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  • Berlin
  • Protest gegen US-Konzern

»Google raus aus Kreuzberg«

Warum der Google-Campus negative Folgen für die Stadtentwicklung haben könnte

  • Von Philip Blees
  • Lesedauer: 4 Min.

Vergangenen Samstag haben Sie einen politischen Spaziergang durch Kreuzberg gemacht. Wie war es?

Genau, wir sind bei einem Kiezspaziergang mitgelaufen. Wir wollten mit Flugblättern und Reden informieren, was gerade in Kreuzberg rund um das Thema Tech-City passiert. Wir würden sagen, es ganz gut lief. Es waren rund 150 Personen da.

Zuletzt haben Sie Gesprächsangebote seitens Google und des Senats abgelehnt. Wieso das?

Der Interessenkonflikt zwischen Google und dessen Freunden in der Politik lässt sich nicht einfach aushandeln. Dort wird ein Dialog vorgeschoben und am Ende entscheidet der Sachzwang, aber man klopft sich auf die Schulter, weil ja alle Meinungen gehört wurden. In diese Falle wollen wir nicht tappen.

Wie kam es zu Ihrem Projekt?

Wir wollen zeigen, wie die Steigerung der Mieten mit der Veränderung der Stadtkultur zusammenhängt. Es braucht ein Verständnis dafür, was da passiert. Verdrängung muss auch in Zusammenhang mit dem Google-Campus gebracht werden. Dieser ist der Aufhänger unserer stadtpolitischen Kampagne.

Deswegen nennen Sie sich auch »Counter Campus«?

Wir haben diesen Titel gewählt, da wir unseren Protest nicht nur als Abwehrkampf begreifen möchten. Es soll als Plattform gemeinsam mit anderen diskutiert werden. Wir wollen herausfinden, wie selbstorganisiertes, selbstverwaltetes und herrschaftsfreies Leben in der Stadt möglich sein kann.

Was wollen Sie konkret damit erreichen?

Google raus aus Kreuzberg. (lacht)

Aha, und dann?

Wir wollen nicht, dass der Campus einfach raus nach Adlershof geht, sondern dass er grundsätzlich nicht eröffnen kann.

Über das Thema haben Sie auch eine Broschüre verfasst. »Do the red thing« heißt sie. Worum geht es da?

Der Titel ist erst mal ein Wortwitz mit dem Google-Werbespruch »Do the right thing«, welchen wir im kommunistischen Sinn angepasst haben. Wir wollten unsere politische Analyse zum Thema aufschreiben. Nur zu sagen, dass nun mehr Nachfrage da ist und deswegen die Miete steigt, reicht nicht aus. Es sind generell Prozesse im Gang, bei denen Akteure wie Google eine Rolle spielen. Diese wollten wir beleuchten. Das fängt schon mit kleinen Veränderungen im Stadtleben an. Es gibt aber auch eine gewisse Ideologie, die dahintersteht. Leute, die bei Start-ups oder auch bei Google arbeiten, sehen sich oft als Weltverbesserer. Dort muss man sich durchgehend mit seinem Unternehmen identifizieren, und in Interviews reden die Chefs davon, dass es angeblich gar nicht um Profit geht. Technischer Fortschritt könne die Lösung aller Probleme sein. Es kommt ein radikaler Marktliberalismus mit einem Technikoptimismus zusammen, der die tatsächlichen Verhältnisse einfach ausblendet. Um die Putzkraft der Räume, in denen die Start-up-Angestellten zusammen Yoga machen, macht sich niemand Gedanken.

Gibt es schon Beispiele, wie sich ein Google-Campus auf die Stadtentwicklung auswirkt?

Ein Beispiel ist San Francisco in den USA. Das war früher ein Ort der Gegenkultur. Diese linke Stadt veränderte sich schnell. Es kamen junge Programmierer, die mit ihren Projekten für einen Zuzug aus der ganzen Welt sorgten. Das führt dazu, dass sich kaum jemand mehr San Francisco leisten kann. Das wurde auch schon erforscht: Zum Beispiel die Mietpreisentwicklungen rund um die Bushaltestellen, an denen die Busse zu Google fahren. Dort hat man festgestellt, dass sich innerhalb eines Jahres die komplette Sozialstruktur verändert hat. Die Bewohner wurden nahezu vollständig durch Google-Mitarbeiter ersetzt.

Und auf diesem Weg ist auch Berlin beziehungsweise Kreuzberg?

Ja. Genau das wollten wir auch in unserer Broschüre darlegen. Es geht nicht darum, dass jetzt Google kommt und dann wird alles schrecklich. Es ist ein Prozess, in dem der Campus nur ein Highlight ist, dem man sich widmen muss. Es finden jetzt schon dauerhaft Mietsteigerungen statt, es lassen sich schon überall Start-ups nieder. Der Prozess der Gentrifizierung wird durch solche Projekte angeheizt. Google ist da nicht der einzige Akteur, aber ein relevanter.

Was wollen Sie nun weiter dagegen tun?

Wir wollen Google die Propaganda streitig zu machen. Das Unternehmen verkündet immer, dass es so viel bringen würde für den Kiez. Sie sollen sich für die Konsequenzen rechtfertigen müssen. Hinzu kommt natürlich die Mieterbewegung in Berlin. Die wollen wir auch für dieses Thema sensibilisieren. Deswegen machen wir am 1. September eine größere Demo gegen die Eröffnung des Campus. Da wollen wir wieder auf die Straße gehen und zeigen, dass das Zusammenspiel zwischen Unternehmensansiedlung und ökonomischer Umgestaltung zu Verdrängung führt.

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