Werbung

Hoffen auf den »Überschwappeffekt«

Wie dick kann ein Speckgürtel werden? Die Antwort kann für Kleinstädte entscheidend sein

  • Von Birgit Zimmermann, Eilenburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das Ziel des Eilenburger Oberbürgermeisters ist eine Zahl: 20 000. So viele Einwohner, sagt Ralf Scheler (parteilos), soll die sächsische Kleinstadt einmal zählen. Das ist sportlich. Ende vorigen Jahres hat Eilenburg gerade erst wieder die 16 000er-Marke erreicht. Schelers große Hoffnung liegt rund 30 Kilometer südwestlich seiner Kleinstadt - und heißt Leipzig. Eilenburg soll vom Boom der Großstadt ein Stück abbekommen. »Wir dürfen hier auf keinen Fall eine Chance verpassen, uns an diese Entwicklung dranzuhängen«, sagt Scheler. Der Stadtchef setzt auf einen Speckgürteleffekt. Kann das funktionieren? Und klappt das auch anderswo im Osten?

Eine Studie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass es inzwischen viele Menschen in Deutschland in kleine und mittlere Städte zieht. In einem Zehn-Jahres-Trend von 2006 bis 2015 zeige sich, dass vor allem die Großstädte ab 500 000 Einwohnern zunehmend Bevölkerung an ihr Umland verlieren. »Besonders hohe Zunahmen der Wanderungsverluste an das direkte Umland zeigen sich in den Regionen München, Berlin und Leipzig«, heißt es in der Studie.

Für den Osten wäre das die Umkehrung einer jahrelangen Entwicklung. Das starke Einwohner-Plus in Städten wie Leipzig oder Dresden ging lange Zeit zu Lasten der umliegenden Kreise. Die ILS-Studie zeigt, dass das vielerorts auch weiterhin der Fall ist. Magdeburg zum Beispiel gewann 2015 hauptsächlich Einwohner aus den Kreisen Harz, Salzland oder Börde dazu. Von einem »Überschwappeffekt« in die umgekehrte Richtung dort keine Spur. Auch ein Sprecher der Stadt Halle sagt: »Der Trend vom Land in die Stadt ist da.«

In Eilenburg versuchen sie seit zwei Jahren dagegen zu halten. 2016 rief die Stadtverwaltung eine Wohnstandortkampagne ins Leben - mit einem ziemlich selbstbewussten Motto: »Lieblingsstadt Eilenburg. Das Beste an Leipzig« zielt auf Zuzügler aus der benachbarten Großstadt. Scheler wirbt mit allem, was Leipzig, das seit 2012 um rund 70 000 Einwohner gewachsen ist, derzeit Probleme macht: ausreichend Schulen von der Grundschule bis zum Gymnasium, genügend Kita-Plätze und günstiges Bauland. Schön grün sei seine Stadt noch dazu.

»Es kann nur das Ziel sein, Leute zu gewinnen und Wirtschaft hierherzuholen. Auf etwas anderes lasse ich mich gar nicht ein, das wäre ja Stillstand«, sagt der Stadtchef. Den Erfolg der Kampagne könne man schwer in Zahlen fassen. Aber es gebe auf jeden Fall seit einiger Zeit einen Bauboom in Eilenburg. »Wo ich auch langfahre, baut einer gerade ein Häuschen. Und das ist doch schön«, sagt der 54-Jährige, der sich selbst einen »Ur-Eilenburger« nennt.

Max Brauer ist einer von denen, die einen Umzug von Leipzig nach Eilenburg planen. Der 28 Jahre alte Software-Entwickler baut derzeit ein Haus. Verschiedene Gründe hätten dafür den Ausschlag gegeben, sagt Brauer. Seine Frau stamme aus Eilenburg, die Schwiegereltern lebten in der Nähe. Zudem sei das Baugrundstück in Eilenburg im Vergleich zu Leipzig »supererschwinglich« gewesen. Und dank des S-Bahn-Anschlusses sei Eilenburg ziemlich gut an Leipzig angebunden. Brauer und seine Frau haben ihre Arbeitsstellen in der Messestadt. Eine halbe Stunde fährt die Bahn. »Leipzig ist immer noch sehr nah dran«, sagt Brauer.

Wie viel Hoffnung sich die Mittelstädte im Osten wirklich machen können, vom Boom der Großstädte zu profitieren, ist aus Sicht von Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung noch nicht ausgemacht. Das hänge von der Jobdynamik und dem weiteren Wachstum der Großstädte ab, sagt er. Verdrängungseffekte aus der Stadt heraus - wegen Wohnungsknappheit und extrem hoher Mieten - gebe es jedenfalls selbst im stark wachsenden Leipzig noch nicht.

OB Scheler setzt darauf, dass es genug Familien gibt, denen das Großstadtgewusel zu viel wird. Sein Ziel findet er realistisch - er hat die Zeit vor 1989 in Erinnerung, als Eilenburg 23 000 Einwohner hatte. In Kürze sei das natürlich nicht zu erreichen, sagt er. »Ich bin schon zufrieden, wenn wir einen stetigen Aufwärtstrend haben. Und wenn es dann der nächste Bürgermeister ist, der das Ziel erreicht. Aber wir haben die Grundlagen gemeinsam gelegt.« dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen