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  • 50-Kilometer-Gehen

Dünnes Blut und krumme Knie

Ein 50-Kilometer-Gehen ist schon hart genug, bei 36 Grad wird es zur Tortur

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Breitscheidplatz von Berlin glühte am Dienstagvormittag. Von 55 Geherinnen und Gehern kamen dennoch 40 ins Ziel. Elf von ihnen stellten sogar persönliche Bestzeiten auf.
Der Breitscheidplatz von Berlin glühte am Dienstagvormittag. Von 55 Geherinnen und Gehern kamen dennoch 40 ins Ziel. Elf von ihnen stellten sogar persönliche Bestzeiten auf.

»Bei uns in der Slowakei ist Matej ein Star!« Was Stefan Frimmer da sagt, ist kaum zu glauben, schließlich ist der von ihm so gepriesene Matej Toth ein Geher. Aber die 30 mit Frimmers Fanklub extra nach Berlin angereisten Slowaken in weißen T-Shirts sind ein überzeugendes Argument an der ansonsten noch nicht so gut besuchten Budapester Straße so früh am Dienstagmorgen. Sie stehen am Wendepunkt des zwei Kilometer langen Rundkurses rund um den Breitscheidplatz mitten in Berlin.

50 Kilometer geht Toth hier mit 35 anderen Männern und 19 Frauen, 25 Mal feuern ihn seine Fans auf der 2-Kilometer-Runde an. Selbst wenn Toth nicht gerade an ihnen vorbeiläuft, machen die Slowaken viel Lärm mit Trommeln, Pauken und Tröten. »Wir fahren ihm fast überall hinterher«, sagt Frimmer. »So viele Weltmeister haben wir nicht in unserem Land. Da ist der Radfahrer Peter Sagan, und dann kommt schon Matej Toth.«

Es ist heiß in der City West. Sogar um 8:35 Uhr, als das Rennen gestartet wird, fließt so manchem Zuschauer am Streckenrand schon der Schweiß über die Stirn. In den kommenden knapp fünf Stunden, die einige Frauen hier unterwegs sein werden, wird es noch viel heißer - bis zu 36 Grad im Schatten, von dem es nicht viel gibt. Die Sportler gehen bei dieser ersten Entscheidung der Europameisterschaften von Berlin trotzdem an ihre Grenzen. Sie werden pro Stunde einen Liter Wasser trinken. Sie sind austrainiert und fit, dennoch werden einige von ihnen nach ein paar Stunden kreuz und quer laufen anstatt geradeaus.

Als Karl Junghannß sein Rennen schon nach 24 Kilometern beenden muss, ist die Hitze nicht sein Problem. »Ich habe mich noch ganz gut gefühlt. Deshalb bin ich sogar zur Spitzengruppe noch mal nach vorne gelaufen«, sagte der 22 Jahre junge Thüringer. Sein Problem waren drei Disqualifikationsanträge der Wettkampfrichter. Das war einer zu viel. Er hatte bei der Aufholjagd zu oft seine Knie nicht komplett durchgestreckt - das bittere Aus schon kurz nach der Hälfte dieser Tortur. »Ich bin doch etwas enttäuscht, weil ich gesehen habe, dass ich vorne mitlaufen kann. Aber die Frauen und Männer in der Jury sind alle vom Fach. Ich will niemandem etwas unterstellen«, akzeptierte er die Entscheidung.

Zu dem Zeitpunkt, da Junghannß’ Rennen beendet ist, fängt das des slowakischen Stars Matej Toth gerade erst an. Zum fünften Mal versucht er die Spitzengruppe zu sprengen, und diesmal gelingt es dem Weltmeister und Olympiasieger endlich. Es sieht so aus, als sollte er von nun an ein ähnlich einsames Rennen an der Spitze gehen wie die schnellste Frau im Feld, die Portugiesin Inês Henriques. Die Fans mit den Tröten, Pauken und übergroßen Pappplakaten mit Toths Konterfei drauf jubeln noch lauter als ohnehin schon. »Wir sind begeistert, vor allem weil wir ihn ja ein ganzes Jahr nicht sehen konnten«, sagt Stefan Frimmer.

In der Tat hat Toth die WM 2017 wegen einer Dopingsuspendierung verpasst. Eine Blutuntersuchung wenige Monate vor den Olympischen Spielen 2016 hatte einen extrem niedrigen Hämoglobinwert festgestellt, bevor dieser danach wieder steil anstieg. Der Weltverband IAAF eröffnete ein Dopingverfahren, doch Toth wehrte sich. Er brachte 250 Seiten voller Gegenbeweise vor, mit 25 Anhängen von sieben Blut- und Biochemieexperten aus sechs Ländern. Der Fall erinnerte an den von Claudia Pechstein, als auch mit Hilfe sehr weniger Werte ein indirekter Dopingnachweis geführt wurde, und Experten später diesen widerlegten. »Die Zeit war hart. Ich habe mich immer stark gemacht im Antidopingkampf, und nach acht Monaten wurde ich endlich freigesprochen. Es ist ein Fehler im System, denke ich«, so Toth.

Beim EM-Lauf in Berlin feiert er nun also sein Comeback, und Toth will wieder ganz nach vorn. Doch acht Monate ohne Rennen, acht Monate voller Zweifel gehen nicht spurlos an der Form vorbei. Ebenso wie 36 Grad Außentemperatur. Und so fliegen zehn Kilometer vor dem Ziel plötzlich drei Kontrahenten am Slowaken vorbei. »Da war ich nur noch im Überlebensmodus. Nach der langen Pause zurückzukommen, machte dieses Rennen zum emotionalsten meiner Karriere. Und die Hitze machte es auch zum schwersten«, sagt er später »nd«.

Immerhin zwei Gegner schnappt er sich in den letzten zwei Runden noch. Es wird Silber, den Ukrainer Marjan Sakalnyzki holt er nicht mehr ein. »Ich bin total zufrieden. Auch wenn ich immer noch nicht Europameister bin, und das der letzte Titel ist, der mir noch fehlt, war das trotzdem mein größter Erfolg«, sagt Toth, während ihm noch die Beine zittern.

Stefan Frimmer ist auch glücklich. »Es war uns egal, ob er gewinnt. Die Medaille ist toll, aber wir wollten ihn hier einfach nur so gut es geht unterstützen.« Auch wenn der 35-Jährige Toth nach seinem Olympiasieg 2016 einmal zum Sportler des Jahres in der Slowakei gewählt worden war, darf jedoch bezweifelt werden, ob er wirklich so ein großer Star ist, wie Frimmer sagt. Der Fan puppt sich nach einigen Nachfragen als Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung von Slovenska sporitelna heraus, der Sparkasse. Toth ist das Gesicht einer großen Werbekampagne der größten Bank des Landes, und auf den weißen T-Shirts der Fans ist der dazugehörige Hashtag zu lesen. Kein Wunder, dass Frimmer froh ist, dass sein Star wieder da ist.

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