Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Sport
  • Europameisterschaften in Glasgow

Endlich wird alles größer

Besonders für vom Fernsehen sonst unbeachtete Sportarten sind die Europameisterschaften in Glasgow ein Gewinn

  • Von Andreas Morbach, Glasgow
  • Lesedauer: 4 Min.

Gregorio Paltrinieri knetet genüsslich seine Finger und blinzelt dabei vergnügt in die Runde. Vor zwei Jahren in Rio kraulte der Langstreckenschwimmer aus der Provinz Emilia-Romagna zu Olympiagold über 1500 Meter, für die nächste Ausgabe der Spiele hat er seine Pläne inzwischen ausgeweitet. In Tokio will der 23-Jährige nicht nur im Becken, sondern auch im freien Gewässer antreten. Die olympische Distanz schwamm er zuletzt dreimal, bei der Universiade im vergangenen August in Taipeh gewann der große, schlanke Italiener den Titel über die zehn Kilometer. Bei der EM in Schottland verkneift er sich allerdings einen Start.

»Es ist einfach zu kalt hier«, begründet Paltrinieri seine Entscheidung, erklärt jedoch wacker: »Vielleicht versuche ich es im nächsten Jahr. Ich will mich im Freiwasser für Olympia qualifizieren.« Nun aber laufen zunächst mal die Europameisterschaften. Die Wettbewerbe der Langstreckenspezialisten im berühmten Loch Lomond beginnen am Mittwoch - bei Wassertemperaturen von kühlen 16 bis 18 Grad - ohne Paltrinieri, der lieber über 800 und 1500 Meter Freistil im zehn Grad wärmeren Pool die Bahnen zieht.

Beim Italiener, der auch noch in Australien trainiert und deshalb eher Hitze gewöhnt ist, hat der Geist der fünf Ringe also nur zum Teil Einzug gehalten. In einer Stadt, die mit den European Championships gerade Olympia im Miniaturformat beherbergt und mit parallelen Titelkämpfen von sechs Sommersportarten erforscht, wie viel olympisches Flair so eine kompakte Veranstaltung tatsächlich versprühen kann.

Bei den Turnern, die ihre Wettkämpfe zwei Kilometer westlich der City im SSE Hydro austragen, genügt das Ambiente auf jeden Fall höheren Ansprüchen. Die Tribünen in der großen, elegant geschwungenen Halle sind schon am frühen Vormittag zu einem guten Drittel gefüllt. Die Turnerinnen absolvieren ihre Übungen unter weichem, zwischen Violett und dunklem Rosa wechselndem Licht, das Publikum geht bemerkenswert forsch mit. Und in unmittelbarer Nachbarschaft liegt das Clyde Auditorium, ein Konzerttheater, das wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Gürteltier volkstümlich auch »The Armadillo« genannt wird. Das Bauwerk erinnert in seiner Architektur stark an die Oper Sydneys, dem Austragungsort der ausgesprochen stimmungsvollen Olympiaausgabe von 2000.

Etwas zu beeindruckt von der Atmosphäre waren offenbar die deutschen Turnerinnen am Donnerstagabend: Mit sechs Stürzen verpassten sie selbst ihr Minimalziel, das Erreichen des Mannschaftsfinales. »Die Jüngsten hatten solche Angst vor Fehlern - und dann passieren die eben«, seufzte Bundestrainerin Ulla Koch. Zumindest Weltmeisterin Pauline Schäfer behielt die Nerven. Punktgleich mit Vorkampfsiegerin Nina Derwael aus Belgien erreichte die 21-jährige Saarländerin das Finale am Schwebebalken am Sonntag und kommentierte in entspannter Angriffslust: »Ein kleines Ausrufezeichen habe ich gesetzt - jetzt will ich das Finale genießen.«

Ein Genuss der speziellen Art ist die EM in Glasgow für die Beckenschwimmer. In der wuseligen Metropole, die schon mit der Austragung der Commonwealth Games 2014 und der Turn-WM 2015 überzeugte, wird im Stadtteil Tollcross im Osten der Stadt geschwommen. »Es ist eine kleine, aber sehr schöne Halle. Da ist nicht so viel Platz, wie wir es schon mal an anderen Austragungsorten hatten, für Athleten und Zuschauer ist alles etwas enger«, sagt Chefbundestrainer Henning Lambertz. »Aber wir erhoffen uns, dass eine sehr schöne Stimmung aufkommt, wenn alles ein bisschen kleiner, sozusagen familiärer wird. So eine Stimmung kann natürlich auch auf die Athleten überschwappen.«

Die Bahnenzieher inhalieren also wenigstens einen kleinen Hauch von Olympia - die Synchronschwimmerinnen verlassen dagegen für ein paar Tage komplett ihr Schattendasein und erwarten Wettkämpfe vor ausverkauftem Haus. Völlig ungewohnt ist das Drumherum auch für Triathletin Jessica Learmonth - vor allem im Vergleich zu ihren Erlebnissen im Vorjahr, als sie in Kitzbühel Europameisterin wurde. »Hätte ich nicht selbst teilgenommen, hätte ich nichts von dem Rennen gesehen - weil es nicht im TV gezeigt wurde«, erzählt die 30-Jährige pikiert. Und weiß vor den drei Entscheidungen nächste Woche zugleich: »Diesmal ist die Außendarstellung komplett anders. Die Atmosphäre wird viel besser sein. Es sieht so aus, als ob das Ganze ein größeres Event wird.«

Learmonth begreift die Multiveranstaltung in Glasgow als glänzende Publicity für den Triathlon und glaubt, dass bald weitere Sportarten auf den anrollenden Zug European Championships aufspringen. Ihr erstes Rennen wird am Donnerstag im Strathclyde Loch gestartet. Noch weiß sie nicht, wie kalt der dann sein wird. Für die Freiwasserschwimmer darf der Loch Lomond jedenfalls nicht mehr abkühlen. Unter 16 Grad darf die Temperatur für einen Start nicht liegen. Paolo Barelli, Präsident des Europäischen Schwimmverbandes, witzelt deshalb schon: »Wir werden in den nächsten Tagen dafür beten, dass das Wasser warm genug bleibt.« Sein Landsmann Paltrinieri hat den Glauben schon verloren.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln