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Das Haar muss in die Suppe!

Was fehlt uns eigentlich, dass wir so gern aburteilen, verreißen und verneinen?

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Menschen, die sich bewegen, müssen sich gegen die Gefahr des Irrtums wehren - die Trägen übernehmen den einfach. Das Ganze nennt sich Wahrheitssuche. Die findet immer neue Enthüllungstechniken. Da ist zum Beispiel, im Spitzenfußball, der infame Reiz des Videobeweises: Reflexdumm geht die Rede von jener geheiligten »Objektivität«, die seit jeher eine Vokabel von Ideologen ist, die ihre Beschränktheit zu adeln versuchen. Man kennt das ja: objektive Berichterstattung, objektive Geschichtsbetrachtung - das wird beschworen, um sich selber allzeit geschont und geschönt zu wissen. Nun also auch: jener scheinbar objektive Blick auf pikante Situationen in Strafräumen, der doch nur das tragödische Potenzial des Fußballspiels vermindert.

Eines freilich erhebt diese technische Richterschaft zum gesellschaftlich solitären Ereignis: Der Schiedsrichter ist plötzlich, just im öffentlichen Raum, ein Mensch des sichtbaren Zweifels, der freiwilligen Einkehr; er gibt vor allen Zuschauern die funktionsgesicherte Aura einer unhinterfragbaren Autorität auf, er läuft, vom Fernsehen übertragen in alle Welt, lernwillig zur Seitenlinie. Eine Instanz gesteht damit ihre Überprüfbarkeit, ihre Relativität. Als Sinnbild ist das die bemerkenswerte, geradezu sensationelle Ausnahme inmitten einer Welt der Selbstbehauptungs-Arroganzen und des Beharrungsk(r)ampfes.

Mich bewegt das Beispiel des Videobeweises, weil er mich an meine eigene seltsame Tätigkeit erinnert: Theaterkritiker. Der Theaterkritiker ist in der Regel Fortsatz einer allgemein gewordenen Gesprächsweise im Meinungsgewerbe. Ein Gewerbe, in dem Demut, Innehalten, Vorsicht längst unangemessen wirken - wir leben in einer Welt des Niederreißens, der Enthüllung, der Gier nach Rangordnungen und dem Willen, diese Rangordnungen so zu kreieren, dass auf den Rangordner das gleißendste Licht fällt.

Es ist eine Welt des Kritikopportunismus. In Fernsehinterviews zu akuten Themen: Immer noch eine Frage, immer noch kritischer - aber danach sind wir um nichts klüger. Genau elf Minuten nach dem WM-Aus der deutschen Fußballer sagte die ZDF-Reporterin zu Joachim Löw, sie wisse zwar, dass er jetzt noch nichts sagen könne oder wolle, aber sie möchte trotzdem fragen, »wie es nun mit Ihnen weitergeht«. Elf Minuten waren zu kurz, um feinfühlig zu bleiben. Aber daheim in den Redaktionen sitzen ja die Auftragskontrolleure, und der Auftrag lautet: zu bohren wider alle natürliche Scham.

Der Kritiker (von Kunst oder Gesellschaft) soll in seinen Texten möglichst nicht aufscheinen lassen, wie er auch selber mit jedem Satz um Selbstbewusstsein kämpft. Deshalb zähle ich Kritiker (mich!) grundsätzlich zu den unglücklichen Sprachbehandlern: Der Künstler darf zugeben, dass es ihm um sich selbst geht, der Kritiker (von Kunst und Gesellschaft), gar der Parteifunktionär darf das offenkundig nicht, ihm ist die große Sache auferlegt, Weltverbesserung nicht ausgeschlossen.

Nach Gott haben wir wahrscheinlich nichts Wichtigeres mehr gehabt als - Öffentlichkeit. Dort spielt sich jetzt alles ab. Dort spult sich jetzt jeder ab. Politiker, Kritiker, sonstige Meinungssoldaten: Liegt je jemand mit sich selber im Streit? Kaum. Das Grundgesetz heißt Treue zum Maßstab. Das erhebt von vornherein. Aber was ist Maßstab? Doch auch nur ein anderes Wort für Vorurteil; im Anfang des Maßstabs ist die Willkür - jeder macht sich seinen Maßstab selbst. Maßstäbe geben die Farbe in Zentimetern an; alle Maßstäbe sind unverbindlich, so wie die Messinstrumente und die Messenden unzulänglich bleiben. Wie das tapfere Schneiderlein haut der Kritiker um sich. Mit einer Elle. Und zur Rechtfertigung heißt es, nichts sei vergnüglicher (zu schreiben, zu lesen) als ein Verriss. Kerr, Polgar! Und immerhin war es Walter Benjamin, ein Patron der Branche, der zu Protokoll gab: »Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.« Furchtbar!

Was fehlt uns eigentlich, dass wir das so durchgängig brauchen, dieses Absprechen, dieses Verurteilen, dieses Verneinen? Kann das Leben denn wirklich zerschnitten werden in richtig und falsch, wahr und unwahr, gut und schlecht? Interessant ist eine Kritik (an Kunst, an Gesellschaft), die sich selber problematisch bleibt. Die Flop- oder Topgeste ist langweilig, sie ist Machtausübung im Kostüm des Dienens.

Wim Wenders kürzlich im Interview mit der »Berliner Zeitung«: »Wenn Sie sich meine Dokumentarfilme angucken, handeln die alle von Menschen, die ich mag und deren Kunst oder Arbeit ich so schätze, dass ich meine Freude oder Begeisterung daran teilen will. Ich bin keiner, der etwas infrage stellen will. Heute ist das leider das Hauptgeschäft, vor allem von investigativem Journalismus und letzten Endes auch viel zu oft der Kritik. Als junger Mann habe ich mein Studium unter anderem mit Filmkritiken verdient. Dabei habe ich fast ausschließlich über Filme geschrieben, die ich mochte. Ich fand es eine Zeitverschwendung, über Filme zu schreiben, die ich nicht mochte.«

Gefällt mir: Vorliebe entscheidet, was sonst. Der Dank treibt, nicht Distanz. Leute, die sich ständig im Ächtungsdienst befinden, kommen mir elend vor. Reicher wird ihre Sprache nicht. Ich habe Kunst stets als einen Wegweiser ins eigene Empfinden entdeckt. In Lese- und Aufführungszeit will ich etwas anfangen mit mir. Ich suche nach dem, was mich in Streit bringt mit mir selber. Merkwürdig, wie schnell ich Anlässe finde, ich wehre mich nicht. Ich will im Gelesenen und Gesehenen (überrascht, erschrocken, erfüllt) enthalten sein - mit meinen eigenen Verwünschungen und Verzweiflungen und Verstiegenheiten und Verlorenheiten und Verwüstungen. Ich weiß, dass ich nicht selber schöpfe, also: Nicht Richtertum möge aus mir sprechen, sondern offen gestandenes Verwickeltsein. Auch Verstörtheit! Gewiss: Jede Gewogenheit hat zwangsläufig auch Balken vor den Augen; Begeisterung ist stets auch Begrenztheit. Doch warum der vermeintlichen Abstandspflicht mehr zubilligen als der schönen Gefangenheit?

Essayist Sebastian Kleinschmidt schrieb: »Man muss damit leben, dass dem urteilenden Geist unserer Tage jedes Positive schlechtweg romantisch und naiv klingt.« Und er spricht vom »Ironismus im Diskurs, im literaturkritischen Wertgefüge und in den Gesten unserer öffentlichen Kommunikation«. Was wohl wesentlich mit dem Zustand der gegenwärtigen Individualkultur zu tun hat: »Sie dezimiert die Macht des Allgemeinen im Innern des Menschen ... wenn Identifikationsmöglichkeiten mit dem Allgemeinen soweit geschwunden sind, dass das geistig Gemeinsame zerstört ist, wird Ironie dandyistisch.« Sprich Worte aus wie Heimat, Deutschland, Volk, Pathos, Nation (bald womöglich sogar: Familie), und du spürst umgehend, was mit dieser Beobachtung Kleinschmidts gemeint ist. Es wirken da wohl die Desillusionierungsschübe des 20. Jahrhunderts, sie sorgten auch für einen Aufschwung jener blödesten Ironie, die mit Freuden - als sei sie selber schon politische Theologie - Erwartungen zersetzt und die schon jede gestanzte Pöbelei gegen die immertumbe Mehrheit für vorwärtsweisenden kritischen Geist hält.

Sprache hat viele Möglichkeiten. Martin Walser: »Das Urteil ist eine ihrer dürftigsten.« Im Urteil ist die Sprache am wenigstens bei sich selbst. Wer urteilt, schickt sein Schulung, seine Gescheitheit, sein Kommandierbares ins Feld - aber ist das sein Bestes? Wenn ich die Rolle, die ich als Kritiker spiele, selbstkritisch in Elemente zerlege, dann sehe ich, dass ich nicht sehr viel bin: ein bisschen Allgemeinarzt, ein bisschen Lehrer, ein bisschen Verkehrspolizist, ein bisschen Weltgeist, ein bisschen Kaninchen, ein bisschen Schlange. Aber kein bisschen Künstler, also: wie die meisten Politiker auch - kein bisschen Armut und Hilflosigkeit, kein bisschen Kopfweh und Gestotter, kein bisschen Höhenschwindel und Gossengemüt. Kein bisschen Gebrechen. Nur immer: die gut imprägnierte Außenhaut. Man ist eben Sekundärtalent, deshalb nennt man Kritiken Sekundärliteratur. Wir geben uns den Anschein eines Wissens, über das der Beurteilte, etwa der Autor oder der Regisseur, nicht verfügt, sonst hätte er die Mängel, die wir so genüsslich aufzählen, selber entdeckt und gewiss ausgemerzt.

Hegel überlieferte: Wenn die Studenten Fichtes auf der Tafel den von Fichte hingeschriebenen Satz lesen sollten, dann mussten sie dazu sagen, dass sie es sind, die jetzt diesen Satz lesen. Das Prinzip wird weitergeführt von der Heisenbergschen Unschärferelation: Wenn ein Elektron nicht beobachtet werden kann, ohne dass sein Zustand geändert wird, dann muss der Beobachter sich selbst als Störung in die Beobachtung einbringen. Das ist die angesprochene Demut des Kritikers: sich einfühlen, nicht drüberstehen - und immer davon ausgehen, dass die eigene Sicht eine begrenzte, nicht das Absolute ist. Wer sich fühlend einbringt, wird Teilnehmender am Kunstwerk - und wird also stiller, feinsinniger für alles, was (in einem Werk) einander widerspricht und doch ein Ganzes bildet. Wer etwas erfühlt, verliert Lust an Eindeutigkeitsprädikaten.

Aber, wie gesagt: Eindeutigkeitsprädikate prägen unsere Gesellschaft. Vorteilskampf durch Bloßstellung; kein gutes Haar lassen, wo es hingehört, nein, es muss in die Suppe! Das ist die Praxis im Wahlkampf, in der Talkshow, im Parlament, in der Rankinglistengier, auf jedem Konkurrenzmarkt, also schier überall. Verneinungen sind das Prä unserer Grundausstattung: Jeder tut dem anderen alles an, was er ihm, ohne dafür bezahlen zu müssen, antun kann. Doch, im Leben wie in der Kunst und auch in Zeiten der Betrübnis: Die Verneinung ist immer ein ärmerer Text.

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