen Weges zum Sozialismus« (BSPP), die seit 1974 in zivilem Gewand die Militärherrschaft fortsetzte. Speerspitze des Aufbegehrens war zunächst die Studentenschaft. Beflügelt von Idealen und noch nicht durch gesellschaftliche Etablierung gebunden, war sie schon seit dem ersten Universitätsboykott 1920 der politischste Teil der Unabhängigkeitsbewegung, radikalisierte diese in den 1930er Jahren und brachte die meisten nationalen Führer hervor wie Aung San, Ne Win und andere. Sie blieb widerspenstig, und während des Einparteienregimes gelang es ihren Aktivisten sogar, allen Verboten zum Trotz geheime Studienzirkel zu schaffen, so dass sie zu Beginn der Unruhen als einzige soziale Gruppe organisiert war.

Es begann mit einem Streit zwischen zwei Studenten der Technischen Universität Yangon (RIT) und fünf ortsansässigen Jugendlichen am 12. März 1988, wessen Musik in ihrem Tea Shop gespielt werden sollte. Er artete, wie nicht selten, in eine Schlägerei aus, wobei einer der Studenten verletzt wurde. Die Polizei verhaftete den Schläger, ließ ihn aber bald wieder frei, was seiner Verwandtschaft mit einer örtlichen politischen Größe zugeschrieben wurde. Damit erhielt der Konflikt politische Dimension: Der studentische Zorn richtete sich fortan gegen staatliche Einrichtungen. Bei der gewaltsamen Auflösung von Demonstrationen unter Verwendung von Schrotflinten verletzten die Sicherheitskräfte am 13. März den Studenten Hpone Maw tödlich. In der Folge eskalierten Proteste und Gewalt auf beiden Seiten, kriminelle Elemente nutzten die Gelegenheit. Mancherorts wurden antimuslimische Ausschreitungen zum Ventil des Frusts. Versuche staatlicher Stellen einzulenken und mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen, wurden mit der kompromisslosen Forderung nach Rücktritt der Regierung und Wiederherstellung der parlamentarischen Demokratie, wie sie vor dem Putsch 1962 geherrscht hatte, beantwortet.

Ne Win, der die Geschicke Myanmars fast 28 Jahre lang bestimmt hatte, empfahl dem im Juli eiligst einberufenen Sonderparteitag der BSPP, dem Volkswillen durch eine Befragung entgegenzukommen, ob das Einparteienregime durch ein Mehrparteiensystem ersetzt werden soll. Die Delegierten verwarfen den Rat, konzentrierten sich auf wirtschaftliche Reformen und kürten zu allem Überdruss am 26. Juli ausgerechnet jenen Mann zum Präsidenten, der den Studierenden als »Schlächter von Yangon« verhasst war - Ex-General Sein Lwin, führend an der Niederschlagung der Studentenproteste 1962, 1974 und 1988 beteiligt.

Der wiederbelebte Bund der Yangoner Studierenden, dessen Vorsitzender mit dem programmatischen Pseudonym »Min Ko Naing« (Königsbezwinger) berühmt wurde, verbreitete vor allem per BBC und andere internationale Medien einen Aufruf, durch einen landesweiten Generalstreik die Regierung zu stürzen. Damit leiteten die Studenten die bis dahin eher einzelnen Aktionen in eine landesweite Bewegung über. Die Viererkombination der asiatischen Glückszahl 8 im gewählten Aufstandstermin - 8.8.88 - symbolisierte sowohl Siegeswillen als auch Herausforderung: Als Glückzahl Ne Wins galt die 9.

Als am 8. August 1988 um 8.08 Uhr die Dockarbeiter von Yangon die Arbeit niederlegten und in die Stadt marschierten, war dies das Signal für das ganze Land. Schlagartig breitete sich die Protestbewegung auf die meisten Städte aus und erreichte im weiteren Verlauf sogar Dörfer. Das harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte mit zahlreichen Opfern spornte die Proteste weiter an. Teils waren sie friedlich, besonders nach dem erzwungenen Rücktritt Sein Lwins am 12. August. Teils aber waren sie begleitet von gewaltsamen Ausschreitungen mit Zerstörung öffentlichen Eigentums und Plünderungen bis hin zu Lynchmorden an Funktionären der Partei und des Staates. Zunehmend schlossen sich auch Angehörige des öffentlichen Dienstes und sogar der Streitkräfte den Demonstrationen an.

Zu einer zentralen und zunehmend dominierenden Gestalt wurde Aung San Suu Kyi. Eigentlich hatte sie seit ihrem 16. Lebensjahr im Ausland gelebt, zunächst in Indien, wo ihre Mutter Daw Khin Gyi Botschafterin war. Sie studierte später in Oxford, arbeitete in New York bei der UNO und lebte zuletzt mit ihrem Mann Dr. Michael Aris und ihren beiden Söhnen in England. Als sie 1988 zur Pflege ihrer erkrankten Mutter nach Myanmar zurückkehrte, wurde sie von älteren Politikern zur Mitwirkung gewonnen. Als Tochter des Vaters der Nation, Aung San, wurde sie zur Identifikationsfigur der Massen in ihrer Sehnsucht nach Wandel. Ihr erster öffentlicher Auftritt am 24. August an der Shwedagon-Pagode wurde zum Fanal.

