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Sofortbildersüchtig

Polaroids von Wim Wenders im c/o Berlin

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn das c/o Berlin, das Fotokunsthaus, zu Ausstellungen einlädt, eilen die Besucher herbei und reihen sich geduldig in die lange Schlange, um auf den Einlass zu warten. Das war schon so, als das legendäre Ausstellungshaus noch im alten Postfuhramt in Mitte sein Domizil hatte, und es ist auch hier im einstigen Amerika-Haus in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Zoo nicht anders. Eine echte Fangemeinde - und das c/o ist ein Wallfahrtsort für Fotoenthusiasten. Drei Ausstellungen eröffnen in der Regel zugleich, und neben der Talentförderung gibt es Hochkarätiges aus der internationalen Fotogeschichte und Erstklassiges aus der Gegenwart. Jetzt steht das Thema »Polaroid« im Mittelpunkt.

Mit einer facettenreichen Schau in den oberen Räumen werden das 80. Gründungsjubiläum der Sofortbildkameras, die Experimentierfreude der Fotografen wie Andy Warhol, Richard Hamilton oder Dennis Hopper mit Großfotos und die berühmten Quadrate mit weißem Passepartout gefeiert. In den unteren Räumen entführt Stefanie Mooshammer mit ihrem Fotoessay nach Los Angeles und lässt die Besucher teilhaben an einer skurrilen Liebeserklärung, die allerhand Fragen aufwirft. Mit Apfelsinen und Kaktus, mit eigenen und gefundenen Bildern in Orange, Pink, Grün, Blau und dem legendären Licht werden Fährten gelegt. Der erste Talent-Award des c/o Berlin geht also an die junge Österreicherin für »Can be her« (2015).

Der Andrang aber galt am Vernissageabend den Sofort-Bildern des prominenten Filmemachers Wim Wenders - unter anderem »Buena Vista Social Club« (1999), »Pina« (2011) und »Das Salz der Erde« (2014) und »Der Himmel über Berlin«. Im tiefem Nachtblau sind die Wände gestrichen. Der Besucher findet sich in einer Schatzkammer; dunkel wie das Kino zur Filmvorstellung, aber auch dunkel aus konservatorischen Gründen, als würde man sich der Blauen Mauritius nähern. Die 240 Polaroids, die hier gezeigt werden, sind ja auch empfindliche Kostbarkeiten und ganz schatzmäßig in lange vergessenen Zigarrenkästen (»Aus der Zeit, als ich noch rauchte«, O-Ton Wim Wenders ) gefunden worden. Schöne Geschichte.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der 2012 gegründeten Wim-Wenders-Stiftung und der Photographers’ Gallery in London entstanden. Felix Hoffmann und Anna Duque y Gonzalez haben Schwarz-Weiß-Polaroids aus den Anfängen, die Klassiker aus den Siebzigern bis zu den Bildern aus den Achtzigern chronologisch und thematisch gehängt, dazu Fototapete von Filmstills und bewegte Bilder im Zentrum des Geschehens mit Set-Selbstporträts des amerikanischen Schauspielers Tom Ripley.

Eine Augenfreude, eine Wohltat ist es, das bildgewordene Papier und nicht Displays zu begucken. Das, was einst beiläufig fotografiert wurde, um den Moment nicht nur festzuhalten, sondern in Echtzeit doppelt zu erleben, Reiseeindrücke zu sammeln und vor allem das Sehen für das Filmemachen zu schulen beziehungsweise Einstellungen gleich mal schnell zu überprüfen, was also zumeist eher Nützlichem diente, hat mit der Zeit eine Aura gewonnen. Diese Feierlichkeit, die sich über die Qua᠆dratbildchen mitteilt, rührt nicht allein daher, dass Wim Wenders mit seinen berühmten Filmen selbst eine Legende des internationalen Kinos geworden ist - Autor, Regisseur, Produzent -, auch nicht allein daher, weil hier Dokumente seiner visuellen Strategien und Emotionen nachlesbar sind, sondern beruht vielleicht am stärksten darauf, dass ein Polaroid ein Unikat ist, etwas, dem nach Walter Benjamin von vornherein das Auratische des Einzigartigen anhaftet. Genau dieser Aspekt hatte Wim Wenders, so ist es von ihm auch im Katalog notiert, fasziniert: Ein nicht wiederholbares, nicht einfach reproduzierbares Objekt in den Händen halten zu können, dessen Entstehung man nicht nur ausgelöst hat, sondern obendrein mit eigenen Augen miterleben konnte, das hatte eine Magie. Der Alterungsprozess, die spätere Weichzeichnung, das Spektrum der Farben, die tiefen Schatten, die Ausschnitte, all das gehört natürlich erst recht zum Faszinosum dieser Polaroids, die als Quasi-Votivbilder sowohl den Glanzmomenten als auch der Melancholie des 20. Jahrhunderts huldigen.

Der Regisseur mit der silbernen Haarmähne und der Schwarzrandbrille erklärt an anderer Stelle, und die Fotoschau macht das nachempfindbar: »Eine Geschichte kann mit einem dramatischen Moment beginnen, doch meistens fallen mir Geschichten nicht bei dramatischen Momenten ein, eher bei kontemplativen, wenn ich Landschaften, Häuser, Straßen und Bilder sehe.« So entstanden einmalige Aufnahmen: der Blick aus Hotelzimmern, das Staunen über die Wolkenkratzer, das schweifende Sehen aus dem Autofenster, Eisenbahnen, Wolken, ein Klick aus dem Flugzeug, die Schreibmaschine, New York im Dunst, zauberhaft kristalline Blautöne, die obligate Schwunglinie der Golden Gate in San Francisco. Alles erzählt vom Staunen und Neugierigsein, von der Sehnsucht und Empathie bis hin zu den Kinos, den Relikten der kleinstädtischen Filmkultur entlang der deutsch-deutschen Grenze. Dazu Porträts von berühmten Persönlichkeiten und Freunden wie Annie Leibovitz, Robby Müller, Dennis Hopper oder Peter Handke.

Die Begeisterung am Umgang mit Polaroid-Kameras war bei Wenders schon in den späten Sechzigern geweckt, als man noch Fixiermittel mit einem Schwämmchen auf das Sofortbild auftragen musste; aber mit der Ablichtung eines Frühstücks nahm seine eigene Foto- und Filmgeschichte an Fahrt auf. Es ist der Beginn der Dreharbeiten zu seinem Roadmovie »Alice in den Städten« (1974), in dem der Protagonist mit einer Sofortbildkamera des Typs SX70 durch die USA zieht. Noch bevor die legendäre Kamera auf den Markt kam, wurde Wim Wenders auf seine unerschrockene Anfrage hin ein Prototyp für seine filmische Arbeit von der Firma zugesandt.

Als der Physiker Edwin Herbert Land in Boston das Unternehmen Polaroid vor fast 80 Jahren gründete, war die Beschleunigung der Bilder mit einem fulminanten Start eröffnet. Wohin die Reise aber gehen würde, ließ sich freilich nicht erahnen. Das Thema »sofort und einmalig« wurde inzwischen um die Formel »überallhin und millionenfach teilbar« erweitert.

Bis 23. September

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