Werbung

Sperling gegen die Welt

Verkörpert eine Theater-Ära und wird nun 75: Schauspieler Christian Grashof

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ein Spiel wie Schilf: Das Zarte ist das Zähe. So betreibt Christian Grashof seine Kunst. Er möchte, dass das Verschwommene exakt aussieht. Dafür gibt es zwei Lebenswege: den Rechner und den Clown. Grashof rechnet - und zwar mit allen Möglichkeiten, die im Clown liegen. Der Mensch in diesem Spiel: zwischen Energien eines David, listig-kecker Rebellion und wadenbeißerischer Ergebenheit in irgendein Räderwerk.

Er spielte am Deutschen Theater Berlin den Willy Loman in Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden«, Regie: Dimiter Gotscheff, 2003. Der dauerreisende Vertreter, müde, abgeschlafft, erfolglos. American Weh of Life: Grashof zeigte, dass dieser Typ Mensch, als bedauernswertes Produkt der Gesellschaft, stets auch verlässlich deren stabilisierender Faktor bleibt. Der Schauspieler als plusternd trotziges Männlein, von dem man irgendwann nur noch den zu großen Hut und das dünne Hälschen bemerken wird. Die Seele floh längst. Und dann jener berühmte schnelle Grashof-Gang, die Arme nach hinten, den Kopf nach vorn gereckt. Ein Mann will durch die Wand. Die Wand steht.

Oder »Doktor Caligari«, ebenfalls am DT. Filmische Ikone des Expressionismus. Jene dämonische Geschichte vom Somnambulen Cesare - einer Jahrmarkts-Attraktion, die Zukunft weissagt und nachts das Messer zieht. Dies alles auf Geheiß des Schaustellers Caligari - Direktor einer Irrenanstalt. Grashofs Caligari-Horror: Schwerpunkte für den abhängigen Menschen setzt eine Kraft von draußen, von oben, von fern. »Die Befreiung der Toten findet in Zeitlupe statt«, schrieb Heiner Müller über den Regisseur Robert Wilson. Und Wilson über Grashof: »Er ist Erfüllung meiner Phantasie vom Schauspieler: wunderbarstes Element eines Traums zu sein, der darum bittet, nicht gedeutet zu werden.« In die Formen-Farben-Kunstwelt des Texaners setzte Grashof, extravagant bizarr, etwas, das dort so schwer hineinzusenken ist: ein Herz - das man warm fühlt, auch wenn es ein kaltes bleibt.

Grashof, das 1943 geborene Arbeiterkind aus Löbau. Von Karl-Marx-Stadt, jenem Talentetheater des Intendanten Gerhard Meyer, drängte er heran an den Olymp DT, wo zunächst das quälende Warten auf hohem Niveau bestanden werden musste. »Der macht seinen Weg«, hat der Dramatiker Alfred Matusche beizeiten gesagt. Und andere gab es, von denen ist ebenfalls eine Prophezeiung überliefert: »Zu schmächtig, der schafft das nie.«

1975, da ist er fünf Jahre am Deutschen Theater, führen er und Regisseur Friedo Solter - der Entdecker, Förderer - ihre Tasso-Auffassung vor. Geist und Macht stehen zur Rede. Grashof gibt nicht den abgehobenen Poeten, sondern den jungen Aufsteiger, verstrahlt von Versagensängsten. Er offenbart den Sinn aller Sockel, der liegt in der Fallhöhe. Ein glühendes Verglimmen hin zum glaubhaftesten Satz dieser Erscheinung: »Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.«

Jetzt ist Tempo angesagt. 1977 jener Aufstand der Schauspieler, der wesentlich mitwirkt an der Schaffung des Regisseurs Alexander Lang - gemeinsam mit Roman Kaminski und eben Grashof, erarbeitet Lang eine der atemberaubendsten Interpretationen Heiner Müllers: »Philoktet«. Grashof als Odysseus: klein, bleich und gefährlich zieht er im hochgeschlossenen, schmutzig-grauen Trenchcoat die Fäden einer unerbittlichen ideologischen Konfrontation. Mit rhetorischer Beflissenheit und lügnerischer Eiseskälte.

Lang inszeniert Toller, Brecht, Grabbe, Gryphius, Strindberg - und Grashof steht fortan im Zentrum dieser klug-artifiziellen Regie, deren Bilder aus choreografischen Überzeichnungen erwachsen. Unvergesslich! Höhepunkt jener atemberaubenden Gemeinsamkeit: Langs »Dantons Tod«, 1981, Grashof als Danton: ein Feuerkopf, der sich Müdigkeit leistet. Grashof aber auch als Robespierre: Wie ein Fremder geht er durch die Welt. Bei seinem Anblick verstummen die Leidenschaften, erwacht Dämonie.

Alexander Lang über Grashofs Danton-Robespierre: »Ein Chamäleon, das, seine Perücke wechselnd, sämtliche Revolutionstheorien in den Orkus stieß, in der Erkenntnis, dass schon der geringste Schmerz die Welt infrage stellt. Nie hat solches ein anderer Schauspieler wiederholt oder wiederholen können. Wir wussten damals überhaupt nicht, wie gut wir wirklich waren.« Bilderbögen aus lauter Daseins-Bruchstücken. Zeitloser Raum, raumlose Zeit, Grashof irgendwo zwischen Kafka und Kleinem Prinzen.

