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»Die letzte Option«

Die Schwedin Elin Ersson verhinderte eine Abschiebung. Im Interview erklärt sie, warum sie es wieder tun würde

  • Von Martin Wähler
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Aktion Ihrer Gruppe »Sittstrejken« vom 23. Juli war erfolgreich - ein Mann wurde nicht abgeschoben. Wie wurde das Vorhaben geplant?

Normalerweise klären wir in diesen Situationen anfangs zunächst rechtliche Fragen. Doch mit weniger als vier Stunden von der Planung der Aktion bis zum Boarding hatten wir nicht viel Zeit, um das zu tun. Weil wir gut mit anderen schwedischen Aktivisten vernetzt sind, entschieden wir schnell, die Familie des Mannes, der abgeschoben werden sollte, zu unterstützen und sie somit vor dem Trauma einer Abschiebung eines Familienmitglieds zu bewahren.

Könnte »Sittstrejken« so eine Aktion nochmals machen?

Es kann wieder gelingen. Doch es ist die letzte Option. Die Anspannung für alle, die involviert sind, ist zu groß. Man sollte versuchen, die Abschiebung vorher zu verhindern.

Fühlten Sie sich während der Protestaktion gefährdet?

Ich war darauf fokussiert, die Abschiebung zu verhindern. Mir fiel gar nicht ein, dass ich irgendwie gefährdet sein könnte. Ich dachte an Ismail und seine Familie und wollte das Richtige für sie tun. Es war wirklich ein harter Tag für alle.

Als Sie die Abschiebung von Ismail erfolgreich verhindern konnten, haben Sie das Flugzeug wieder verlassen. Welche rechtlichen Folgen hat ihre Aktion?

Das kann ich ohne meinen Anwalt nicht kommentieren.

Das Video von der Aktion wurde millionenfach angesehen, viele Medien berichteten darüber. Wie fielen die Reaktionen bis heute aus?

Bis jetzt ganz gut, insbesondere die internationalen Reaktionen! Die internationale Presse scheint eher daran interessiert zu sein, was wirklich passierte und wie Schweden mit Geflüchteten umgeht.

Was genau kritisiert Ihre Organisation am Umgang der schwedischen Regierung mit geflüchteten Menschen?

Das ist ein weites Feld. Aber ich kann meine Kritik anhand der Situation für unbegleitete Minderjährige hier in Schweden verdeutlichen: Vor 2015 wurden sie rechtlich wie Staatsangehörige behandelt. Aber als immer mehr Menschen kamen, wurden viele in Schnellverfahren durch die Behörden geschickt. Es kam und kommt immer wieder vor, dass Minderjährige als volljährig eingestuft werden. Die Behörden machen es zum Beispiel Geflüchteten aus Afghanistan sehr schwer, als minderjährig zu gelten. Damit wird die Möglichkeit auf Bildung, Betreuung und auf ein gesichertes Umfeld nicht gewährleistet.

Außerdem wird für einen Volljährigen der Familiennachzug erschwert. Ich habe vor Kurzem einen 17-jährigen Jungen in Abschiebehaft kennengelernt. Er ist noch immer dort, weil das Amt für Migration ihn auf 21 Jahre schätzt.

Hilft die derzeitige Aufmerksamkeit dem Einsatz von »Sittstrejken« für Geflüchtete?

Ich hoffe es. Organisationen auf der ganzen Welt haben sich bei uns gemeldet. Wir konnten uns mit vielen Gruppen in Schweden und im Ausland vernetzen. Beim letzten Treffen einer der Organisationen, in denen ich tätig bin, tauchten viele neue Freiwillige auf. Falls Menschen diese Aktionen als Inspiration brauchen, dann hoffe ich, dass sie jetzt die Chance nutzen, um sich zu engagieren.

Im September wird in Schweden ein neues Parlament gewählt. Wie in anderen europäischen Staaten gibt es auch in dem skandinavischen Land einen Rechtsruck. Ist die Verhinderung von Abschiebungen eine wirksame Methode gegen Rechts?

Die kommende Wahl wird eine der wichtigsten im modernen Schweden sein. Ich hoffe, dass die Menschen hier so human wählen, wie nur möglich. Diese Wahl ist nicht nur für die Situation der Geflüchteten wichtig. Zur Wahl werden rechtsradikale Parteien antreten, die zum Beispiel von der Schwedischen Widerstandsbewegung (Svenska Motstandsrörelsen, SMR), einer neonazistischen Gruppierung, unterstützt werden. Viele Nazis fühlen sich dadurch bestärkt und gehen nun regelmäßig demonstrieren oder verteilen Flyer. Das ist angsteinflößend.

In ganz Europa diskutieren Linke und Menschenrechtler über den Widerstand gegen die Festung Europa, oft noch im nationalen Kontext. Ist Ihre Aktion und deren Echo ein europäischer Weckruf gegen die Abschottung der EU?

Wir müssen grenzüberschreitend agieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Grenzen dürfen uns daran nicht hindern. »Sittstrejken« hat von Anfang an in internationaler Zusammenarbeit Demonstrationen oder Kundgebungen organisiert.

Wie wird »Sittstrejken« jetzt weitermachen?

»Sittstrejken« wird wie gewöhnlich die Arbeit fortführen und vor allem Informationen über Afghanistan sammeln. Wir übergeben diese dem schwedischen Amt für Migration. Wir organisieren jede Woche eine Kundgebung, bei der wir anschließend zu diesem Amt gehen und dort unsere Erkenntnisse über Afghanistan übergeben.

Elin Ersson ist im Dezember zu Gast in Berlin und wird auf dem 68/18 Kongress

sprechen. Mehr Infos unter

www.geschichtewirdgemacht.de

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