Mit der Berufung von Dr. Maung Maung - Jurist, Autor mehrerer Bücher über Geschichte und Rechtssystem Myanmars und dem Militär Ne Win als Biograf nahestehend - zum Präsidenten am 19. August versuchte die BSPP einzulenken. Als Sofortmaßnahmen zur Deeskalierung verfügte Maung Maung die Freilassung zahlreicher verhafteter Personen und die Aufhebung des Kriegsrechts. Zudem kündigte er die zügige Durchführung von Mehrparteienwahlen an sowie weitere Reformen. Beflügelt von der Wucht der Proteste und dem internationalen Zuspruch verweigerten die Oppositionspolitiker Aung San Suu Kyi, Aung Kyi und Tin Oo Kompromisse und bestanden auf der Maximalvariante: Bildung einer Interimsregierung anstelle der bestehenden. Ohne Legitimierung dieser durch eine Wahl, ohne Befristung ihrer Amtszeit, ohne Aussagen über das Schicksal der bisher Herrschenden forderten sie von der amtierenden Regierung praktisch eine bedingungslose Kapitulation. Das widersprach dem Selbstverständnis der militärischen Eliten, Verantwortung für den Bestand der Union und deren Unabhängigkeit zu tragen und war für sie unannehmbar.

Da Wirtschaft und Verwaltung infolge der Demonstrationen, Streiks, Plünderungen und Gewalttaten nahezu vollständig zum Erliegen kamen, gebot das Militär der katastrophalen Lage auf seine Art Einhalt: Es übernahm am 18. September 1988 die Macht, bildete einen »Staatsrat für die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung« (State Law and Order Restoration Council, SLORC) und brach jeglichen Widerstand binnen kurzem mit Waffengewalt. Insgesamt sollen bei den Unruhen rund 3000 Personen zu Tode gekommen sein, darunter viele junge Menschen. Die Verluste an öffentlichem Eigentum wurden auf rund 533 Millionen Kyat (knapp 90 Millionen US-Dollar) beziffert.

Nach der Wiederherstellung der Ordnung gingen die Militärs daran, in Anpassung an die veränderten internationalen Bedingungen nach dem Wegfall des sozialistischen Lagers ihr Konzept einer gelenkten Demokratie umzusetzen. Mit der Verfassung von 2008 und den Wahlen von 2010 und 2015 erreichten sie ihr Ziel: geordneter Rückzug ohne Verlust der Kontrollfunktion. Alle Versuche westlicher Regierungen, einen Regimewechsel zugunsten der durch die Verfolgung geschwächten Opposition zu bewirken, haben nur den Prozess verzögert und die existierenden Probleme verschärft, namentlich den seit 1948 das Land verheerende Bürgerkrieg. Die moralische und materielle Unterstützung der bewaffneten ethnischen Organisationen, Sanktionen und Blockaden schufen wirtschaftliche Engpässe mit Konsequenzen für die Bevölkerung.

Bereits unter der Regierung von U Thein Sein ab 2011 konnte der 8888er Bewegung ungehindert gedacht werden; er selbst sprach ihr eine wichtige Rolle in der politischen Geschichte Myanmars zu. Tatsächlich hat das Volk damals erfahren, dass es eine Macht ist, wenn es geeint handelt, aber auch, dass es eines Programms und einer einigen Führung bedarf, wenn es erfolgreich sein will. Die Studentenführer von damals setzten nach langer Haftstrafe ihre Tätigkeit zur Organisierung des Volkes fort, insbesondere die 2005 gebildete Gruppe »Studenten der 88er Generation« mit Min Ko Naing, Ko Ko Gyi und anderen. Die Nationale Liga für Demokratie (NLD), die am 24. September 1988 von Aung San Suu Kyi, Tin Oo, Aung Shwe, Aung Gyi gegründet wurde, blieb während der Militärdiktatur legal, wenn auch massiv behindert. Sie gewann 2015 die Wahlen und muss jetzt als Regierungspartei das Vertrauen rechtfertigen.

»Unsere Augen wurden geöffnet für die Notwendigkeit nationaler Versöhnung und Einheit als Voraussetzung, die damals begonnene Mission zu vollenden«, sagt Dr. Tin Myo Win, der als Chirurg am Rangoon General Hospital die Schrecken erlebte und jetzt Vorsitzender der Peace Commission ist. Auch andere aus der 8888er Bewegung erwachsenen Akteure einschließlich Aung San Suu Kyi orientieren nach vorn statt auf Vergeltung. Das macht Hoffnung.

Unsere Autorin (Jg. 1942) studierte an der Karl-Marx-Universität Leipzig Burmanistik und war zuletzt am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin tätig; sie engagiert sich für die Weiterführung der Myanmar-Studien in Deutschland.

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