Sein Spiel ist nie überrumpelnd, leichtherzig einnehmend. Weil er das beizeiten wusste, war er stets misstrauisch gegenüber DEFA und Fernsehen. »Ich hatte Angst, vielleicht auf ein Fließband zu kommen: Man schaltet’s an, und der Typ Grashof schnurrt los. Marke DDR: Belmondo für Arme - nee.« Er wartete auf lu᠆krativste Angebote - um sie abzulehnen (Frank Beyer, Gerhard Klein, Heiner Carow). Charakterstärke und Selbstzweifel, wie man es auf dem Popularitätsmarkt selten erfährt. Wobei es dennoch einige Filme gab, denen Grashof Profil gab: »Broddi«, 1975, Regie: Ulrich Thein. Geschichte eines Entwässerers im Tagebau - ein sozialistischer Simplizissimus. Erschütternd Horst Seemanns »Levins Mühle« nach Johannes Bobrowski. Grashof als Levin: Schicksal eines Juden, der fremd und stumm unter Deutschen und Polen lebt, wissend aus jahrhundertealten Erfahrungen seines Volkes, dass ihm nichts glücken wird.

Hatte Alexander Lang in Grashof den Pantomimen der Ironien und Paradoxien zur Vollendung getrieben, so hat später Thomas Langhoff das Liebenswerte, das Verletzliche hervorgekehrt. Und mag in Grashofs Spiel früher so etwas wie eine strenge Achtsamkeit gelegen haben, dass bloß nichts in Hingerissenheit untergehe, so geht nunmehr vieles in berührender Hingerissenheit auf. Nach Wendezeit-Gastspielen am Thalia Theater Hamburg, am Westberliner Schiller Theater und an den Münchner Kammerspielen arbeitet der Schauspieler ab 1992 wieder am DT. Prägt wesentlich die Zeit des Intendanten Langhoff.

Grashof als Onkel Wanja in Tschechows gleichnamigem Stück, Regie: Thomas Langhoff. Ein zerbrechlicher Brodler. Über des Spielers Wuselkörper hat diesmal ein Gott die Decke der Gefasstheit geworfen. Aber noch in aller Gedimmtheit kann die Welt klirren. Und das Klirren ist wie ein irres, trauriges Kichern. Kein Wohllaut, keine Wohlform. Aber dann, wenn es in dieser Seele namens Wanja explodiert, besser noch: wenn sie sich ganz leise freilegt, wenn der Mann mal keine Angst vor seiner Unsicherheit hat, entsteht um diesen Weichteilmenschen herum eine Sphäre betörend tiefer, trauriger Würde; dann hat Grashof Töne, die kein anderer auszusenden vermag. Plötzlich liegen des Schauspielers Hände wie zufällig vorm Gesicht. Wanjas Weinen sieht man trotzdem. Bei Jürgen Gosch, ebenfalls in »Onkel Wanja«, gibt Grashof Jahre später den gocklig verstiegenen Professor Serebrjakow: Hochfeiern der Hysterie; zwischen Krückstock und steifem Bein verheddert er sich, als wüchsen ihm tausend störrische Glieder.

Stephan Kimmig inszenierte eine Theaterfassung des Romans von Eugen Ruge, »In Zeiten des abnehmenden Lichts«. Ein Familienpanorama. Exil in Mexiko, Lager bei Stalin, Aufstieg in der DDR, Ausreise in den Westen. Wilhelm, der Parteigreis: spreizt sich bis zuletzt hanebüchen stolz, wenn er das Lied von der Partei singt, die immer recht hat. Er weiß nicht mehr, was in seinem Leben wahr und was nur Legendenbildung für Pioniernachmittage war. Grashof pumpt diesen dogmastarren Wichtigkeitswicht berserkerisch auf, dann aber: Blitzsekunden der gefühlten Hohlheit. Utopien? Man kommt nicht los, man kommt nicht an, man kommt nicht klar.

Es gibt Leute, denen begegnest du nicht ohne Folgen. Grashof, der auf nichts so drängt wie auf Gemeinsinn, spielt ein Theater der Erweckung: Du siehst danach deine Seele um eine Nuance bereichert, du weißt eine Freude um ein Gran vermehrt, du empfindest einen Schmerz um eine Schwingung heftiger. Eine Kunst des Menschen, der provokant wach bleibt in seinem Verzweiflungstrotz. Grashof - der auch an der Schauspielschule Ernst Busch lehrt - ist ein Beweis, was das Gewerbe sich im Zeitalter des Schau-Marktes noch zutraut an Ungeschütztsein. Christoph Hein: »Mit seinem markanten Schädel geht er gegen die Welt vor.« Friedo Solter: »Sperling, der in Pfützen badet.« Und Volker Braun hat in einem Brief an Grashof spontan benannt, was ihm so Wunderbares an diesem Schauspieler auffällt: »wenn deine Stimme in den erregtesten Sätzen zitternd lacht«. Am Sonntag wird Christian Grashof 75 Jahre alt.

Hans-Dieter Schütt ist Autor des Buches »Christian Grashof: Kam, sah und stolperte«, Verlag Theater der Zeit. Buchpremiere am 26. September um 20 Uhr im Deutschen Theater.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen