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  • Doku zum deutschen Fernsehen

Teileskapismus

Die ARD-Doku »Kulenkampffs Schuhe«

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vom Fernsehen, so sehr hat es uns schon abgestumpft, erwarten wir kaum Überraschungsmomente. Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt kurz. Erklärt der Kandidat einer uralten Quizsendung sein Schummeln da jovial mit dem Satz, er habe »bei Juden gelernt«? Sagt sein Gastgeber Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von »Einer wird gewinnen« wirklich, dies sei »das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland zu sein«? Singt Peter Alexander allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem das Hungern »schön schlank« macht? Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal beim Jubiläum von »Dalli Dalli« am Jahrestag der Reichspogromnacht Trauerschwarz statt Quietschbunt wie 1975 üblich?

In der Tat! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von »Kulenkampffs Schuhe« eindrücklich, ging es doch nicht so eskapistisch zu, wie es die Legendenbildung hierzulande besagt. Die Filmemacherin Regine Schilling arbeitet das in ihrer Collage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der 60er und 70er Jahre grandios heraus. Sie beschränkt sich dabei nämlich nicht auf den Abriss des damaligen Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.

Der Vater, 1925 in Köln geboren, also ein schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt als strebsamer Drogerie-Besitzer die Schlagerepoche in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst. Wie die meisten seiner Mitbürger lenkt er sich tagtäglich drei Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter von den Samstagen ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, »der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosel«, dazwischen Reginchen - glücklich, behütet, aber verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling nie ganz aus der Vergangenheit entlässt.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen. Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte: Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal vor sich, waren auch die Conférenciers gnadenlos der guten Laune verpflichtet.

Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube singulärer Regimegegner überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der »Dalli Dalli« ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Doch wenn der jüdische Moderator zeitgleich beim empathischen Talkmaster Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger war als im Rückblick oft beklagt.

Damit allerdings hält sich Regina Schilling nur am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Vergessenskultur der Nachkriegszeit mit der Verdrängungskultur des sogenannten Wirtschaftswunders zu einer Erinnerungskultur zwischen Auschwitz-Prozessen und »Am laufenden Band«, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.

ARD, 22.30 Uhr

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